ADOLF JELLINEK: DANTE ALS VERTHEIDIGER DES TALMUD

Zur Biographie: Adolf Jellinek

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 25. Jahrgang, Ausgabe 2 vom 09.01.1885, S. 17f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Als hätte der Talmud es geahnt, daß eine Zeit kommen würde, in welcher Eisenmenger und seine Abschreiber ihn verspotten und lächerlich machen würden, schrieb er, daß man die Hagada oder den allegorischen und poetischen Theil desselben nicht plumpen Geistern mittheilen soll, da sie mit ihren rauhen Fäusten den zarten Blüthenstaub, der die edlen Pflanzen der Hagada bedeckt, wegwischen und diese verunstalten würden. Ja, die Hagada gleicht einem lieblichen, duftenden Blumenbeete, in welches man nicht mit täppischer Hand hieneingreifen darf, um sich mit den farbenreichen Blüthen und Blättern zu freuen. Abraham Ibn Esra, einer der geistvollsten Schriftsteller im zwölften Jahrhundert, verglich einen Theil des Talmud, der unter dem Namen Hagada bekannt ist, mit einem feinen, dünnen Seidenstoffe, den man nicht etwa wie Sackleinwand berühren und gebrauchen dürfe. Und in der That, wie roh und rauh wurden die feinsten und schönsten Allegorien von bornirten Spöttern behandelt! Ohne poetischen Sinn und ohne Esprit versahen sie die hagadischen Dichtungen mit einer unbeholfenen Interlinear-Uebersetzung und riefen dann mit der kreischenden Stimme boshafter und zanksüchtiger Weiber aus: Seht, das ist die Weisheit der Juden, das ist der Talmud!

Wohlan denn! Wir wollen Eisenmenger’s „Entdecktes Judenthum“ aufschlagen und dann den italienischen Dichterfürsten citiren, damit er als Anwalt und Vertheidiger der Hagada auftrete und sie nicht blos gegen den Spott ihrer plumpen Gegner in Schutz nehme, sondern ihr ein Blättchen aus jenem Lorbeerkranz schenke, der sein Haupt ruhmvoll schmückt.

Der Talmud erzählt nämlich folgende Geschichte:

R. Elieser, Sohn des Hyrkanos hatte bereits die zwanzig Jahre hinter sich, als er anfing die Elemente der Religionswissenschaft zu studieren. Was ihm an frischer, jugendlicher Empfänglichkeit fehlte, das ersetzte er durch bewundernswerthen Fleiß und unermüdlichen Eifer. Allein er entbehrte sein ganzes Leben der geistigen Zeugungskraft und zeichnetet sich mehr durch starres Festhalten an den überlieferten Lehrsätzen aus, so daß man ihn „eine verkalkte Cisterne“ nannte, „die keinen Tropfen Wasser verliert.“ Einst hatte er, der Mann der starren Tradition, viele Religions- gesetze vorgetragen, die von den Weisen nicht gut geheißen wurden. Um seine Autorität zu be- stärken, nahm er zu Wundern seine Zuflucht. Dieser Baum möge für mich zeugen, rief er aus, und der Baum entfernte sich von seinem Standorte. Als dieser Beweis für seine Aussagen nicht fruchtete, rief er das Wasser an und dieses strömte rückwärts. Auch dieses Wunder blieb wirkungslos und, siehe da, eine Himmelsstimme rief aus: Es werde nach der Ueberlieferung Elieser’s entschieden. Da sprach R. Josua, der Schüler des R. Jochanan ben Sakkai, der ein Jünger Hillels war: Die Thora ist nicht im Himmel; im Judenthum entscheidet die Mehrheit der Weisen und nicht eine übernatürliche Stimme aus den Höhen. Hierauf traf ein Lehrer den Propheten Elias und auf seine Frage: was Gott wohl jetzt mache? antwortete der Prophet: Er lächelt und freut sich und spricht: „Meine Kinder haben mich besiegt!“

Der plumpe Eisenmenger, der in der Uebertragung dieser talmudischen Allegorie sich eines Sprachschnitzers* schuldig macht, der selbst eines Rohling unwürdig ist, begleitet diese Hagada mit der Bemerkung: „Aus dieser talmudischen Raserey sehen wir, daß Gott, wie wohl er des R. Eliesers Meinung durch so große Wunder bestättiget haben soll, dennoch endlich habe gestehen müssen, daß er Unrecht gehabt und von den weisen Rabbinen mit dem Disputiren seye überwun- den worden.“

Natürlich wird diese Expectoration des gottesfürchtigen Eisenmenger von den großen Talmudisten unter den Antisemiten wiederholt, um zu beweisen, welche lächerliche Vorstellungen die talmudischen Juden von Gott sich machen. Was ist das für ein Gott, rufen sie aus. Er läßt sich von den Rabbinen besiegen; so viel Macht bebesitzen diese; sie sind noch mächtiger als Gott in Himmel.

Hören wir jetzt den großen Florentiner, wie er den Talmud in glänzender Weise vertheidigt.

