SZÁNTÓ, SIMON: SCHRIFT UND SPRACHE DES GHETTO

Zur Biographie: Simon Szántó

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen 18/29 (19.7.1878), 230-232 (1. Teil)

Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen 18/30 (26.7.1878), 238-239 (2. Teil)

Tran-skription

I.

Wie und durch welche Umstände westländische Idiome in dem Munde der Ghettojuden zu einem häßlichen, von jeder Regelung verlassener Jargone corrumpirt wurden, haben wir in einem besonderen Artikel (Siehe Feuilleton der „Neuzeit“ Nr. 29, 30 und 31 vom Jahre 1877) zu erörtern versucht. Unter Allen noch heute lebenden und im Umgange der Juden üblichen europäischen Sprachen ist aber keine so hart von der Corrumpirung heimgesucht worden, als die deutsche, und nirgends war daher die Purification der Verkehrssprache so dringend geboten als unter den Juden, die den germanischen Laut sogar weiter hinaustrugen, als jemals die deutsche Zunge reichte. Der Kernstock dieses Jargons war das Mittelhochdeutsche, das aber mit hebräischen, aramäischen, slavischen, zuletzt auch angelsächsischen und französischen Elementen versetzt ward. Das Judendeutsch beschränkte sich aber nicht darauf, den Lautgehalt des deutschen Wortes zu verunstalten, den Sprachschatz zu verunreinigen, sondern selbst Wortfolge und Satzconstruction mußten sich Verzerrungen gefallen lassen, deren Ursprung zumeist nicht mehr erklärt werden kann, und die noch heute selbst in Kreisen, wo man bereits vor fünfzig Jahren den phonetischen Gesetzen und der Formlehre den schuldigen Gehorsam zu leisten begann, noch nicht geheilt sind. Nun befand sich aber das in deutscher Sprache erscheinende jüdische Schriftthum schon seit der Mendelsohn’schen Zeit auf dem Wege erfreulicher Reconvalescenz und war in den Vierziger Jahren dieses Jahrhunderts schon vollkommen genesen. Wie klassisch deutsch schreiben z. B. Zunz, Geiger, Jost, Philippson Grätz, um nur einige spezifisch-jüdische Schriftsteller zu nennen, wie kernig deutsch schrieb Leopold Löw, Dr. Schwab (als Redakteur der illustr. Judenzeitung in Pest), wie anständig war der deutsche Theil des „Magyar-Zsido Közleny“ (Redaktion Deutsch) geschrieben. Und sieh da! Seit ungefähr einem Dezennium sind die jüdisch-deutschen Schriftsteller, sie mögen in Buch- oder Journalliteratur sich versuchen, so entsetzlich rezidiv geworden, so salop in ihrem Styl, so waghalsig in der Satzconstruction, so schnöde die einfachsten Gesetze der Grammatik und Sprachlogik verhöhnend, daß wir an den Fortschritten der Schulbildung unter den Juden ganz irre werden. Den Gründen dieses auffälligen Rücksprunges ins wildromantische Mittelalter nachzuspüren scheint uns um so eher der Mühe werth, als man die Gefahren, welche die Pflege des Jargon’s für die soziale Stellung der Juden wie für die intellektuelle Bildung des Volkes mit sich führt, vergessen zu haben scheint. Der Jargon ist der tönende gelbe Fleck, der wortgewordene Leibzoll, die in Lauten der Rede auferstandenen Ghettoschranke. Der Jargon kennzeichnet den Juden als Fremdländer und weckt tausend längst entschlummerte Vorurtheile wieder auf. Er wirkt abstoßender als der „Kaftan“ und