In: Der neue Teutsche Merkur (1798) 2. Bd., 8. St., S. 305-311.

Aus: Menorah 3 (1925), H. 4, S. 84.


Aus: Esra 1 (1919), H. 1, S. 8-16.


In: Jüdische Volksstimme, Brünn, 1.3.1909, S. 1-2

[Text des Vortrags am Festabend der Bar Kochba am 22.1.1909 in Prag, Teil 1]

Als die Veranstalter dieses Abends mich fragten, über welches Thema ich sprechen will, sagte ich ohne Besinnen: Ueber den Abfall vom Judentum. Ich dachte, jetzt werde ich endlich sagen können, was ich auf dem Herzen habe, werde mich endlich über diese Dinge aussprechen können, die mir so viel Ekel, Verdruß, Beschämung bereitet haben. Je näher aber der Abend kam, desto deutlicher und ängstlicher kam es mir zu Bewußtsein, daß es sehr schwer ist, über den Abfall vom Judentum zu sprechen; das ist eine so persönliche Angelegenheit und in allen ihren Zusammenhängen so empfindlich, daß man eigentlich nur mit jemand darüber sprechen kann, mit dem man sehr intim ist. Wie soll ich da, in einer fremden Stadt, vor fremden Menschen darüber sprechen? Es besteht die Gefahr, daß in meine Rede ein entsetzlicher Ton von Vertraulichkeit kommt, den Sie vermutlich nicht wollen und den ich bestimmt nicht will. Zunächst werde ich also nicht sagen, was ich auf dem Herzen habe. Man kann ja auch das persönliche, augenblickliche und aktuelle bei dieser Frage vollständig beiseite lassen.

              Wichtig ist nur, ob der Abfall vom Judentum für das Judentum selbst etwas bedeutet, ob er ein Symptom für den Zustand des Judentums ist, oder nur ein Symptom für den Zustand einzelner Juden. Es ist natürlich beides der Fall. Aber dieser Abfall hat seine Gründe, die so wenig tief gehen und so an der Oberfläche sitzen, daß man sie aufzeigen muß. Ich habe einen Freund, der getauft ist – heutzutage hat jeder einen Freund, der getauft ist – und so oft wir beisammen sind und diese ruhmvolle Angelegenheit in seinem Leben gestreift wird, vermag ich es nicht zu verbergen, daß ich darüber noch immer nicht hinweggekommen bin; und dann lächelt er und sagt; „Wie kann man nur ein aufgeklärter und moderner Mensch sein und sich über die Taufe nicht hinwegsetzen!“  Ich aber muß ihm dann immer antworten: „Wie kann man ein aufgeklärter und moderner Mensch sein, und sich taufen lassen?“ Dieses Gespräch deckt einfach ein Mißverständnis auf. Der eine glaubt, er sei vollständig aufgeklärt und modern, wenn er sich taufen läßt, und der andere, weil er die Taufe perhorresziert.

              Es fragt sich eben, ist man modern, wenn man die Nützlichkeiten der Epoche spürt und ihnen folgt? Die Nützlichkeiten sind nicht immer die Notwendigkeiten; schon die Verwechslung ist fatal, wie sehr hereingefallen ist aber einer, der etwas für Nützlichkeiten hält, was dann gar nichts nützt.

              In welchen Schichten der Bevölkerung spielen sich nun diese Gespräche ab? Immer in der gesellschaftlichen Oberschicht, immer unter den wirtschaftlich Fortgeschrittenen. Taufen läßt sich jemand, der auf einem Punkte der inneren und äußerlich erkennbaren Kultur angelangt ist, wo er das Bedürfnis nach einem festen Boden in sich spürt. Diese Menschen fühlen: „Ich lebe in einer Kultur, aber ich fühle mich nicht eingewurzelt, ich – bin  ein Jude. Aber ich brauche einen festen Boden und suche Wurzeln zu schlagen.“ Das sucht nuin den Boden anderer Leute und wird zurückgewiesen; das will Wurzel schlagen und der Boden weigert sich die Wurzeln aufzunehmen. Das ist ein so beschämendes Gefühl, wie es nur ein Gärtner empfindet, der einen dürren und tückischen Boden bebaut, der ihm alle Keime vernichtet. Das Gefühl der Verlegenheit über etwas, was nicht gelingt, was immer daneben geht.

