FELIX WELTSCH: DIE FRAUEN UND DIE ZIONISTISCHE ARBEIT

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In: Selbstwehr, 25. Jahrgang, Ausgabe 2 vom 09.01.1931, S. 3f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

In der letzten Zeit sind zwei Publikationen der Wizo erschienen, welche es durchaus verdienen, aus dem besonderen Kreise der Wizo-Interessierten herausgehoben und der allgemeinen zionistischen Welt bekannt gemacht zu werden, so daß wir diese Frauenpublikationen mit Absicht diesmal hier in der Männerabteilung besprechen. Es ist dies die von Martha Hofmann herausgegebene Festschrift anläßlich des zehnjährigen Bestandes der Wizo (Titel: Zehn Jahre Wizo“) und die Broschüre „Bemerkungen zur Organisation und Propaganda“ von Mirjam Scheuer (herausgegeben von der tschechoslowakischen Wizo.*

Die Festschrift gibt ein äußerst lebendiges Bild dessen, was die Wizo bisher geleistet hat, aber auch ein Bild dessen, was dies für unsere zionistische Frauen bedeutet; diese beiden Funktionen stehen miteinander in engster Beziehung. Denn eine Arbeit bedeutet einem nicht nur mehr, je mehr man leistet, sondern man leistet auch mehr, je mehr sie einem bedeutet. Diese beiden Elemente des Schöpferischen, das äußere Werk und die innere Wandlung, kann man gerade hier in den einzelnen Aufsätzen dieser Festschrift unschwer finden. Auf Einzelheiten kann hier nicht ein- gegangen werden vom Reichtum dieses Werkchens gibt wohl am besten das Inhaltsverzeichnis eine Vorstellung, das wir hier folgen lassen:

1. Begrüßungen von Dr. Chaim Weizmann, „Hadassah“ (Zip. F. Szold), Lady Herbert Samuel, Lady John Simon, Blanche C. Dugdale, Karin Michaelis, Dr. Alice Masaryk. 2. Zum Geleit. Die Herausgeberin: „Das zehnte Jahr der Wizo“. 3. Werden und Werk der Weltorganisation. Rebekka Sieff: Die Wizo und ihre Gründerinnen; Romana Goodman: Die Entwicklung der Wizo bis zur Gegenwart; M. Marks und V. Weizmann: Die finanzielle Entwicklung der Wizo. 4. Das Wizo-Werk in Palästina. W. P. E.: Hauswirtschaftliche Erziehung; Chana Maisel-Schochat: Nahalal; Ada Fishman: Neß-Zionah; H. Ben-Barak: Akuleh; Henriette Irwell: Neun Jahre Säuglingspflege: Dr. Theodor Zlocisti: Das Jemenitencentre. 5. Frauenprobleme aus Palästina. Rose Ginzberg: Die rechtliche Stellung der Frau in Palästina; Helene Hanna Thon: Mutter und Kind in Palästina. 6. Die innere Entwicklung der Wizo. Nadja Stein: Aus unsern Anfängen; Hanna Steiner: Neue Solidarität; Mirjam Scheuer: Zukunft der Propaganda; Nanny Margulies: Harmonie in Werbung und Arbeit. 7. Die Frau und die jüdische Kultur. Elke Hofmann: Das jüdische Kunstgewerbe im Reiche der jüdischen Frau; Lotte Hanemann: Jüdisches Kunstgewerbe in Palästina; Alice Jacob-Löwenson: Die jüdische Mu- sik und die Rolle der Frau; Irma Singer: Märchen aus dem Galil; Martha Hofmann: Ziel.*

Wir haben in diesen Blättern stets die Ansicht vertreten, daß die weitere Entwicklung der zionistischen Bewegung – sowohl was ihre Leistung als auch ihren ideologischen Ausbau betrifft – nicht auf dem Wege der Inzucht, also eines konservativen Sichselbstgenügens und Abgeschlossenseins, erfolgen kann, sondern nur auf dem Wege der Synthese mit anderen Elementen der menschlichen Kultur, also auf dem Wege des Offenstehens und der Aufnahmesbereitschaft neuen Impulsen gegenüber. Es ist schon genug oft hervorgehoben worden, daß auf diese Weise die wichtigsten Entwicklungsschritte der zionistischen Bewegung gemacht worden sind, wie zum Beispiel die für den Aufbau von Erez Israel so bedeutsame zionistisch-sozialistische Bewegung (entstanden durch Synthese von Zionismus und Sozialismus), oder etwa der Makkabi und der jüdische Sport, entstanden aus der Verschmelzung von Zionismus und moderner Körperkultur, usw.: wenn man will, kann man sogar unschwer die zionistische Fraktionsbildung ähnlich erklären.

