EMES (PSEUDONYM): ZWEI JÜDISCHE ROMANE

In: Die Welt, Jg. 5. (Jänner 1901), Jänner 1901, Heft 1, S. 7-8.

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Ahasver von Robert Jaffé. (Berlin, Siegfried Cronbach.)

Nicht der alte Unruh schweift durch die Länder: Sein Fuss knirscht nicht durch den Sand, in den ein Königsschloss verfiel, das ihm erst vor tausend Jahren hindernd im Wege stand. Jaffé hat aus dem Antiken-Kasten der Literatur den Titel nur und nicht den Stoff genommen. Den Bezug zwischen Deckblatt und Inhalt bringt die Rastlosigkeit, mit der eine ruhelose Menschenseele den Frieden sucht, von explosiven Zündungen in Irrgängen umhergewirbelt.

Emil Zlotnicki ist der jugendliche Naive, der nicht aufhört, den Söhnen Japhets unentwegt sein „Soyons amis“ zuzurufen. Er glaubt es erreichen zu können, dass die Juden gerade so wie die landsässigen Geschlechter ringsum nur Gott und den Kaiser fürchten müssen und keinen Nebenmenschen. Diesem Zwecke und keinem Berufe hat er sein Leben geweiht. Er entfaltet seine imponierende Gelehrsamkeit in Büchern, deren Vorwort ihm mehr am Herzen liegt, als das Thema, weil er hofft, dass er im ersten die Amalgamierung der Juden und Deutschen als wünschenswert und nöthig bewiesen hat. Er entwickelt die Energie des Fanatikers, um aus den beschränkten Verhältnissen des unbekannten Luftmenschen, der er ursprünglich ist, in höhere Kreise hineinzukommen, wo er eifrigst die jünger sucht, die ihm bei der Verbreitung seiner Ideen helfen sollen. Durch den Mund einer Serie von feinciselierten Typen lässt Jaffé seinem Helden die Antworten des Lebens geben.

Demokratisch wird sich Zlotnickis Idee vorderhand nicht entwickeln, das sieht er bald ein. Sein Gesicht spricht früher zu der Masse der christlichen Nachbarn als sein Mund und elementare Roheit treibt ihn entsetzt vom Spaziergange nachhause. Auch dort wartet seiner kein Erfolg. Mutter Sorge treibt geschäftig ihr Wesen in der Stube seines Onkels und duldet nicht, dass solche Irrwische, wie Ideal und Begeisterung sich im Zimmer herumtreiben. Das Klettern nach dem Brotkorb lässt die sensiblen Nerven des armen Juden verkümmern. In den schwerbegrifflichen Massen sowohl der Juden als der Christen Wandel zu schaffen, ist Emil Zlotnicki nicht Prophet genug, und er fürchtet, dass für dieses Streben ein Menschenleben zu kurz werden dürfte. Er muss also eine Tradition für seine Ideen schaffen und anerkannte Prediger gewinnen, die auf ein grosses Auditorium einwirken. Die bekannte Presse aller Parteien, die von der Geschicklichkeit lebt die Ansicht ihrer Leser zu errathen und ihnen zu schmeicheln, die Presse, die um jeden Preis die Schlagworte des Tages vertheidigt, vertreibt die Idealisten schleunigst und gründlich, wie er die Wahrheit vom Geschäfte geschlagen sieht. Sein erfindericher Geist weiss auch jetzt noch Wege zum Ziele. Er wird ein neues Jung-Deutschland gründen, eine neu-philosophische Schule, die das Vertrauen der Christen haben wird, weil ihre Mitglieder Arier sind. Nach der Umschau um Studienfreunde, um taugliche Denker sucht er Hans Förster auf, den er als wüthenden Kämpfer gegen den Stumpfsinn des Tages kennt, ihn will er zu seinem Dogmatiker unter den Studenten erziehen. Kurt Förster, dessen Cousin, erscheint ihm geeignet, unter der Jugend der intelligenten Berufe zu wirken. Auch da harren seiner bittere Entäuschungen. Dem Verstande ist leicht zu gebieten, dem Herzen schwer. Die Freunde hören, aber sie folgen nicht. Die Sophistik moderner Oekonomie hat auch sie ergriffen, sie streben nach Besserung nicht mit dem Juden, sondern gegen ihn. Hans Förster schliesst das Bekenntnis seiner Verzweiflung am Erfolge mit Selbstmord.