              Woher kommt nun der immer steigende Drang, vom Judentum abzufallen, und die Idee, man könne das Judentum loswerden, wie man aus einer Elektrischen aussteigen kann? Das kommt von dem Tage her, an dem wir eben emanzipiert wurden. Kaum hundert Jahre also ist es her, ungeheuer wenig in unserer Zeit, die so rasch vorwärtsstürmt, gegen unsere Jahrtausende lange Geschichte gehalten weniger als nichts. Wir sind eigentlich erst seit ein paar Stunden emanzipiert. Stellen Sie sich nun ein Volk vor, das nach einem Druck von 15 Jahrhunderten, voll unglaublicher Grausamkeit, das nun plötzlich entschnürt wird, plötzlich die Möglichkeit hat, in die Gesellschaft einzutreten. Es ist unmöglich, sich ein Volk vorzustellen, das nach diesem Druck noch existiert, geschweige denn ein Volk, das noch zu einer Kulturleistung fähig wäre. Stellen Sie sich aber ein Volk vor, das diesen Augenblick erlebt. Es ist nicht nur das größte Erlebnis dieses Volkes, es ist das größte Erlebnis, das man sich überhaupt ausdenken kann.

Vergegenwärtigen Sie sich die Stimmung der ganzen Zeit. Das Weltmotto war: Alle Menschen werden Brüder. Die Zeit, in der die Worte geschrieben wurde: Unser Schuldbuch sei vernichtet, diesen Kuß der ganzen Welt. Kosmopolit war das Wort der Mode. Unter den Klängen, unter diesen Hymnen schritt das Judentum aus dem Ghetto heraus. Die Juden haben zunächst wirklich daran geglaubt: Von jetzt ab werden alle Menschen dasselbe Recht haben. Für diese Befreiung glaubten sie sich nicht anders bedanken zu können, als indem sie alle ihre besonderen Merkmale verwischten, versteckten und aufgaben. Denken Sie sich einen Menschen, der jahrelang im Souterrain gewohnt hat, der meine Treppe gekehrt hat; und nun sage // ich eines Tages, der Mann ist ein Mensch wie ich, er hat dasselbe Recht wie ich; von heute an kommst du in meinen Salon. Sowie er hereinkommt, wird er sich in diesem Milieu unsicher, dumm und in mancher Beziehung lächerlich benehmen, er wird höchst ungeschickt sein. Entweder indem er einfach gesteht: ich kann mich nicht hineinfinden. Oder es beherrscht ihn der Wunsch: man soll mir’s nicht anmerken. Und das war die Situation der Leute, die aus den Gassen kamen, wo man es ihnen eben immer angemerkt hat. Sie haben Eigenschaften entwickelt, die der momentanen Verlegenheit entsprangen, und mit dem uns gegenüber gebräuchlichen Wohlwollen sagte man: das sind spezifisch jüdische Eigenschaften. Und wir selber glauben an dieses Wort und nehmen Reißaus mit einer Feigheit und einer Pünktlichkeit, wo wir jüdische Eigenschaften sehen, wie man nicht vor dem Satan flüchten kann. Dabei ist es für mich klar, aber vielleicht auch für Sie, und ich habe überhaupt nicht die Ambition Sie zu überzeugen, man kann überhaupt nicht überzeugen: Sie hören zu und dann geht jeder weg und denkt sich wieder das Seine, wie ich mir das meine denke. Für mich ist es einfach ergreifend, wie die Juden, den Liberalismus aufgenommen und ihren Söhnen und Enkeln übergeben haben. Sie haben es einfach in ihrem Zartgefühl vermeiden wollen, daß die ehemaligen Bedrücker an die peinliche Geschichte erinnert werden, daß sie einmal Bedrücker gewesen sind. Das ist wieder ein Beispiel für die „spezifisch jüdische“ Rachsucht. Wenn der Gegner, der uns fünfzehn Jahrhunderte geknechtet und getreten, auf allen Straßen gepeitscht und für fünfzig Gulden erschlagen hat, wenn der uns endlich losläßt, ist unser einziger Gedanke: ihn nur nicht daran erinnern!