die Ringellocken des polnischen Juden und erschwert den Anschluß an das allgemeine Kulturleben, legt dem gesellschaftlichen Verkehre mit den übrigen Staatsbürgern mehr Hindernisse in den Weg als die eigenthümliche Maskerade, die sich blos auf Kleidertracht und Frisur bezieht. Aber noch schlimmer als der gesprochene wirkt der geschriebene Jargon, da dieser die Schmach gewissermaßen verewigt und als literaturfähig darstellt. Denn in der lebendigen Rede offenbart sich doch immer nur das Individuum, während das gedruckte Wort als Vertreter der Gesammtheit genommen wird – und zwar mit Recht, da man hinter dem Druckwerke unterstützende Leser und Gönner vermuthet. Im hohen Grade rationell war die Methode, welche die Führer deutscher Juden zur allmäligen Austilgung des Jargons einschlugen. Man verzichtete für den Anfang darauf, die Pronunziation, die Neigung zu Nasal- und Gutturallauten zu heilen, die eigenthümliche Cantilene und Sprechmelodie zu modifiziren und urtheilte ganz richtig, daß durch Schärfung des Gehörsinnes in Folge eines belebteren Verkehres und Nichtjuden diese Fehler der Sprachorgane zum Weichen gebracht würden. Das richtige Sprechen, insoferne es blos physischer Natur ist, sollte als Fertigkeit im Wege einer rein äußerlichen, gewissermaßen gymnastischen Uebung des Kehlkopfes erzielt werden. Das Verständniß für Sprachgesetze aber und die richtige Anwendung der Letzern durften wieder nur von Unterricht und Einwirkung auf die intellectuellen Kräfte erhofft werden. So lernten die deutschen Juden ihre deutsche Muttersprache, als wäre diese eine fremde, mittelst Grammatik und Orthographie gebrauchen und es kam bald dahin, daß man bei uns den Juden weit schneller an der grammatikalischen Correctheit der Sätze und deren gewählteren Ausdrücken als an der vormaligen abenteuerlichen Verrenktheit seiner Rede erkannte. Unterschieden sich die deutschen Juden früher durch ihr fast zigeunerhaftes Rotwälsch, so kennzeichneten sie sich dann durch eine Art von Gespreiztheit und gesuchter Eleganz der Sprache, durch den für den alltäglichen Verkehr beinahe unnatürlichen Gebrauch des gebildeten schriftdeutschen Idioms, das gegen die mundartliche Rede des Volkes etwas seltsam abstach. Der daraus erwachsene Gewinn für die für die intellectuelle Bildung des jüdischen Volkes war ein unberechenbarer. Nicht nur daß ihm die reiche deutsche Literatur zugänglich gemacht wurde, sondern daß die Grammatik und Sprachlogik den Geist der dialektischen Verwilderung entriß, in welche die alte pilpulistische Methode des Talmuds ihn gestürzt, daß der Sinn für Schönheit geweckt und genährt wurde, daß der semitischen Hast und Ueberstürzung durch die Sorgfalt auf das Wort ein Dämpfer aufgesetzt wurde – das waren die unschätzbaren pädagogischen Errungenschaften des wahrhaften Culturkampfes, welcher gegen den Jargon geführt und siegreich ausgefochten wurde. Wie kommt es nun, daß diese Vortheile der Spracheinheit heutzutage von dem jüdisch-deutschen Volksschriftthum verkannt werden und daß so grell wie nie zuvor das längst überwunden geglaubte „Mauscheln“ in Druckwerken der neuen Zeit wieder zur Waltung gelangt?