Nicht anders ist es mit der Wizo. Sie ist aus der Synthese von Zionismus und moderner Frauenbewegung entstanden; und auch hier ist, wie bei jeder schöpferischen Synthese, das Resultat nicht etwa bloß eine mechanische Summe dieser beiden Richtungen, sondern etwas Neues, eine Bewegung eigener Art.

Was ist das Besondere, das die Frauen als einheitliche, ihrer Eignung bewußte Arbeitsgruppe in das zionistische Werk gebracht haben?

Nur zwei Elemente will ich hier hervorheben: ein fachliches und ein methodisches. Das Sachliche liegt in der Bevorzugung ganz bestimmter Arbeitsgebiete, welche den Frauen zugänglicher und näher sind als den Männern: Mädchenerziehung, Mutterhilfe, Säuglingspflege, Kinderfürsorge, Pflegewesen überhaupt (es ist bezeichnend, daß das hochentwickelte Sanitätswesen Palästinas zum großen Teil auf weibliche Initiative zurückzuführen ist). Das Methodische liegt in der besonderen Art weiblicher Arbeit überhaupt, welche den Dingen unmittelbarer zugewendet, also konkreter ist als die männliche. Die Arbeit der Frauen ist vielleicht nicht so systematisch, wie die männliche, aber sie ist dafür wirklichkeitsnäher; sie ist nicht so weitblickend, aber sie ist oft tiefer blickend. So haben sich denn auch die zionistischen Frauen für ihre Arbeit den richtigen Weg gewählt; sie haben einzelne wichtige Institutionen geschaffen und in ihre Obsorge genommen, und haben sie tatsächlich zu Musterinstituten entwickelt.

Trotzdem scheint mir der wesentliche Beitrag der zionistischen Frauen zur zionistischen Arbeit nicht in dieser psychologischen Spezifität der Frauenarbeit zu liegen, sondern in einem weit formaleren Element; um es vorweg zu sagen: Durch die bewußte zionistische Frauenarbeit ist eine neue „Wir-Funktion“ mit besonders günstigen Voraussetzungen positiver Betätigung geschaffen worden.

Was bedeutet diese Formel?

Es ist leicht einzusehen, daß die wichtigsten Gemeinschaftsleistungen durch Bildung neuer „Wir-Funktionen“ hervorgebracht werden. Eine Anzahl von Menschen fühlt sich plötzlich, auf Grund gemeinsamer Ideen oder Ziele, oder auch nur auf Grund eines gemeinsamen Schlagwortes als ein neues „Wir“, mit neuen besonderen Aufgaben und neuen Kräften. Dieses „Wir“ erhält bald das Bewußtsein seines Wertes, seiner Unersetzlichkeit, seiner Auserwähltheit und strebt, diesen Wert zu bewähren und zu erhöhen. An diesem Wert des „Wir“ ist jedes einzelne „Ich“ dieses „Wir“ mit seinem Wesen beteiligt und empfindet jede Wertsteigerung des Wir als eigene Werterhöhung. Ein jedes Ich dieses Wir ist stolz auf das Wir, und aus diesem seinem Wir-Bewußtsein wächst seine Kraft zu arbeiten, zu leisten, ja selbst zu opfern. Aus der Fülle seines Wir-Wertgefühls lernt das „Ich“ individuelle Nachteile auf sich zu nehmen zugunsten von Vorteilen des „Wir“. Darauf aber kommt es an; von dieser Fähigkeit des Individuums hängt die Gemeinschaftsarbeit ab.

So entsteht jedes Gruppenbewußtsein, das Bewußtsein der Nation, der religiösen Gemeinschaft, der Partei, der Fraktion.

So ist es auch mit den Frauen. Die Wizo hat ein neues zionistisches „Wir“ geschaffen, mit neuen Kräften, mit neuen Fähigkeiten der Selbsthingabe und des Opferns, der Kräftesteigerung und der schöpferischen Leistung.

Die „Wir-Funktion“ ist aber nicht nur der segensreiche Engel, als den wir sie bisher geschildert haben; sie ist auch nebenbei – ja mehr noch, man kann sagen, zumeist – ein wahrer Teufel. Denn aller Haß von Völkern und Gruppen, alles Parteihader, alle Gruppeneitelkeit, Rassenfanatismus, Antisemitismus, Krieg entstehen aus diesem „Wir“. Arnold Zweig hat die bösen Funktionen des Wir-Bewußtseins in seinem „Caliban“ eindringlich dargestellt.