Auf diesen Grundlagen basiert der Liberalismus, der heute Judenliberalismus geschimpft wird. Und die Juden haben sich für verpflichtet erachtet, diese Bedingung zu erfüllen und haben mit einer, beinahe möchte ich sagen „deutschen“ Treue daran festgehalten. Aber die Sache hat nicht gestimmt. Man kann nicht aus dem Judentum aussteigen wie aus einer Elektrischen. Und man kann nicht verlangen, daß ein Volk, daß Völker, die Jahrhunderte lang im Juden den Menschen zweiter Güte gesehen haben, vertragen, daß der Mann sich so benimmt, wie wenn der Mann gleich wäre. Das ist doch so natürlich. Denken Sie doch nur einmal an den Mann im Souterrain. Es ist all das eingetreten, was heute als Antisemitismus bezeichnet wird. (Doch darüber will nicht reden).

Und drei Geißeln haben uns überall entgegengehoben, drei Worte, unter denen jeder Jude in der Seele zusammenzuckt: Die Befreiung aus dem Ghetto, für die wir danken müssen, wie freigelassene Sklaven und dann: „ihr genießt Gastrecht“ – und das rief man immer gerade dann, wenn die Juden etwas bezeugt hatten, was ehrlicher, blutiger Patriotismus war; und endlich: „wir haben Euch die Kultur geschenkt.“ Hier sei eingeschaltet. Es gibt doch Juden, die etwas der Welt zu sagen haben, und so Wichtiges, daß sie es sagen müssen; und nun heißt es: du darfst reden, aber erst mußt du aufhören, Jude zu sein. Es gibt tausend Beispiele. Gustav Mahler hätte nie in die Oper kommen können, wenn er nicht den Umweg durch ein anderes Institut genommen hätte. Ich wollte das gar nicht lächerlich machen und meinte das gar nicht lustig. Daß Sie lachen, bringt mich auf die Geschichte Feilbogen. Sie war nur möglich, weil die Angehörigen unseres Volkes nach Rom gehen und dort nichts besseres zu sehen haben als den Hohepriester einer Religion, an die sie nicht glauben. Sie gehen in die Sixtina, mit der sie keine Zusammenhänge haben, aus Snobismus, weil sie glauben, daß es nobler ist, einen christlichen Priester zu sehen als einen jüdischen. Den Fall habe ich bis heute nicht verdaut, wie die ganze Judenheit geglaubt hat, sich wegen dieser Schweinerei entschuldigen zu müssen. Wir müssen uns nicht immer entschuldigen, wenn in einem Volk von acht Millionen einer eine Schweinerei macht.

*) Diese Rede wurde auch in der Zeitschrift Selbstwehr (Nr. 4/1910) abgedruckt (PHK).

Max Grünfeld: Schoen-Mirjam. Eine einfache Geschichte aus dem Leben des mährischen Ghettos.

In: Dr. Bloch’s Wochenschrift. Wien, H.51, 1906, S. 924-25 bzw. Nr. 52, S. 944-945, Nr. 53, S. 964-965

Kurzfassung:

Ausgangspunkt ist ein Leichenzug aus der Gasse an den ‚guten Ort‘. Zu Grabe geleitet wird eine Frau, über die eine andere aus diesem Zug (Gitl) meint, sie sei eine „schöne Person, eine gute Person, ein bissel leichtsinnig“ gewesen, habe aber ihren Sohn, der unter den sechs Trägern des Sarges ist, sehr geliebt. Schoen-Mirjam war ihr Name. Nach erfolgtem Begräbnis wird das Leben dieser Mirjam rekapituliert.