Die Naturgeschichte dieses urdeutschen jüdisch-deutschen Schriftthums unterscheidet aber sehr deutlich zwei Spezien dieser monstrosen Literaturprodukte, die jedoch das mit einander gemeinsam haben, daß sich schwer bestimmten läßt, ob es den Herren Autoren an der Fähigkeit oder an dem guten Willen fehle, correct zu schreiben. Der Provenienz der Autoren nach, die aber ein ganz äußerliches Moment abgibt, nach welchem sich nicht einmal die Verbreitungsbezirkee geographisch abgränzen lassen, könnte man ein polnisches, ungarisches und deutsches Judendeutsch unterscheiden, womit nicht gesagt sein soll, daß nicht auch polnische Juden grammatikalisch richtig, und nicht auch deutsche Juden ein polnisches Deutsch schreiben. Einen andern Eintheilungsgrund gibt die typographische Erscheinung ab, je nachdem deutsche Wörter durch jüdische Lettern ausdrückt werden, oder deutsche Lettern dem jüdischen Jargone zur Vervielfältigung dienen, und mittelst dieser Klassifizirung dürften wir den Ursachen dieses Rückschrittes etwas näher kommen. Die Transkription fremdsprachlicher Texte in die heimischen und daher landläufigen Schriftarten kommt bei allen Völkern vor, und ward erst in neuester Zeit wieder von gewiegten Philologen auch für das Sanscrit und andere orientalische Sprachen zu Gunsten der Anfänger auf dem Gebiete dieser Sprachstudien empfohlen. Die Juden hatten nach dem Zeugnisse des Talmud’s die sogenannte assyrische, heute Quadratschrift genannt, sogar für den Bibeltext adoptirt und althebräische Schrift außer Gebrauch gesetzt. Als das Hebräische aufhörte, Umgangssprache zu sein und für sie das Chaldäische eintrat, wurden die aramäischen Uebersetzungen der Bibel ebenfalls in Quadratschrift ausgedrückt. Viele Gelehrte der spanisch-maurischen Periode, die ihre Werke in arabischer Sprache verfaßten, bedienten sich hierzu hebräischer Lettern, ebenso schrieb Raschi französisch in jüdischer Cursivschrift, die nach ihm den Namen führt. Es war daher natürlich, daß auch die deutschen Juden Bibelübersetzungen, Volksschriften, Postillen und Andachtsschriften für die Frauen in deutscher Sprache abfaßten, aber in jüdischen Lettern niederschrieben und zu diesem Behufe eine ganz eigenthümliche jüdisch-deutsche Orthographie erfanden, die genau das Gegentheil einer Orthographie ist. Als Mendelssohn an die Reform der jüdischen Bildungsanstalten gieng, mußte er sich auch noch der jüdischen Lettern für seine deutsche Bibelübersetzung bedienen und seinem Beispiele folgten die „Sammler“, die Berliner Culturfreunde, die Vertreter der Aufklärung noch lange Zeit nach ihm. Auch Mendelssohn und seine Jünger stiegen zum Volke hinunter, aber nicht um dort zu verweilen, sondern um das Volk zu sich emporzuheben, sie wollten dem Volke das correcte Deutsch durch die jüdischen Lettern zugänglich machen, ihm das Verständniß dafür erschließen, nicht aber mir den Jüdelnden jüdeln, und sie in der Heiligung des Gemauschels bestärken. Durch die Mendelsohn’sche Bibelübersetzung befreundete sich das jüdische Volke mit einer gebildeten Sprache und lernte die Ungezogenheiten der mündlichen Rede überwinden. Denn das Judendeutsch – darüber darf man sich nicht täuschen – ist kein naturwüchsiger Dialekt, keine volksthümliche Mundart, die eine Existenzberechtigung in der Literatur hätte, sondern eine Ungezogenheit, eine Barbarei, die wie böses Unkraut ausgerauft werden muß. Oder was ist Volksthümliches, was Verständlicheres darin, wenn man in jüdisch-deutschen Lettern erzählt: „Diese nicht scheene Tat hat zwischen den Judenthum Aufsehen gemacht, und er hat an dem Kaiser geschriben.“ „In die Zukunft werden wir sich bestreben.“ „Die Lage der geflüchteten Juden, welche verwoogelt sind“ und dgl., wie man es in einer zu Lemberg erscheinenden jüdisch-deutschen Zeitung, die aber auch in Wien und Pest ihrer würdige Colleginnen hat, in jeder Zeile findet. Hat Mendelssohn, haben die Measphim sich je dazu hergegeben, in dieser Weise Popularität zu gewinnen? Und wären die deutschen Juden jemals der Versumpfung entronnen, hätte man ihren maulfaulen Dialekt noch in Schriftwerken gepflegt? Wir glauben überhaupt nicht daran, daß der polnische Jude, der schon eine Zeitung liest, noch auf so niederer Culturstufe steht, den Jargon einer correcten deutschen Rede vorzuziehen, und daß es nötig sei, seine Begierde nach Neuigkeiten durch jüdisch-deutsch geschriebene Journale zu befriedigen. Der polnische Jude liest entweder nur hebräisch oder auch ein regelrechtes Deutsch in deutscher Schrift. Wir glauben vielmehr, daß die Herausgeber jüdisch-deutscher Zeitungen hinter den fremden Typen ihre eigene Unkenntniß der Grammatik und Orthographie verbergen und den Schwindel, als ob sie öffentliche Meinung unter dem gemeinen Volke in Galizien machen könnten, maskiren wollen. Uns will’s bedünken, daß wir einem ganz gemeinen Schacher gegenüberstehen, der tief unter jeder literarischen Würdigung liegt, und daß diese sogenannten gemeinverständlichen Blätter gar arge, gemeinschädliche, die Volksbildung vergiftende Pilze des für unser Jahrhundert schmachvollen Schriftthumes sind. Was sollen diese häßlichen Sprachschnörkel? Wozu dienen uns solche Schriftsudler? Man schreibe entweder deutsch in deutscher oder hebräisch in hebräischer Schrift, und suche das Volk der Verwilderung zu entreißen, nicht darin zu bestärken.

