CHAIM NACHMAN BIALIK: OFFENBARUNG UND VERHÜLLUNG IN DER SPRACHE

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In: Selbstwehr, 19. Jahrgang, Ausgabe 18 vom 01.05.1925, S. 1-4

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Mit Genehmigung des Jüdischen Verlages bringen wir aus der demnächst im Verlage erscheinen Sammlung „Essays“ nachstehenden Aufsatz zum Vorabdruck. Deutschen Lesern wird durch dieses neue Buch zum ersten Mal Gelegenheit geboten, den größten hebräischen Dichter Ch. N. Bialik als geistvollen Essayisten kennen zu lernen. Die in den „Essays“ vereinigten Aufsätze sind von Viktor Kellner zum ersten Male ins Deutsche übertragen.

(Nachdruck verboten. Copyright 1925 by Jüdischer Verlag.)

Die Menschen streuen an jedem Tage, absichtlich und in ihrer Einfalt, eine Fülle von Worten in den Wind mitsamt ihren mannigfachen Verbindungen, und nur wenige von ihnen wissen oder bringen sch zum Bewußtsein, was jene Worte in den Tagen ihrer Macht gewesen sind. Wie viele von den Worten kamen nur nach schweren Geburtswehen, die viele Geschlechter lang währten, zur Welt; wie viele leuchteten jäh wie Blitze auf und erhellten in einem Fluge eine ganze Welt; durch wie viele zogen und wanderten ganze Scharen lebender Seelen; die eine ging, die andere kam, und jede ließ Schatten und Duft hinter sich zurück: wie viele dienten als Gefäße für den feinen und überaus komplizierten Mechanismus tiefer Gedanken und erhabener Gefühle in ihren wunderbarsten Verbindungen und Verknüpfungen. Es gibt Worte, die Gebirge Gottes, und Worte, die ein tiefer Abgrund sind. Mitunter ist in einem kleinen Wörtchen die Quintessenz eines Lebens aufbewahrt, die ganze Unsterblichkeit der Seele eines tiefgründigen philosophischen Systems, die Summe einer ganzen Weltanschauung. Es gibt Worte, die zu ihrer Stunde Völker und Länder auf die Knie geworfen, Könige von ihrem Throne verjagt, die Grundfesten der Erde und des Himmels erbeben gemacht haben. Es kam ein Tag, da diese Worte ihre Größe verloren und auf den Markt geworfen wurden; jetzt sind sie wohlfeil geworden wie Linsen und die Menschen werfen sie in leichtem Plaudern hin und her.