Dieses wird nicht nur mit Akzent auf ihre frühe Schönheit (wie jene Lilien Sarons) erzählt, sondern auch mit dem Verweis auf „einen höheren Flug“ ihres Geistes, der sie über die „grauen Mauern“ des Ghettos weit hinausgebracht hatte (Ende Textteil 1). Teil 2 handelt vom Bildungshunger des jungen Mädchens, das sie in ein Spannungsverhältnis zum Vater Jaakow (Geist des Kindes werde vergiftet), der Lehrer im Cheder ist, bringt, sowie zu den anderen (weibl.) Heranwachsenden in der Gasse; verantwortlich dafür werden die deutschen Bücher gemacht: „Mit der ganzen Welt des Ghetto’s lag sie bald in einem offenen Kampfe“. Sie galt als nicht ehefähig, weil den Männern überlegen, aber ohne ökonom. Ressourcen u. zudem auch als hochmütig. Der 3. Teil berichtet schließlich von ihrem ‚Fall‘: der Verführung durch einen jungen Offizier, der nicht halten kann bzw. will, was er versprach u. einen Glaubenswechsel einfordert, worauf Mirjam nicht eingeht, was jedoch zugleich zum Ruin der Familie führte: ihr Vater ohne Schüler, die Mutter, die einen Milchhandel betrieb, vergrämt; im Zuge des Versöhnungsfestes ein Eklat, an dessen Folgen der Vater verstirbt, bald danach auch die Mutter. Mirjam, selbst Mutter eines Sohnes, wandelt sich zur Büßerin, gestützt auf jene (unverheiratete) Gitl, die ihr hilft, ihn großzuziehen. Der verschwundene Vater des jungen Jaakow hinterlegt monatl. Geld beim Rabbiner, die für seine Ausbildung u. Zukunft gedacht sind. Gitls Bruder (Ahron), ein armer Dorfgeher, verliebt sich bei einem Pessach-Seder in Mirjam, die schließlich in eine Ehe mündete. Dies nützt der Text zu abschließenden Reflexionen über die „vielgeprießene“ moderne Liebe, die Mirjam wenig eingetragen hätte, während die Ehe, „nach altem Gesetz“ dagegen Glück gebracht und ein doch noch erfülltes Leben ermöglicht habe, aus dem Ahron allerdings eines Winterabends jäh gerissen wurde. Mirjams nachfolgenden Jahre waren dem Sohn, dem Ghetto und seinen Sorgen gewidmet, wodurch ihr ‚Sündenfall‘ am Ende aufgerechnet war.

Ossip Dymow: Pogrom. Feuilleton

In: Dr. Bloch’s Wochenschrift, Nr. 27/1906, S. 457-458

Kurzfassung:

In einer namenlosen Stadt versammeln sich nachts verängstigte Menschen an verschiedenen Orten, vor allem in einem Keller, verfolgen verängstigt mit, wie in den Straßen über ihnen Häuser in Brand gesteckt, Menschen auf der Flucht an- bzw. niedergeschossen werden, begleitet von Hilferufen. Der Besitzer des Hauses befindet sich mit seinem Sohn, einem Gymnasiasten, ebenfalls im Keller; sie bemühen sich, anderen Schutz Suchenden Platz zu geben und zugleich unauffällig zu agieren, Hereinstürzende zu beruhigen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Der alte Mann lässt seine Kindheit aufblitzen, Momente Revue passieren, die er damals im Keller zugebracht hatte, im Keller als Rückzugsort, der nun zum Fluchtort geworden war. Plötzlich tritt ein verhärmtes Paar mit einem Kleinkind in den dunklen Raum, einem Kind, das weint und kaum beruhigt werden kann. Aus Angst vor näherkommenden Schritten nimmt ein Mann der Mutter das Kind aus den Armen und es gelingt ihm, es zu beruhigen. Genau in diesem Moment stößt die Mutter einen Schrei aus; später ist in Zeitungen zu lesen, dass an jenem Tag sechs Männer und ein Kind ermordet wurden und nur die Mutter, für eine Wahnsinnige gehalten, unangetastet blieb.