Wir kommen nun zu der von uns als „ungarisch“ bezeichneten Judendeutsch-Literatur, verwahren uns jedoch nochmals ausdrücklich gegen die Unterstellung, als ob wir mit diesem der Geographie entnommenen Epitheton etwas anderes beabsichtigen, als einen bequemen Technicismus für ein gewisses Genre des deutschen Styles zu gewinnen. Wir haben weder ein bestimmtes, in Ungarn erscheinendes deutsches Journal für jüdische Interessen im Auge, noch wollten wir behaupten, daß die hier näher zu bezeichnende Art, deutsch zu schreiben, ausschließlich unter ungarischen Juden vorkommt. Wir nennen das in Rede stehende Jüdisch-deutsch nur deshalb ungarisch, weil sein Vorkommen unter ungarischen Juden begreiflich und daher verzeihlich ist.

(Fortsetzung folgt.)

Ausgabe 30 vom 26.07.1878, S. 238ff

II.

Das ungarische Judendeutsch, das eigenthümlich und jedenfalls und seinem polnischen Vetter verschieden ausgeprägt ist, hat für seine Existenz die naheliegende Entschuldigung, daß fortschreitende Magyarisirung der Juden das vormals bestandene deutsche Sprachbewußtsein in ihnen getrübt habe. In der That ist das ungarische Judendeutsch, der jüngste Sprößling des Ghettoidiomes, beinahe erst mit dem Dualismus, welcher der magyarischen Sprache die Präponderanz verliehen hat, emporgekommen, und selbst jenen jüdischen Schriftstellern in Ungarn fremd, deren literarische Carrière in die vordualistische Zeit zurückreicht. Es läßt sich nicht behaupten, daß der unmögliche deutsche Styl in Ungarn aus der Popularitätshascherei oder aus unlauteren, bloß geschäftlichen Tendenzen, wie dieß in Polen der Fall ist, hervorgewachsen wäre. Vielmehr hat die eifrige Betreibung des Magyarischen das Verständniß für den deutschen Sprachgeist in der jüngern Schriftstellergeneration beinahe ausgetilgt, und weit entfernt davon, daß nach dem Spruche des alten griechischen Weisen jeder, „der zweier Sprachen mächtig, auch zweier Seelen Besitzer wäre,“ hat die gewaltsame Magyarisirung und der Zungenzwang in Transleithanien bei dem Umstande, als die Juden auch noch von dem Hebräismus afficirt werden, das Aufkommen jeder Sprachlogik unmöglich gemacht. Die Vergewaltigung aller fremden Idiome in Ungarn darf nämlich durchaus nicht mit analogen Versuchen, einen Sprachenzwang auszuüben, verglichen werden. Wenn Rußland es unternimmt, dem einen slavischen Dialekt die Alleinherrschaft zu vindiziren, wenn Preußen neu erworbene polnische Länder gewaltsam germanisirte, so hatte jenes in der innigen Verwandtschaft der mundartlichen Zweige eines und desselben Sprachstammes den archimedischen Punkt gefunden, seinen Hebel anzusetzen, dieses in der Jahrhunderte hindurch emporgekommenen und in natürlicher Entwickelung herangewachsenen deutschen Cultur das Mittel, Ersatz für die Unterdrückung des heimatlichen Lautes zu bieten, gewonnen. Man lernte schließlich auch in Posen sehr gerne die Sprache der Regierung sprechen, welche einen weiten Verbreitungsbezirk beherrschte und den internationalen Verkehr über Länder und Meere hinaus vermittelte. Hiezu trat noch das instinktive Gefühl, welches durch spätere Sprachforschungen zu einem klaren Bewußtsein erhoben wurde, daß sämmtliche europäische Idiome zu der