Ist das etwa verwunderlich? Naturbegebenheiten muß man ruhig hinnehmen. So ist’s der Lauf der Welt: Worte steigen zur Größe empor und Worte sinken und werden profan. Wesentlich ist: Du findest in der Sprache kein Wort so gering, daß es nicht im Augenblicke, da es geboren ward, eine mächtige und ehrfurchtgebietende seelische Offenbarung gewesen wäre, ein gewaltiger und erhabener Sieg des Geistes. In dem Augenblicke zum Beispiel, da der erste Mensch stumm und starr blieb ob der Stimme des Donners – „die Stimme Gottes erschallt mit Macht, die Stimme Gottes mit Majestät“ – und da er auf kein Angesicht fiel, Staunen packte ihn und voll Schauder erzitterte er vor Gott, da brach aus seinem Munde von selbst – wie man sagt, in Nachahmung der Stimme der Natur – ein wildes Geräusch hervor, gleichend dem Brüllen eines Tieres, ähnlich dem Laute rr (er findet sich im Namen des Donners in vielen Sprachen): hat nicht dieser wilde Ruf sei- ner erstarrten Seele wahre Erlösung gebracht? Hat in diesem Ruf, dem Widerhall einer Seele, die in allen Tiefen ihrer Abgründe erschüttert worden war, von der Gewalt der Schöpfung, von ihren Schauern, ihrem Siegesjubel sich weniger offenbart als in einem geglückten Worte voll erhabenen Gehaltes, das einem der großen Seher in der Stunde der Entrückung gelang? Ist nicht in jenes geringe Geräusch, den Keim des künftigen Wortes, ein Wundergewebe von Gefühlen des Urbeginns eingebunden, von Gefühlen, stark in ihrer Neuheit und mächtig in ihrer Wildheit, wie Schauder, Furcht, Entsetzen, Demut, Begeisterung, Erwachen des Triebes sich zu behaupten, und andere dieser Art? Wenn dem so ist, war nicht auch der erste Mensch in diesem Augenblicke ein erhabener Maler und Seher, der aus seiner Intuition heraus „die Frucht der Lippen“ schuf, die treueste Wiedergabe der tiefen und wirren Erregungen seiner Seele, zumindest für ihn selbst? Und wieviel tiefe Philosophie, wieviel göttliche Offenbarung war, wie schon ein Gelehrter hervorhob, in dem kleinen Wörtchen „Ich“, das aus dem Munde des ersten Menschen kam? Gleichwohl sehen wir, daß diese Worte und viele andere, die ihnen ähnlich sind, unmerklich in die Sprache aufgenommen werden – wie wenn es nichts wäre. Die Seele wird fast nicht mehr von ihnen berührt, ihr, Kern ist aufgezehrt, ihre seelische Kraft verliert oder verbirgt sich, und nur ihre Schalen, die aus dem Bereiche des Einzelnen in den der Allgemeinheit geworfen wurden, sind in der Sprache noch vorhanden und finden, reflektiert und abgeschwächt, in den engen Grenzen des Denkens und des gesellschaftlichen Verkehrs als äußere Zeichen Verwendung und als Abstraktionen für Dinge und Erscheinungen. Es ist soweit gekommen, daß die menschliche Sprache gleichsam zu zwei Sprachen geworden ist, deren eine aus den Trümmern der andern sich aufgebaut: eine innere Sprache, die Sprache der auf das Eine gerichteten Seele, deren Wesentliches wie in der Musik das „Wie“ an sich ist – im Reiche der Dichtung: und eine äußere Sprache, die Sprache der Abstraktion und der Verallgemeinerung, deren Wesentliches wie in der Mathematik das „Was“ an sich ist, – auf dem Gebiete des Denkens. Und wer weiß, vielleicht ist es gut so für den Menschen, daß er die Schale des Wortes erbe ohne seinen Kern, auf daß er sie immer wieder erfülle oder von seiner Kraft hinzufüge und etwas vom Lichte seiner Seele in ihr erstrahlen lasse. Es will der Mensch das Seine, wenn es auch wenig ist; bliebe dem gesprochenen Worte seine volle Kraft und sein ursprünglicher Glanz, begleitete es immer jenes Gefolge von Gefühlen und Gedanken, die sich ihm in den Tagen seiner Macht verbunden haben, so würde wohl kein sprachbegabtes Wesen jemals zur Offenbarung seiner selbst und des Lichtes seiner Seele gelangen. Schließlich vermag ein leeres Gefäß aufzunehmen, ein volles nicht, und wenn schon ein leeres Wort zum Sklaven macht, wie erst ein erfülltes.

Worüber muß man sich da wundern? Über jenes Gefühl der Zuversicht und jenes Entzücken, das den Menschen während seines Redens begleitet, als ob er wirklich seinen Gedanken oder seine Gefühle, die er zum Ausdrucke bringt, über sanfte Gewässer führte und auf eiserner Brücke; er ahnt gar nicht, wie schwankend jene Brücke aus Worten ist, wie tief und finster der Abgrund, der unter ihm sich auftut, und welch ein Wunder, daß er ungefährdet hinüberschreitet.

