AUTOR*IN UNBEKANNT: DIE JUDENFRAGE IM OSTEN

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 18. Jahrgang, Ausgabe 8 vom 22.02.1878, S. 1f

 

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Unter dem Waffengetöse schwiegen nicht nur die Musen, sondern auch die diversen Judenfragen, soweit für solche noch ein Boden in Europa vorhanden ist. Von der Zivilisation und der siegenden Idee eines Rechtsstaates verdrängt, fand die Judenfrage nur noch im Osten dieses Welttheils eine Heimat, von ganzer oder halber Barbarei begünstiget. Ihr Verbreitungsbezirk war geograhisch genau begrenzt, er reichte nicht weiter als die Machtgebiete Rußland’s, der Türkei und der Donaufürstenthümer, d. h. genau soweit, als der Schauplatz jenes Kriegsdrama’s, dem jetzt sein Epilog in einer Conferenz der Signatarmächte bereitet werden soll. Und doch schwieg die Judenfrage, sie, die am peinlichsten von dem blutigen Waffenspiele tangirt war. Nicht daß sie auch nur zeitweilig gegenstandslos geworden wäre, sondern weil die Juden bei dem hohen Grade von Selbstverläugnung, die ihr Herz charakterisirt, auf einem Gebiete, das nicht unmittelbar mit ihrem religiösen Gute zusammenhängt, stets geneigt sind, ihr eigenes Interesse dem der jeweiligen Gesammtheit zu unterordnen. An dem großen Kampfe betheiligten sich die russischen wie die türkischen Juden mit gleichem patriotischen Eifer, und selbst in Rumänien konnten unsere Glaubensbrüder in der Hitze des Gefechtes vergessen, welche Genugthuung ihr Vaterland ihnen schuldig geblieben ist. Aber der Krieg wird schweigen, und die Judenfrage wird wieder die Fähigkeit zu reden erlangen, und welche Antwort wird man ihr ertheilen? Die Vertreter der Judenheit aber, wenn sie in die Lage kommen sollten, an die projectirte Conferenz mit ihren gerechten Forderungen heranzutreten, dürften gut daran thun, die Macht der Hindernisse, die sich ihren Bestrebungen entgegenstellen werden, genau zu prüfen, um weder der Unterschätzung und somit der Illusion, noch der Ueberschätzung und somit der effeminirenden Hoffnungslosigkeit anheimzufallen. Man betrachtet als Hindernisse der Gleichstellung der Culte in den Ostländern zuerst die Uncultur der in der Bildung zurückgebliebenen Völkerschaften, den Fanatismus und das durch Jahrhunderte erstarkte Vorurtheil, die sie jedem noch so begründeten Rechtsansprüche unzugänglich machen, zweitens aber jenen Despotismus als Staatsverfassung, der durchaus einer Kaste der Parias bedarf, um den höher gestellten Klassen eine Folie zu bieten, und ihnen dadurch den Freiheitsmangel weniger empfindlich zu machen. Uns will es jedoch bedünken, als ob gerade diese Hindernisse, die man für so mächtig hält, der Lösung der Judenfrage keine, mindestens nicht lange Zeit mehr Schwierigkeiten bereiten werden.

Die Völkerschaften jener Länder sind besser als ihr Ruf, gutmüthig, gastfreundlich und von wohlwollendem Naturell können sie nicht lange mehr dem Siege der Cultur widerstehen. Auch die Zivilisation gehet heutzutage nicht mehr zu Fuße wie in kalter Zeit, auch sie legt in kürzeren Zeiträumen als ehedem weite Strecken zurück. In gleicher Weise ist eine Politik, die von der Idee des Absolutismus ausgehet und auf ein Kastensystem sich stützt, nicht lange mehr haltbar – und ist einmal die Freiheit ein Factor geworden, mit dem der Staat rechnen muß, da wird ihre Zwillingsschwester: die Gleichheit nicht im Wachsthume zurückbleiben. Es ist eine hochbedeutsame Erscheinung, der wir in der Geschichte der Judenemancipation sehr oft begegnen, daß die Volksmenge weit schneller mit der Gleichheit im Rechte, als mit der Gleichheit im Drucke sich befreundet, als wollte sie die Gleichheit nur aus den Händen der Freiheit empfangen. Selbst in Deutschland und Oesterreich nahm es die christliche Bevölkerung als selbstverständlich hin, daß Juden in die Parlamente gewählt, in alle Recht des Staatsbürgers eingesetzt wurden, während sie in der vormärzlichen Zeit, als sie selber unter dem Drucke der Polizeistaaten schmachteten, jede noch so geringe Erleichterung, den Juden durch den Absolutismus gewährt, mit unverhohlenem Aerger betrachteten. Als Pius der Neunte die Schranke des Ghetto niederrieß, revoltirte das römische Volk, heute nimmt dasselbe Volk in Rom keinen Anstoß daran, daß zwischen Juden und Christen jede Scheidewand, soweit dieselbe von Staatswegen bestand, durch eine constitutionelle Verfassung mittelst eines Federstriches aus dem Wege geräumt ist. (Wir verweisen dießbezüglich auf den nächsten Artikel: „Zur Pabstwahl“ von unserm ehrwürdigen Mitarbeiter Herrn Rabbiner Dr. Ludwig Lichtschein). Ein mächtigeres Hinderniß des Fortschrittes lauert jedoch in der eigenthümlichen Kirchenverfassung der griechisch-katholischen Religion, die jene Ostländer beherrscht – in der Verfassung eines Cäsaropapismus, der die höchste Staats- wie Kirchenautorität in einem und demselben Oberhaupte vereinigt hält. Dort ist der Czar zugleich der Pabst und Rußland ist so im großen Style, was vormals der römisch-katholische Kirchenstaat in dem kleinen ihm zur weltlichen Herrschaft angewiesenen Gebiete war.

Kirchen verhalten sich ihrer Natur nach ausschließlich gegen einander, sind sich wechselseitig Protest und Negation. Sie können nicht paktiren, sie sind intransigent. Staaten neigen dagegen zur Toleranz, zum Frieden, zur Verträglichkeit hin, ihre Natur weist sie an, sich dem Wechsel der Geschichte, dem Gesetze der Entwickelung zu unterwerfen und den Banden des Dogmatismus zu entrinnen. Stehen nun Staat und Kirche als getrennte Gewalten gegenüber, dann wird im Falle eines Conflictes der Stärkere das Recht behaupten, und das Ende des Culturkampfes ist stets ein Cultursieg. Wo aber ein solcher Culturkampf von vorneherein ausgeschlossen ist, wie dies in Rom, als noch die weltliche Herrschaft des Pabstes bestand, der Fall war, und wie dies in Rußland noch heute der Fall ist, da wird auch der Cultursieg sehr erschwert und in seinem Laufe verzögert. Wir glauben daher, auf das Verhältnis der griechischen Kirchenverfassung zur Judenfrage noch einmal zurückkommen und an der Hand der Geschichte es eingehender erörtern zu sollen.

(Forts. folgt.)

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