Sturmann, Manfred: Die jüdische Sendung Franz Kafkas

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(Anläßlich des Erscheinens des letzten der nachgelassenen Romane Franz Kafkas: „Amerika.“)

In: Selbstwehr, Nr. 6, XXII. (22.) Jahrgang, 10. Feber 1928, S. 3–4.

I.

Es erübrigt sich heute, fast vier Jahre nach dem Tode Franz Kafkas, mit dem Nachdruck auf seine Bedeutung hinzuweisen, der 1924 noch notwendig war, um sich Gehör zu verschaffen. Allmählich ist die Gemeinde des Dichters gewachsen, die Kühlsten und Fernstehendsten haben bei den gewaltigen Gaben seines Nachlasses aufmerken müssen, und jene Wenigen, die noch zu seinen Lebzeiten und unmittelbar nach dem Tode des Unvergeßlichen immer wieder seine Größe klarzustellen und seine zukünftige Wirkungskraft zu prophezeien sich bemühten, jene Wenigen haben eine beglückende Bestätigung erfahren dürfen und nicht zuletzt die Gewißheit, daß Franz Kafka die Anerkennung und darüber hinaus den Ruhm finden wird, der ihm gebührt. Noch ist es nicht so weit. Wohl ist der Name Kafka im Kreise der literarisch Interessierten längst kein unbekannter mehr, wohl wachsen von Tag zu Tag die Stimmen, die den Vorstoß durch die Indifferenz weiterer Kreise intensivieren helfen –, noch aber hat leider dieser Vorstoß nicht jene Kraft erreicht, die allein letzte Verbreitung und damit die Unvergänglichkeit des Werkes gewährleistet.

Franz Kafka ist ein jüdischer Dichter nicht nur seiner Abstammung nach, sondern vor allem gemäß seiner geistigen Struktur und nach jener tragischen Besessenheit, mit welcher er versucht, sich dem Gefüge der Welt einzuordnen. Franz Kafka ist der Jude schlechthin. Es ist vielleicht gut zu sagen: Der Ewige Jude. Kafka, der das Maß beherrscht, wie kein zweiter Dichter dieses Jahrhunderts, steht selber ungemessen der Ordnung, dem Kosmos gegenüber. Nirgends gibt es einen verborgenen Winkel, in den er sich betten darf; was bei jedem Kuli eine Selbstverständlichkeit ist, wird bei ihm zur Utopie. Er müht sich, erniedrigt sich, zwingt sich mit heroischer Geduld zu immer erneutem Versuch. Aber es liegt doch gleichzeitig eine Hoffnungslosigkeit, eine Verzweiflung in dieser Bemühung, und indessen entblättert sich das Leben wie ein herbstlicher Baum. Das ist Kafkas Melodie, die seiner selbst und die seiner Dichtung; denn nirgends anders finden wir eine solche Einheit von Leben und Werk wie bei ihm. Diese Melodie klingt aus der noch zu Lebzeiten erschienenen Novelle Die Verwandlung, aus den Romanen Der Prozeß und Das Schloß und schließlich aus dem dritten Nachlaßband, der im Folgenden noch näher betrachtet werden wird.[1]

Bedarf es noch eines Beweises, daß diese seine Melodie eine jüdische ist? Ist Kafkas Thema nicht das jüdische Schicksal in letzter Prägnanz? Jenes der Ordnung-gegenüber-stehen, jene Sehnsucht, seine Art zur Norm zu machen, jene Bemühung, in die Reihe zu treten, nur um aufzuhören, ein Sonderfall zu sein? Wenn Josef K. im Prozeß sein Leben hingibt im Kampf mit einer geheimnisvollen Gerichtsbehörde, nur um den Grund zu erforschen, weshalb er verfolgt und verurteilt ist; wenn K. im Schloß seine letzten Energien verschwendet, nur um in einer fremdartigen Umgebung Durchschnittsmensch zu werden; wenn schließlich der sechzehnjährige Karl Roßmann im dritten Nachlaßband Amerika trotz allem Fleiße und aller Entbehrung in seinem Bestreben, sich der Ordnung des fremden Kontinents einzureihen, immer wieder versagt – wer spürte nicht über den Leiden dieser Einsamen den Schlagschatten des jüdischen Geschicks: Ein zweitausendjähriges Sehnen nach der Norm, nach einer natürlichen Daseinsform?