Es ist ja klar, daß die Sprache in all ihren Verbindungen uns überhaupt nicht in den inneren Bereich der Dinge, zu ihrem wahren Wesen führt, sondern im Gegenteil, sie selbst richtet eine Scheidewand vor ihnen auf. Jenseits der Scheidewand der Sprache, hinter jenem Vorhange tut der von der Schale des Nordens entblößte Geist des Menschen nichts als staunen und immer wieder staunen. „Keine Rede und keine Worte“, nur ein unendliches Staunen: ein ewiges „Was“ ist auf den Lippen erstarrt. In Wahrheit hat nicht einmal jenes „Was“ dort Raum, da in seiner Bedeutung schon eine Hoffnung auf Antwort liegt. Aber was ist dort? „Nichts – schließe den Mund, daß er nicht rede.“ Wenn trotzdem der Mensch zum Reden gelangt ist und sich beruhigt, so geschieht dies nur, weil er furchtbare Angst davor hat, auch nur einen einzigen Augenblick mit jenem finsteren Chaos allein zu bleiben, mit jenem Nichts von Angesicht zu Angesicht ohne Scheidewand. „Nicht wird ein Mensch mich sehen und am Leben bleiben“ – spricht das Chaos, und jedes Sprechen, jede Regung des Sprechens ist gewissermaßen ein Verhüllen eines Bruchteils jenes Nichts, eine Schale, die in ihrem Innern den dunklen Tropfen einer ewigen Frage einschließt, auf die es keine Antwort gibt. Kein Wort hat in sich die völlige Aufhebung irgendeiner Frage, sondern es hat nur – ihre Verhüllung in sich. Es hat nichts zu besagen, welches jenes Wort ist: man nehme dafür ein anderes, nur daß es im Augenblicke etwas in sich habe, um zu verhüllen und zu scheiden. Zwei feindliche Schwestern, an zwei Enden einander gegenüber, die Musik, die wortlos ist, und die Mathematik, die durch Zeichen spricht, bezeugen in gleicher Weise von dem Worte, daß es genau genommen nicht ist, daß es nur ein bunt gewirktes Nichts ist; aber so wie die Körper dem Auge wahrnehmbar werden und abgeschlossen in ihrer Enge dadurch, daß sie dort, wo sie sind, eine Scheidewand errichten gegen das Licht, so erhält das Wort seine Existenz gerade dadurch, daß es sich gegenüber ein kleines Loch jenes Chaos verstopft und eine Scheidewand auftürmt gegen sein Dunkel, damit es sich nicht ausbreite und gegen das Wort losgehe, um seine Grenzen unkenntlich zu machen. Wer allein in tiefster Finsternis sitzt und zittert, der läßt seine Ohren die eigene Stimme hören, er ruft [unleserlich] oder er bewegt seine Lippen zum Pfeifen; wozu? Es ist ein „Zauber“, um sein Bewußtsein abzulenken und seine Furcht zu verscheuchen. So ist es mit dem gesprochenen Worte oder mit einem ganzen System von Worten: ihre Kraft liegt nicht in ihrem offenkundigen Inhalte (wenn es überhaupt einen solchen gibt), sondern in der Ablenkung des Bewußtseins, die mit ihnen verknüpft ist. Daß man seine Augen vor etwas verhüllt, stellt schließlich die bequemste und leichteste Zuflucht vor der Gefahr dar, auch wenn diese Zuflucht nur in der Einbildung besteht. Dort, wo das Öffnen der Augen selbst die Gefahr ist, hat man keine sichere Zuflucht als das Verhüllen und „gut hat Moses daran getan, daß er sein Angesicht verbarg“. Und wer weiß, vielleicht ist das Wort im Anfang nicht zwischen zweien entsprungen, zwischen Mensch und Mensch, ein Mittel geselligen Verkehres. Wort, da nicht um seiner selbst willen da ist, sondern es ist gerade aus dem Munde des einsamen Menschen gekommen, als Bindeglied zwischen ihm und seinem Selbst, als seelisches Bedürfnis, Wort, nur um seiner selbst willen da, im Sinne des Verses: „In meinem Innern wird mein Geist bestürzt und mit meinem Herzen pflege ich Zwiesprache …“ Der erste Mensch fand seine Ruhe erst, als er seine Ohren sein Selbst vernehmen ließ. Doch jene Stimme des Anbeginns, die die Erkenntnis des Menschen aus dem Abgrunde des Chaos emporhob, sie selbst richtete sich plötzlich wie eine Scheidewand empor zwischen dem Menschen und dem, was jenseits ist, als ob sie sagen wollte: Von nun an, o Mensch, sei dein Antlitz nur dem Diesseitigen zugewendet. Hinter dich darfst du nicht blicken und nach dem Unbegreiflichen nicht Ausschau halten: tust du es, so ist’s umsonst; denn nicht wird der Mensch das Chaos von Angesicht zu Angesicht schauen und am Leben bleiben. Eines Traumes der vergessen wurde, wird nicht wieder gedacht: nach dem Chaos geht dein Verlangen, und das Wort soll dein Herr sein.