großen indogermanischen Sprachenfamilie gehören, und daß die wechselseitige Bereicherung der Sprachschätze durch Aufnahme von einzelnen Ausdrücken denn doch nicht eine zu weit getriebene Gastfreundschaft gegen Fremdwörter sei. Gewisse Technizismen, dem Lateinischen oder Griechischen entnommen, wie Constitution, Apotheke, Telegraphie wurden Gemeingut aller Culturländer, und es ist noch keinem deutschen Pharmazeuten eingefallen, „Arzeneienverkauf“, keinem deutschen Telegraphenamte in den Sinn gekommen, „Schnellschreiberei“ auf ihre respectiven Aushängsschilder zu schreiben. Ganz anders in Ungarn. Mit einer Anmaßung, die zu dem unendlich kleinen Verbreitungsbezirke der magyarischen Sprache und zu deren Isolirtheit inmitten der europäischen Sprachenfamilie in einem höchst possirlichen Verhältnisse stehet, hat man sich dort aus dem internationalen Verkehre selber hinausgeworfen, die gebräuchlichsten und aller Welt verständlichen Techniszismen verbannt und sie durch erkünstelte magyarische Kunstwörter ersetzt, sich dadurch mit einer sprachlichen chinesischen Mauer umgeben, die, wenn das so fortgehet, schließlich jeden Conzert der congenialen Geister unmöglich machen wird. Was nun die Juden Ungarn’s betrifft, so sind ihr Bildungstrieb und der angeborne weite Ausblick in die gesammte Culturarbeit der Zeit mächtig genug, daß sie ungeachtet ihres glühenden Patriotismus und ihrer bedingungslosen Hingebung an das magyarische Vaterland denn doch der Richtung, die deutscher Geist ihrem ganzen Seelenleben verliehen hat, nicht entsagen können. Der ungarische Jude kann sich ebensowenig als der gebildete magyarische Christ der Wahrnehmung verschließen, daß diese gekünstelte und outrirte Sprachisolirung unnatürliche Affectation sei, die nicht für die Dauer vorhalten könne. Die deutsche Sprache ist daher weder aus der Synagoge, noch aus der jüdischen Schule, noch aus dem jüdischen Schriftthume in Ungarn zu verdrängen, und wenn das ungarische Landes-Rabbinerseminar, das Pester Taubstummeninstitut sich einer weitgehenden Magyaromanie befleißigen, als gäbe es wirklich außerhalb des ungarischen Globus gar kein Leben mehr (extra Hungariam non est vita), so wirkt doch in allen Geistern ganz stille eine reservatio mentalis, die man sich freilich nicht laut eingestehen will, daß die große Weltgeschichte noch andere Schauplätze ihrer Thätigkeit habe. Wir aber halten eine nähere Charakteristik des jüdischdeutschen Styles der seit jüngster Zeit in Ungarn erscheinenden Schriftwerke um so überflüssiger, als wir diesen auch in Rücksicht ihres Inhaltes keine literarische Bedeutung zuerkennen dürfen. In der Regel schreibt auch derjenige ungarisch-jüdische Schriftsteller, der einen ersprießlichen Gedanken vorzutragen hat, ein tadelloses Deutsch und den kleinen Kläffern, die an Gedankenarmuth laboriren, verzeihet man sehr gerne ihr schäbiges Sprachgewand, das eben nur die herkömmliche Tracht des literarischen – Proletariers ist. Spricht ja allerwärts so weit der Kampf um das Dasein reicht, manche problematische Existenz ihr: „Ich muß leben“, von der man mit Voltaire sagen möchte: „Je n’en vois pas la necessité“ – (Ich sehe die Nothwendigkeit dessen nicht ein.)