Im dritten Theile seiner „Divina Commedia“, im zwanzigsten Gesange des „Paradiso“ lesen wir folgende Verse:

„Regnum Coelorum violenzia pate
Da caldo amore, e da viva speranza,
Che vince la divina volontate;
Non a guisa che l’uom all’ uomo sovranza, Ma vince lei, perchè vuole esser vinta,

E vinta vince von sua beninanza.

Das Reich der Himmel leidet Ueberwält’gung
Durch brünst’ge Lieb und durch lebend’ge Hoffnung, Von denen Gottes Wille wird besieget.
Nicht, wie der Mensch den Menschen überwältigt, Vielmehr siegt er, weil er sich läßt besiegen,
Und so besiegt, siegt er durch seine Güte.“

Diese herrlichen Verse Dante’s sind der poetische Commentar zu unserer von Eisenmenger verspotteten Allegorie. Gott läßt sich besiegen, nicht etwa, weil er wie ein Mensch überwältigt wird, sondern weil er sich willig besiegen läßt und obwohl besiegt als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht. Bei Dante ist es seine eigene Güte, von welcher sein göttlicher Wille sich besiegen läßt; im Talmud – ist es sein Ebenbild oder die, dem Menschen verliehene göttliche Vernunft, welche gegen Wunderzeichen und Himmelsstimmen kraft ihrer Denkgesetze und Schlüsse siegt. Es siegt die Liebe in Gott, wenn sein Wille der brünstigen Liebe und der lebendigen Hoffnung der Menschen nachgiebt; es siegt die Weisheit in Gott, wenn ihre Tochter, die menschliche Vernunft, nicht vor Wundern und übernatürlichen Manifestationen sich beugt, sondern sich selbst und der ihr innewohnenden Gotteskraft vertraut.

Die jüdischen Commentoren haben sich sehr viel Mühe gegeben, unsere talmudische Allegorie zu deuten, besonders die Schlußstelle derselben; der unsterbliche Dichter der „Divina Commedia“ commentirt sie am besten und belebt ihren Schlußsatz mit dem poetischen Hauche seines „Para- dieses.“

Der feindseligste aller modernen Antisemiten, E. Dühring in Berlin, will den Einfluß des jüdischen Schriftthums auf Dante verantwortlich machen für die grausamen Strafen, die er in seiner Hölle über die Verdammten verhängt. Wohl hat er nach dem Urtheile Gioberti’s die Sprache der Bibel auf die wunderbare Diction der Divina Commedia mächtigst eingewirkt;** was aber die Hölle betrifft, so hat deren Schöpfer sich durchaus nicht vom Geiste des Judenthums inspiriren lassen.

Wahrhaft rührend ist es, wenn Dante in dem „limbo“ oder in dem „Vorhof“ der Hölle die edels- ten Griechen und Römer „sonder Hoffnung in Sehnsucht schmachtend“ sehend, weil sie der Taufe entbehren, wehmüthig ausruft:

„Gran duol mi prese al cor quando lo intesi, Perrocchè gente die molto valore
Conobbi che in quel limbo eran sospesi.“

„Als ich dies hört’, ergriff mich tiefer Schmerz,
Weil ich erkannte Leute großer Tugend,
Die in dem Zwischenreich des Vorhofs schwebten.“

Wäre Dante’s großes Werk vom Hauche des Judenthums durchweht, † so hätte der Anblick von Sokrates und Plato in dem „limbo“ das Herz des Dichters nicht mit Schmerz erfüllt; denn die Pforten des Paradieses stünden ihnen offen! Der einzige Ausspruch des göttlichen Plato, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes genannt zu werden verdient, verleiht ihm ein Anrecht, neben Ben Asai einen Platz einzunehmen, welcher den Vers, daß alle Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen sind, als ein Grundprincip des Judenthums erklärte. Die jüdische Hölle ist eng, das jüdi- sche Paradies ist sehr weit und hat Raum für die edlen und Guten aller Nationen. Das „Gan Eden“ oder jüdische Paradies ist ein Pantheon, in welchen die Frommen der gesammten Menschheit ohne Unterschied der Race und der Religion weilen und wandeln und auf dessen Eingang der Psalmvers zu lesen ist:

„Diese Pforte führt zu Gott:
Alle Frommen ziehen durch sie ein.“

* Das Wort chajech, er lachte, übersetzt dieser Professor: Ich schwöre dir bei deinem Leben, als hieße es: Chajecha!

** Il padre della nostra poesia e della nostra prosa fù squisitamente biblico, non solo nella Divina Commedia, ma nel Con- vivio e nelle altre sue opere e sarebbe utile e curioso lavoro il raccogliere gli orietanlismi di questo genere che sono spar- si per le tre Cantiche. Del Primato morale e civile degli Italiani pag. 396.

† Dieser Punkt wird noch in einem anderen Zusammenhange, in der III. Serie der „Sprichwörter“ nämlich, von uns erörtert werden.

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