Wirklich hat die Vernunft und das Wort einzig über das Diesseitige Macht innerhalb der viermal vier Ellen von Raum und Zeit. Nur als ein Schattenbild geht der Mensch einher und je mehr er sich dem vermeintlichen Lichte vor ihm nähert, desto mehr wächst der Schatten hinter ihm und die Finsternis rings um ihn nimmt nicht ab. Im Diesseitigen kann man vielleicht alles erklären; mit Mühe oder mit Leichtigkeit, doch man kann erklären. Wesentlich ist, daß der Raum der Vernunft des Menschen nicht einen Augenblick leer bleibe, ohne Worte, die dicht aufeinanderfolgen gleich den Schuppen eines Panzers, so daß auch nicht eines Haares Breite Abstand zwischen ihnen ist. Das Licht der Vernunft und des Wortes – Kohle und Flamme – ist ein ewiges Licht, das nicht erlischt. Aber jene Fläche des Diesseitigen, die im Bereiche des vermeintlichen Lichtes liegt, welchen Wert hat sie letzten Endes gegenüber dem grenzenlosen Meere des Weltendunkels, das außerhalb noch bleibt und immer bleiben wird. Gerade jene ewige Dunkelheit, die so viel Schrecken verbreitet, ist es zuletzt allein, die, solange die Welt steht, das Herz des Menschen im geheimen zu sich zieht und in ihm die verborgene Sehnsucht weckt, nur einen kleinen Augenblick in sie hineinzuschauen. Alle haben Angst vor ihr und doch fühlen sich alle zu ihr hingezogen. Mit unserem Munde bauen wir über ihr Wände von Worten und Systeme aller Art, um sie vor unseren Augen zu verbergen, aber sofort wühlen die Nägel in denen Wänden, um in ihnen eine kleine Lücke zu öffnen, irgendeinen Spalt, und durch ihn einen Augenblick in das hineinzuschauen, was jenseits ist. Doch wehe umsonst ist die Plage des Menschen! In dem Augenblicke, da der Spalt sich anscheinend auftut, ist eine neue Scheidewand da in Gestalt eines neuen Wortes oder Systems, die plötzlich an Stelle der früheren steht und das Auge wieder vom Schauen abhält.

Und so geht es fort in alle Ewigkeit. Ein Wort geht, das andere kommt, ein System steigt empor, das andere sinkt hinab; und die alte, die ewige Frage ohne Antwort bleibt unberührt, sie verändert sich nicht und wird nicht geringer. Einen Wechsel auf seine Schuld geben oder sie in seinem Geschäftsbuch vermerken, heißt noch nicht die Schuld bezahlen. Es heißt nur für den Augenblick die Last vom Gedächtnis abwälzen und nicht mehr. Das gleiche gilt bei der Rede, die eine Aussage macht, das heißt, wenn man Erscheinungen und ihren Verbindungen Namen gibt und Ordnung und Grenze für sie festsetzt. Eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen hat von selbst in die Rede schlechthin niemals Aufnahme gefunden. Sogar eine ausdrückliche Antwort ist in Wahrheit nichts als ein anderer Text der Frage selbst. Staunen wandelt sich in Beruhigung, der Stil der Verhüllung tritt an Stelle des Stils der Offenbarung. Wenn wir daran gingen, den wahren, den innersten Kern aller Worte und Systeme bloßlegen, so würden wir ganz zum Schluß nach dem letzten Auspressen zu nichts anderem gelangen, als zu einem Wort, das alles umfaßt, einem Wort von drei Buchstaben. Welches ist es? Wiederum jenes furchtbare „Was“, hinter dem ein noch furchtbareres X steht, das Nichts. Aber der Mensch liebt es, seine Schuld in kleine Brocken zu zerbröckeln in der eitlen Hoffnung, sich damit die Bezahlung zu erleichtern, und da sich die Hoffnung nicht erfüllt, tauscht er ein Wort gegen das andere ein, ein System gegen das andere, das heißt, er gibt einen neuen Wechsel für den alten und verschiebt oder verlängert sich die Frist der Bezahlung; unterdessen kommt es dann überhaupt nicht mehr zur Einhebung der Schuld.