Die Gefahr der Wir-Funktion liegt darin, daß das Wir die Erhöhung des eigenen Wertes auf einen Irrweg zu verwirklichen sucht; durch negative und nicht durch positive Anstrengung. Das „Wir“ entdeckt nämlich sehr rasch, daß es leichter ist, zu zerstören, statt zu bauen; und daß auf dem Wege der Zerstörung auch der Schein und die Beruhigung einer Wertsteigerung zu haben ist. Es ergibt sich nämlich, daß es der einfachste Weg ist, den Wert des „Wir“ zu erhöhen, wenn man den Wert des „Ihr“ herabsetzt. So entstehen Gruppenhaß und Gruppenfeindschaft; und das ist auch leider zu einem großen Teil die psychologische Basis der meisten Oppositionen. Es wird ein neues „Wir“ geschaffen, das vor allem erst mal sich selbst zu beweisen sucht, indem es die „Herrschenden“ herabsetzt. Das ist eine Gefahr, in welche die Technik der Demokratie verlockt, indem sie für alle Unzufriedenen die Möglichkeit schafft, durch Zusammenschluß ein neues „Wir“ zu konstituieren und sich durch Herabsetzung der andern zu einem Geltungsgefühl hinaufzuschrauben. Selbstverständlich gibt es für diese Herabsetzungen und Kämpfe genug plausible Gründe; es hat noch keine Triebhandlung gegeben, die sich nicht eine rationelle Begründung zu schaffen gewußt hätte. Man kann eben, so heißt es, erst bauen, wenn man die Hindernisse und den Schutt hinweggeräumt hat, wenn man zur Macht gekommen ist. Also, zuerst müsset „Ihr“ gestürzt sein, dann werden „Wir“ zeigen, was wir können . . .

Es scheint wirklich nicht nötig zu sein, noch mehr über die Schattenseiten der Wir-Funktion zu sagen. Dagegen ist es nun nötig, den Schluß zu ziehen: Es kommt alles darauf an, die Wir-Funktion vor dieser Verirrung ins Negative zu bewahren und sie positiv leistungsfähig zu erhalten. Und: Ein neues „Wir“ ist um so bedeutsamer und segensreicher, je weniger Anlaß und Verlockung zu bloß negativer Betätigung, zu Eifersucht, Neid und Prestigekämpfen es bietet.

Und nun sind wir wieder bei der Wizo angelangt. Hier ist ein solch glücklicher Fall gegeben. Das neue „Wir“ der zionistischen Frauen ist tatsächlich zum größten Teile positiv aufbauend; es hat sich durchaus noch in kein „Ihr“ festgebissen. Es mag vielleicht auch hier – wir sind nicht so genau orientiert – im Inneren manche kleine Kämpfe geben; aber so viel ist sicher: das neue zionistische „Frauen-Wir“ steht mit dem alten zionistischen „Männer-Wir“ durchaus in keinem Zustande der Eifersucht oder eines gehässigen Kampfes. Die zionistischen Frauen beschäftigen sich durchaus nicht damit, die Arbeit der andern zu kritisieren oder herabzusetzen; sie schaffen einfach positiv an ihrem Werk.

Diese günstigen Umstände haben ihren guten psychologischen Grund. Es gibt zwischen den Geschlechtern gewiß genug Spannungen des Hasses, der Eifersucht und der Bosheit; aber sie werden mehr im Einzelkampf abgeführt und entladen sich auf ganz andern Gebieten des Lebens als auf dem des Geltungskampfes oder des Wertwillens in der zionistischen Arbeit. So ist hier also der äußerst erfreuliche Fall eingetreten, daß ein neues Wir entstanden ist, welches ohne Haß und ohne böse Nörgelei gegen die andern arbeitenden „Ihr“ zu wirken vermag. Es ist ein gesunder Wettbewerb. Und die Früchte sind nicht nur in Palästina zu sehen, wo die von den Frauen begründeten und betreuten Anstalten zu den besten Leistungen unseres Aufbauwerkes gehören, sondern auch bei den zionistischen Frauen selbst, die durch ihre Arbeit ihre Eigenart als Frauen und Gatten zur schönsten Entfaltung zu bringen vermögen.

* Wir kommen auf diese Schrift in einer der nächsten Nummern zurück.

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