Selbstwehr (Zeitschrift)

1907-1938, zuerst als Selbstwehr. Unabhängige jüdische Wochenschrift in Prag begründet, ab 1922 mit geändertem Untertitel Jüdisches Volksblatt, da die Selbstwehr mit diesem Volksblatt fusionierte. Die Zeitschrift, begründet von Richard Brandeis (1865-1944) und Franz Steiner sowie flankierend unterstützt durch die Erneuerungsbewegung rund um Hans Kohn, erschien bis 1914 wöchentlich, nach Beginn des Ersten Weltkriegs allerdings z.T. sehr unregelmäßig. Selbstwehr wird in der Bedeutung von ‚Selbsthilfe‘ verstanden, und zwar durchaus selbstsicher wie auch selbstkritisch, wenn z.B. von einer „Kriegserklärung gegen alles Morsche, Halbe, Faulende im Judentum“ sowie einer „kräftige[n] Bejahung der jungen, selbstbewußten keimenden Kräfte […] im jüdischen Volke“ die Rede ist. Die Sympathien gelten „allen jungjüdischen Renaissancebestrebungen“ wie z.B. dem Zionismus, so der programmatische Eröffnungsbeitrag. Jüdische Menschen werden aufgefordert, zu ihrer Religion zu stehen, aber auch an der Änderung der überkommenen jüdischen Gemeindeverfassung mitzuwirken. Es war der Aufruf zur Nutzung der eigenen Kraft, die letzten Endes zur Veränderung führen sollte. Rasch etablierte sich die deutschsprachige Zeitschrift als ein unabkömmliches, auch literarisch durch prominente Stimmen angereichertes Organ, welches sich für die Belange des Zionismus, der Mitgestaltung der Auswanderungsbewegung aus dem ostjüdischen Bereich, der Pflege kultureller Einrichtungen und der Reform des jüdischen Schulwesens in den Ländern Böhmens und später der Tschechoslowakei stark machte, bis es Ende 1938 verboten wurde.

. Darüber hinaus verstand sich die Selbstwehr als Antwort auf die jüdische Wochenschrift Rozvoj (= Fortschritt / Entwicklung, erschien von 1894-1932). Robert Eisler war der erste Leiter der Wochenschrift, ihm folgten Hugo Herrmann (1910-1913), Siegmund Kaznelson (1913-1917) und Felix Weltsch (1919-1938). Die Publikationen von Leo Pinsker (vor allem Autoemancipation von 1882) und Nathan Birnbaum waren für die Programmatik der Zeitschrift maßgeblich; die Verbindung zur zionistischen Studentenvereinigung Bar Kochba mit Hugo Bergmann als Leiter ebenso. Die

Vereinigung war zudem stark von tschechischen Akademikern mit jüdischen Wurzeln geprägt, dazu gehörten u. a. Alfred Löwy, Arthur Klein, Josef Kohn oder Ludvík Singer; viele deutschjüdische Studenten (Hugo Bergmann, Robert und Felix Weltsch, Hugo und Leo Herrmann, Siegmund Kaznelson, Oskar Epstein, Hans Kohn, Viktor Kellner…) wurden für die Selbstwehr unerlässlich. Friedrich Mautner (nicht zu verwechseln mit dem Sprachphilosophen u. Schriftsteller Fritz Mauthner) listete in einem Beitrag zum 10jährigen Bestehen der Zeitschrift (1917) die vielfältigen Verbindungen zur zeitgenössischen tendenziell liberal orientierten deutschsprachig-jüdischen Kulturelite Prags auf, zu der u.a. die Schriftsteller Max Brod und Franz Kafka gehörten, ferner Martin Buber, dessen Reden zum Judentum wesentlich die kulturzionistische Ausrichtung der Zeitschrift mitbestimmte. Im Umfeld und in z.T. personeller Verflechtung zur Zeitschrift entwickelten sich in jenen Jahren um 1910 weitere zionistische Einrichtungen wie z.B. die Jüdische Lese- und Redehalle, der Volksverein Zion oder der Klub jüdischer Frauen und Mädchen.

Die Zeitschrift zeichnete sich dadurch aus, dass sie unterschiedliche Beilagenaufwies, darunter bereits früh die ‚Blätter für die jüdische Frau‘, der ‚Spiegel der jüdischen Welt‘ und der ‚Jüdische Almanach‘ als kennzeichnende. Die Beiträge in der Selbstwehr verkörperten eine Mischung aus kulturzionistischen und politischen Artikeln, Neuigkeiten aus den Kultusgemeinden und später zunehmend häufigen Berichterstattung aus Palästina, der ‚Neuen Heimat‘. Im Feuilleton erschienen zudem Erzählungen, Romane in Fortsetzung, Reiseberichte, Lyrik oder Rezensionen u.a. von Schalom Asch, Ida Barber, Irma Singer, Leopold Kompert, Franz Kafka, Scholem Alejchem oder Nelly Thieberger.

Materialien und Quellen:

Digitalisat (lückenhaft): https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE394663 (Leo Baeck Institut)

M. Buber u.a. (Hg.): Das jüdische Prag. Prag: Verlag der Selbstwehr 1917: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/675633.

Scott Spector: Die Konstruktioneiner jüdischen Nationalität – die Prager Wochenschrift „Selbstwehr“. In: Brücken. Germanistisches Handbuch Jg. 1991, S. 37-44; online unter: https://jahrbuch-bruecken.de/cms/wp-content/uploads/2017/06/bruecken1991_92_37-44_Spector.pdf; Achim Jaeger: Nichts Jüdisches wird uns fremd sein. Zur Geschichte der Prager Selbstwehr (1907-1938). In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15(2004), S. 151-207; Rahel Rosa Neubauer: Ein Wien-Prager Netzwerk. Max Mayer Präger, Siegfried Bernfeld und die Prager Kulturzionisten. In: Mitteilungen d. Gesellsch. für Buchforschung in Österreich, H.2/2009, S. 69-72, bes. S. 70; online unter: http://www.buchforschung.at/pdf/MB2009-2.pdf.

(PP/ PHK in Vorbereitung)