Ein Wort oder ein System steigt also von seinem Throne hinab und macht einem andern Platz. Nicht etwa darum, weil seine Kraft zu offenbaren, zu erhellen, die unlösbare Frage aufzuheben, teilweise oder ganz gebrochen ist, sondern gerade im Gegenteil: weil das Wort oder das System infolge des allzu vielen Zerdrückens, Betastens und Wühlens zerrieben wurde und nicht mehr Kraft genug in sich hat, so recht zu verhüllen und zu verbergen und natürlich auch nicht mehr Kraft genug, um für den Augenblick das Bewußtsein abzulenken. Der Mensch schaut eine Sekunde in dem Spalt hinein, der sich aufgetan hat, und zu seinem großen Entsetzen findet er wiederum jenes furchtbare Chaos vor sich. Er springt auf und verstopft einstweilen den Spalt – mit einem neuen Wort, das heißt, er hält an dem „Zauber“ fest, den er längst an jenem Wort erprobt hat, das diesem voranging; als ob das neue Wort das Bewußtsein für den Augenblick abzulenken vermöchte – und er ist von seinem Entsetzen befreit. Wundere dich nicht! Der „Zauber“ nützt denen, die an ihn glauben; dann der Glaube an und für sich ist nichts als die Ablenkung des Bewußtseins. Bietet uns nicht der Sprechende selbst ein naheliegendes Beispiel dafür? Solange ein Mensch lebt, strebt, sich regt und schafft, füllt er einen leeren Raum aus. Alles ist, wie es scheint, verständlich; alles geht gut vonstatten. Der ganze Strom des Lebens, sein ganzer Inhalt ist nichts als eine unausgesetzte Anstrengung, eine unaufhörliche Bemühung, das Bewußtsein abzulenken. Jeder Augenblick des Jagens nach etwas ist zugleich auch ein Augenblick der Rettung vor etwas, und dies, nur dies, ist sein Lohn. Der Lohn des Nachjagens ist das Entrinnen. Wer nachjagt, findet in jeder Sekunde seine einstweilige Befriedigung nicht darin, daß er etwas erreicht hat, sondern darin, daß er entkommen ist, und das gibt ihm zunächst den Schatten der Beruhigung und des Vertrauens. „Denn wenn einer allen Lebendigen zugesellt wird, da ist noch Vertrauen.“ Doch ist der Mensch gestorben, so ist der Raum leer geworden: es ist nichts da, was das Bewußtsein ablenkte, und die Scheidewand ist verschwunden. Alles wird plötzlich unverständlich, das verborgene X ist mit dem ganzen Schrecken seiner Gestalt wieder vor uns herabgestiegen und wir sitzen einen Augenblick vor ihm als Trauernde in Finsternis auf der Erde, zu Stein erstarrt; aber nur einen Augenblick, da der Fürst des Lebens mit dem Schließen dem Öffnen zuvorkommt; er verschafft uns sofort einen neuen Zauber, mit dem wir das Bewußtsein ablenken und die Furcht vertreiben können; noch hat sich der Sargdeckel über dem Toten nicht geschlossen, und schon finden wir jenen ausgeleerten Raum wiederum von einem der Worte verschlossen, mag es ein Wort der Klage sein oder eines der Tröstung, der Philosophie oder des Glaubens an das Fortleben der Seele oder sonst etwas ähnliches. Der gefährlichste Augenblick in der Rede sowohl wie im Leben ist also nur der zwischen Verhüllen und Verhüllen, wenn der Abgrund zum Vorschein kommt; aber derartige Augenblicke gibt es sowohl im Strome der Sprache als auch im Strome des Lebens sehr wenige; meistens springen die Menschen über sie hinweg, ohne es zu merken. Die Einfältigen schützt Gott.