Ueberall in Kafkas Werk stehen die Menschen gleich Zuschauern um den Einzelfall, staunend zuweilen, doch oft auch mit Gelächter. „Es ist doch so einfach, da zu sein!“ denken sie. Kann die Parallele noch deutlicher sein: Wie der Held in Kafkas Werk den Zuschauern, so steht der Jude seiner Umgebung, so das Judentum den Völkern gegenüber, als Einzelfall, als betrachtens- und vielleicht bemitleidenswerte Extravaganz. Im Prozeß erzählt Kafka eine Legende, in der ein Mensch zum Türhüter des Gesetzes wandert und Einlaß begehrt. „Es ist möglich,“ sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Und der Arme wartet vor der Türe. Monde und Jahre. Er gibt den Versuch auf, hineinzudringen in das Gesetz, und wartet, bis man ihm die Türe öffnet. Indessen wird er alt, krank und kindisch. Ehe er stirbt, rafft er sich noch einmal zu einer Frage auf: „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß begehrt hat?“ Und der Türhüter antwortet: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

In diesen Tagen ist der dritte Nachlaßband, Amerika, erschienen. Mit diesem Werk – und den beiden anderen genannten Romanen Der Prozeß und Das Schloß – schließt sich Kafkas geniale Trilogie des Einsamen, des faustischen Wanderers, des um die letzte Weisheit Irrenden. Kein zweiter Dichter unter den Jüngeren vermochte mit so einfachen Mitteln Epen solcher Größe zu schaffen; keiner so über die Zeit hinauszuwachsen wie Kafka; keiner mit einer aus Einfachheit emporgesteigerten Sätzen Prosa zu formen, die in ihrer geordneten Klangfülle wie eine Wortsymphonie wirkt. Wer kann das Geheimnis deuten: Kafkas Sprache ist streng; jemand, der sie zum ersten Male liest, wäre versucht, sie als Kälte zu deuten. Dem aber ist nicht so. Diese Prosa ist zwar ausnahmslos frei von Lyrismen; sie ist herauskristallisiert aus der Idee, aus Kafkas tragischer Besessenheit eben. Aber wie der Kristall hart ist, und doch die Weichheit des Lichtes sich nicht versagt, so ist die Sprache Kafkas nach außen hart abgegrenzt, doch von allen Seiten her durchsichtig, spiegelt sie innerste Bewegtheit wieder, Liebe und Mitleid, und so verbindet sich zu seltener Einheit das zwiefache Maß Form und Gehalt.

II.

Amerika ist das weltlichste Buch Kafkas im wortwörtlichen Sinne. Das Buch nämlich, das der Welt am nächsten kommt. Während im Prozeß und im Schloß der Einsame der Welt gegenübersteht mit jener Sehnsucht, von der wir oben sprachen – ist Karl Roßmann im dritten Roman ein Knabe, der noch nicht um diese Stille weiß, der sich des Tragischen also noch nicht bewußt wurde.

Er will nichts als ein in geordneten Verhältnissen lebender Mensch werden, nur ein Arbeiter. Der Junge hat Pech gehabt. Er wurde von einem Dienstmädchen verführt und ist mit 16 Jahren Vater geworden. Die kleinbürgerlichen, durch das Mißgeschick kopflos gewordenen Eltern schicken ihn nach Amerika. Das ist in solchen Fällen am bequemsten. Das Dienstmädchen aber weiß, daß Karl einen Onkel in Amerika hat, sie schreibt an ihn, und so kommt es, daß der junge Auswanderer, noch ehe er das Schiff verläßt, im Hafen von New York von seinem Onkel gefunden wird. Es scheint nun alles gut zu enden. Karl hat Zeit, sich in einem reichen Hause auf die neue Welt vorzubereiten. Er wird verwöhnt, bekommt ein Klavier, einen Hauslehrer und Reitunterricht. Der Onkel ist ihm zwar mit väterlicher Liebe zugetan, aber so sehr Prinzipienmensch, daß er aus einem geringfügigen Anlaß den Neffen verstößt und der Hölle des fremden Landes preisgibt. Karls Schicksal wendet sich jäh. Er weilt eben noch in einem prunkvollen Landhause bei New York – da verstrickt sich die Situation: Plötzlich sind jene Menschen, die ihn eben noch gastlich bewirteten, seine Feinde, die Villa wird zum Labyrinth, die so sanft scheinende Tochter des Hauses zum Ungeheuer, mit dem er sich buchstäblich zu prügeln hat, und zu allem Ueberfluß wird ihn mitten in seiner Verwirrung ein Brief des Onkels übergeben, nach welchem er verstoßen ist und nie mehr in das Haus des Onkels zurückkehren darf. Karl sitzt auf der Straße. In einer Herberge lernt er zwei Strolche kennen. Delamarche und Robinson, – sie erinnern in allem an die beiden Gehilfen im Schloß – die ihn unter dem Vorwand, für ihn Arbeit zu suchen, mitschleppen und ihn doch nur ausnutzen bis es zum offenen Streit kommt. Karl verläßt die Weggenossen und findet im Hotel Occidental ein Unterkommen als Liftjunge. Sein Dienst ist maßlos schwer. Mit äußerster Anspannung nur kann er auf seinem Posten ausharren. Er beißt die Zähne zusammen, er muß sich durchkämpfen, um langsam aus der kleinen Anstellung aufzusteigen. Er gewöhnt sich recht und schlecht an die neue Umgebung und an das Zusammenleben mit den anderen Liftjungen des Hotels. Schon hat er von seinen Trinkgeldern ein hübsches Sümmchen erspart, in der einflußreichen Oberköchin eine Gönnerin und in der kleinen Sekretärin Therese eine reizende Freundin gefunden. Wieder hat es den Anschein, als stünden seine Sterne gut. Da aber taucht plötzlich Robinson auf, er ist hoffnungslos betrunken. Karls Situation ist unerträglich. Er bringt es nicht fertig, den Burschen hinauszuwerfen und läßt sich von seiner Gutherzigkeit verleiten, seinen Posten ohne Erlaubnis, für ein paar Minuten nur, zu verlassen, um den betrunkenen Robinson im Schlafsaal der Liftjungen in Sicherheit zu bringen. Das Versäumnis wird von seinem Vorgesetzten entdeckt, eine grundlose Diebstahlsverdächtigung kommt hinzu – Karl ist fristlos entlassen. Wieder hat er nur Feinde um sich. Sein einziger Wunsch in seiner namenlosen Enttäuschung ist, fortzukommen, er flieht, ohne die der Oberköchin zur Aufbewahrung anvertrauten Ersparnisse an sich zu nehmen. Karl ist wieder frei aber ärmer und verlassener als ein Hund. Es bleibt nichts anderes übrig: er schließt sich Robinson wieder an, der ihm Hilfe verhilft, aber Karl fällt dem zu einem gewissen Wohlstand gelangten Delamarche in die Hände, und die alte Feindschaft lodert wieder auf. Karls Lage ist unbeschreiblich: Es gibt blutige Schlägereien, er wird zum Knecht, zum Küchenjungen degradiert.