So weit ist Zlotnicki noch nicht. Hat auch in das Netz seiner weltumspinnenden Pläne jeder Tag beinahe ein Loch gerissen, hat er auch fortwährend Schritt wechseln müssen, um endlich doch vor einem unübersteigbaren Spalt haltzumachen, er hat doch noch eine Hoffnung. Er wird zugleich ein Beispiel seiner Worte sein, zugleich ein glücklicher Mensch. Wenn ihn die Männer nicht erhört haben, die Frauen werden es thun; aber unverstanden gleitet die Aufregung seiner vermeintlichen Liebe an Marthe Förster ab, die nicht einmal versteht, was er will, was der Jude will. Der Traum ist aus. Schon sieht fürchterlich oft Zlotnickis Auge den Leichnam Hans Försters visionär erscheinen, rufend, lockend. „Die Reinheit unserer Frauen wird Euch erlösen“, steht geschrieben. Ein jüdisches Mädchenherz steht weit der irrenden Seele offen, in Güte und Liebe und Schönheit hebt lächelnd ein jüdisches Mädchen den Alp von Emils bedrängter Brust, und in der Ahnung hohen Glückes betritt er die Schwelle der jüdischen Heimat.

Sie haben es leicht, die Modernen des Schriftthums. Ein vielgestaltiges Leben bietet ihnen der interessanten Momente genug. Wo es am bewegtesten ist, wo Handlung an Handlung im aufgeregtem Kampf vorüberzieht, hat es Jaffé abgeschrieben und bringt in flotter Zeichnung jedes Licht und jeden Schatten. Er malt schlichte und darum um so packendere Bilder des Judenthums unserer Zeit und wir können ohneweiters jeder seiner Figuren Namen aus unserer Bekanntschaftsgaben. Jaffé zeigt brillant die seltene Kunst, alles fesselnd und neu darzustellen. Nicht ein bischen Tendenz hat seine schriftstellerische Delicatesse gestört, mit der er unseren Reflexionen den breitesten Spielraum gewährt. Selbstredend musste er bei der Schilderung des Judenlebens die schon überall anwesenden Zionisten erwähnen. Sein Held kommt gerade am Schluse mit ihnen in Berührung, sein Held beginnt jüdisch zu denken. Wir warten auf die Geschichte des Zionisten Zlotnicki.

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Im Lande der Noth. Von Rosa Pomeranz. (Verlag Schottlaender, Breslau.)

Dieses Buch werden die Verfechter der Frauenemancipation in Kürze als schlagendes Document für ihre Ansichten ausgeben.

Die Bezeichnung als Roman, noch dazu von einer Frau geschrieben, lässt von vorneherein eine unbehagliche Erinnerung an die trüben Erfahrungen unseres Geistes auftauchen, wie sie nach solchen Signaturen gewöhnlich folgten. Doch schon nach den ersten Seiten respondiert ein unbewusstes Bravo auf die sprudelnde Natürlichkeit eines berufenen Geistes, und das Compliment für die Verfasserin wird umso tiefer, je weiter wir in der Lectüre uns befinden. Es ist aber das Buch, behaupten wir, gar kein Roman, sondern eine Reihe Culturnovellen, von dem Schicksal immer derselben Personen geschickt zu einem Ganzen verbunden.

Wenn von unseren Brüdern die Rede ist, bekommen wir Juden selten einen Accord des klingenden, des schönen Lebens zu hören. Meist erschüttert unsere Seele die Tragik ihres Lebens, die Poesie ihres Schmerzes. So auch hier. Naturgemäss – weil ja ein dunkler Winkel des Judenthums uns in heller Beleuchtung gezeigt wird. Galiziens Judenleben, wie es sich zwischen der Rabbinerklaus und dem Markte abspielt, wird uns nach liebevoller und genauer Beobachtung interessant vorgeführt. Dem Tischler genau so wie dem Wunderrabbi sehen wir zu, durch keine tragischen Verwicklungen des Stoffes interessiert, bloss durch ihr Leben. Von Lemberg bis Sadagora ziehen skioptikonartig die Bilder des Ghettos an uns vorüber mit den Kämpfen zwischen Ehrlichkeit und der alles bezwingenden Noth, zwischen Tradition und Reform, zwischen den Forderungen des Kopfes und denen des Herzens. Die Advocaturskanzlei des jüdischen Polen steht unseren Blicken genau so offen, wie die Thür in die bei hohem Wasserstande überschwemmte Wohnung Schmules des Getreidemaklers, Wahlagenten etc. etc. Was hinter ihrer ewig heissen Stirne brodelt, was die treibende Kraft all ihrer Handlungen ist, wie sie mit ihrer Frau sprechen und wie mit ihrem Abgeordneten, all das ist mit der Treue und zuverlässigen Wahrheit des langjährigen Nachbarn geschrieben. Die Verfasserin lehrt ihn uns nicht nur kennen, sondern auch lieben, den Benjamin Rachels, den Sohn ihrer bittersten Schmerzen.

Das Werk wird als vielbegehrte Bibliotheksnummer verdientermassen seinen Weg machen. Nebst unserer rückhaltslosen Anerkennung registrieren wie noch eine interessante Thatsache darüber. Die Zionisten occupieren darin ein paar Zeilen. Die wollte 1897 der Verleger ausgemerzt haben, heute findet er und das Publicum sie selbstverständlich.

Emes.