Haben aber polnisches und ungarisches Judendeutsch noch wenigstens eine scheinbare Entschuldigung für ihr Dasein, so verdient die in Deutschland selbst erscheinende Judendeutschliteratur nachsichtslose Züchtigung, um so mehr, als sie nicht in der Unfähigkeit der Skribenten und noch weniger in der Vorliebe des Lesepublikum’s für sprachliche Mißgestalten ihren Grand hat, sondern aus der unsittlichen Tendenz, im Wege der Heuchelei und Augendreherei das Pietätsgefühl der Conservativen auszubeuten, ihren Ursprung nahm. Das moderne deutsche Judendeutsch ist ausschließlich im neuorthodoxen Schriftthume zu finden, und hat auch mit diesem eine gemeinsame Wurzel. Als Samson Raphael Hirsch vor vierzig Jahren mit seinen Briefen Ben Usiels und dem hirnverbrannten „Choreb“ in die Oeffentlichkeit hinauspolterte, als er es für eine Sünde gegen seinen heiligen Geist erklärte, hebräische Wörter anders als nach der bei deutschen Juden üblichen Aussprache zu transkribiren, als er zum ersten Male „Jisroel“ statt Israel und „Mausche“ statt Mose in deutschen Lettern drucken ließ, da war dem für immer entschlafen geglaubten Jargone die Posaune der Auferstehung erschollen. Hirsch’s „Mausche“ ward dem Gemauschel zum Signal der Wiedergeburt. Hirsch hat für die Verewigung des Mißbrauches den Hegel’schen Satz vindizirt: „Was wirklich ist, das ist auch vernünftig,“ da aber zuletzt auch die Unvernunft wirklich ist, so mußte sein Bestreben dahin gehen, eine Vernunft hineinzulügen, was er zuerst unbewußt, später aber mit trotziger Absicht und bewußter Tendenz vollzog. Ein Mann, der in der Fertigkeit zu sinnbildern es so weit gebracht hatte, in dem Mischnaabschnitte „Bame-Madlikin“ ein Symbol der geistigen Erleuchtung zu erkennen, hatte keine besondere Mühe aufzuwenden, um die Sprachverrenkungen des Ghetto’s als nothwendige Emanationen der höchsten Ideen des Judenthums darzustellen. Blind wie die Schafheerde dem Leithammel folgte, anfänglich gutmüthiges, religionsbedürftiges, später bösartiges, scheinheiliges und mit Religiosität schacherndes Gewimmel, das in Reaction machte, ihm nach, und es kroch ein deutsches Schrifthum aus, das auf die Volksbildung nur schädlich einwirken muß. Dieses deutschländische Judendeutsch unterscheidet sich von dem polnischen und ungarischen Bruderjargonen dadurch, daß es von dem Sprachverderbniß weniger directen Gebrauch macht, als mit demselben liebäugelt und mit hebräischen Brocken, die es in augendreherischer Weise unterlaufen läßt, gerne coquettirt. Da stößt man auf manchen Passus, der an die alten jüdisch-deutschen Uebersetzungen der Bibel, nach Muster der berüchtigten „Und Essaw ist mewase gewesen die Bechora“ (Und Esau verschmähte die Erstgeburt) erinnert. Da wird keines verstorbenen Gesinnungsgenossen erwähnt, ohne ein Secher zaddik lib’racha keines lebenden Meinungsbruders ohne ein haschen jaarich jamaw in Form eines Stoßseufzers als neuorthodoxe Stempelmarke beizusetzen In einem dieser „gottesfürchtigen Journale“ lasen wir jüngst den Satz: „Der Kaiser (Wilhelm) jarum hodo erholt sich th’hilla laël wieder und unsere inbrünstigen Thephilloth haben Erhörung gefunden.“ – Die Lorbeeren diese ultramontanen Neuorthodoxie rauben natürlich auch dem halbgefärbten, wissenschaftlich aufgesteiften Halborthodoxismus der deutschen Mittelpartei den Schlaf und auch die Journale dieser Partei parfümiren ihre ketzerischen Freiheiten mit schaletduftenden Jargonismen, um den dafür empfänglichen Gemüthern zu schmeicheln. So wird auf der ganzen Linie der reformfeindlichen Literatur gerotwälscht, und die gute deutsche Sprache in usum delphini castrirt. Was aber soll mit einem Volksschriftthum, das unter das Niveau der Volksbildung gesunken ist, das sich der ganzen jüngern Generation unverständlich macht, erzielt werden? Theilet mit diesen Sprachcarricaturen Paradiese von theologischen Gedanken aus, und Ihr werdet keine Käufer finden. Aber freilich! Auch diesen Leuten ist’s ja nur um den momentanen Verschleiß zu thun, nicht um die Ausübung des schriftstellerischen Berufes, der ein dauerhaftes Wirken, dessen Spuren noch in Jahrzehnten kennbar sein soll, anstrebt. Ihnen genügt es, abonnirt zu werden, ob auch gelesen und von den Lesern gewürdigt, liegt außerhalb ihres Krämergeschäftes. Der Schade aber, den sich anrichten, bestehet darin, daß sie eine Aversion gegen jede Lectüre, die jüdisches Interesse betrifft, erzeugen, und mit sich die gesammte jüdisch-deutsche Literatur in Mißkredit bringen.