Aus all dem Gesagten geht der große Unterschied zwischen der Sprache der Prosaschriftsteller und der Sprache der Dichter hervor. Jene, die Menschen des einfachen Wortsinnes, stützen sich auf das Gleiche und Gemeinsame in Erscheinung und Wort, auf das Feststehende, auf den überlieferten Text. und deshalb ziehen sie mit sorgloser Sprache ihres Weges. Wem gleichen sie? Einem, der auf festem Eise, das zu harter Fläche erstarrt ist, den Fluß überschreitet. Ein solcher hat das Recht und ist imstande, sein Bewußtsein zur Gänze von der verhüllten Tiefe abzulenken, die unter seinen Füßen rauscht. Und jenen gegenüber diese, die Menschen der Anspielung, der Auslegung und des Geheimnisses, ihr Leben lang auf der Jagd nach dem, was das [unleserlich] ist in den Dingen, nach jenem einsamen „Was immer“. nach jenem Punkte, in welchem die Erscheinungen und die Wortverknüpfungen, die ihnen zugehören, zu einer köstlichen Einheit in der Welt verschmolzen sind, nach dem vergänglichen Augenblick, der in Ewigkeiten nicht wiederkehrt, nach der einzigartigen Seele und der besonderen Wesenhaftigkeit der Dinge, so wie sie in einem bestimmten Moment ins Innere derer Eingang finden, die sie sehen; daum sind diese genötigt, vor dem Feststehenden und Starren in der Sprache, das ihrem Ziel sich entgegenstellt, zu jenem zu fliehen, das da lebt in ihr und sich regt. Ja, sie selbst sind verpflichtet, in jedem Moment – die Schlüssel sind in ihre Hand gegeben – eine unaufhörliche Bewegung, neue Verschmelzungen und Einungen in sie einzuführen. Die Werte zucken unter ihren Händen, sie erlöschen und entbrennen, gehen unter und leuchten auf gleich der Schrift auf dem hohepriesterlichen Schilde, leeren und füllen sich, tun eine Seele von sich ab und hüllen sich in eine andere. In den sprachlichen Stoff kommt dadurch eine Ablösung der Wachposten und eine Veränderung der Standorte. Die Verzierung eines Buchstabens, ein Häschen am Jod – und das alte Wort flammt in neuem Lichte auf. Das Profane wird heilig und das Heilige profan. Derartige feste Worte lösen sich gleichsam Augenblick für Augenblick aus ihren Einfassungen und wechseln den Ort miteinander. Und unterdessen, zwischen Verhüllen und Verhüllen, regt sich der Abgrund. Das ist das Geheimnis der gewaltigen Wirkung, die die Sprache der Dichtung ausübt. In ihr lebt etwas, was den Trieb des Verantwortlichkeitsgefühls erregt, in ihr die süße Furcht dessen, der in Versuchung ist. Wem gleichen die Dichter? Einem, der auf schwankenden und schwimmenden Eisschollen den Fluß überquert in der Stunde, da laue Lüfte wehen. Wehe ihm, wenn er seinen Fuß länger als einen Augenblick auf der Scholle verweilen läßt, länger als nötig, um von einer Scholle zur andern und von dieser wieder zur nächsten zu springen. In den Spalten regt sich der Abgrund, der Fuß kommt ins Schwanken, die Gefahr ist nahe – – Gleichwohl gibt es auch unter ihnen solche, die in Frieden von dem einen Gestade hinabschreiten und in Frieden wieder hinausgelangen zum andern Gestade. Nicht die Einfältigen allein schützt Gott.

Soweit über die Sprache der Worte. Aber außerdem hat Gott noch Sprachen ohne Worte: das Musizieren, das Weinen und das Lachen. Ihrer aller wurde das sprechende Wesen teilhaftig. Sie beginnen dort, wo die Worte aufhören, und sie kommen nicht, um zu verschließen, sondern um zu öffnen. Sie schwellen an und steigen aus dem Abgrunde hervor; sie sind das Emporsteigen des Abgrundes selbst. Daher schwemmen sie uns mitunter hinweg und reißen uns mit sich mit der tosenden Fülle ihrer Wogen, und keiner vermag ihnen zu widerstehen; daher treiben sie mitunter den Menschen aus seiner Vernunft oder auch aus der Welt; eine geistige Schöpfung, in der nicht ein Widerhall wäre von diesen dreien, hat kein wahres Leben und es wäre besser für sie, wenn sie nicht zur Welt gekommen wäre.

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