Hier bricht der fragmentarische Roman ab. Wir erfahren nichts mehr von den Leiden des mutigen Jungen. Dann aber, im letzten Kapitel, das Kafka Das Naturtheater von Oklahoma überschreibt, stoßen wir wieder auf Karls Fährte. Wir erfahren, daß er in diesem phantastischen Riesentheater eine Anstellung erhält. Das Schlußkapitel ist irgendwie heiterer gehalten, wir glauben annehmen zu dürfen, daß Karls Weg endlich aufwärts führt und wirklich, Max Brod deutet in seinem Nachwort darauf hin, daß es Kafkas Plan gewesen wäre, dieses Buch mit einer Verklärung abzuschließen: Karl Roßmann sollte sein Ziel erreichen, auf beiden Füßen stehen bleiben und hier, in diesem, ihn anfangs so feindlich anmutenden Lande endlich geruhigte Aufnahme und Einordnung finden.

Amerika übertrifft die früheren Werke Kafkas durch seine gesteigerte Bewegtheit. Es ist der Optimismus der Jugend, der hier hellere Farben spendet. Weil Karl Roßmann noch unbewußt vorwärts dringt und jener Hoffnungslosigkeit fern ist, in der sonst die Spannkraft des Kafkaschen Helden erlischt. Amerika ist wohl auch das phantasiereichste Buch des Dichters. Zuweilen gibt die Strenge nach unter der Glut des inneren Gesichtes: Kafka ist kaum über die Grenzen Böhmens hinausgekommen und vermag doch eine Vision Amerikas festzuhalten, als wäre er lange drüben gewesen. Seine Bilder wachsen ins Gigantische: Riesenhotel und Chaos der Straße, New Yorker Proletarierelend – und dann wieder die gewaltige Schilderung des Naturtheaters.

Nach dem Torso dieser Dichtung zu urteilen, hätte wie in dem jungen Karl Roßmann vielleicht auch in Kafka selber eine Verklärung stattgefunden, wenn nicht der Tod den Einundvierzigjährigen vorzeitig gefällt hätte. Aber wir haben immer nach der Lektüre eines Buches von Kafka das Gefühl, als brauchten wir Weihaben immer nach der Lektüre eines Buches auf, lest ein paar Zeilen darin und ihr wißt, wer Kafka gewesen ist! Jede Zeile zeugt von solcher Größe, daß die Spuren dieses Gestalters unverlöschbar sind. Es wird eine Zeit kommen, da man Kafka einstimmig unter die größten Epiker aller Zeiten zählen wird. Dann werden die Menschen, und vor allem wir Juden – wie er Einlaß begehrte in die Welt – Einlaß begehren in sein Werk. Und wir werden Einlaß finden, denn Kafkas Werk ruht auf einem sicher tragenden und breiten Pfeiler: auf seiner Güte.


[1] Der Novellenband Der Hungerkünstler und der Roman Der Prozeß erschienen im Verlag Die Schmiede, Berlin; alle übrigen Werke bei Kurt Wolff in München.