SCHALOM ASCH: LEIBEL IN DER HEIMAT – LEIBEL IN AMERIKA

Zur Biographie: Schalom Asch

In: Selbstwehr, 11. Jahrgang, Ausgabe 17 vom 27.04.1917, S. 2f & Ausgabe 18 vom 04.05.1917, S. 2f

 

 [Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

 

Ausgabe 17 vom 27.04.1917, S. 2f

Durch den halbzerrissenen blauen Vorhang fallen Streifen Lichts auf das breite Bett, das das ganze kleine Stübchen ausfüllt. Das Licht fällt auf Leibels bleiches Gesicht, das ganz vergraben ist in Decken und Kissen; der Mund ist halb geöffnet, und die zwei Vorderzähne aus dem leeren Kiefer herausragend wie zerbrochene Scheiben aus einem Fenster. Und Leibels Augen sind zugedrückt, zwinkern, und sein Gesicht lächelt: Leibel träumt, er wäre in der alten Heimat.

Er wäre in der alten Heimat, und er wäre noch Leibel. Er geht durch eine Gasse daheim im Städtchen, die Juden winken ihm zu von der Schwelle ihrer Gewölbe, und er dankt nicht und geht weiter, und auf einmal trägt er eine Medaille an der Brust, auf einmal ist er Oberaufseher geworden. Nein, er ist Mosche, der Fuhrmann, geworden und er ist Aufseher über Achlofs Werkstätte, und er ordnet an, den einen auf 24 Stunden einzusperren, und einen anderen läßt er auf 8 Tage einsperren bei Wasser und Brot, und plötzlich geht er auf Leibel zu, der mit dem Bruder Henoch in einem Winkel sitzt und Hemden näht, und Leibel sieht, wie Leibel auf ihn zukommt und fängt an, rascher zu nähen, beugt den Kopf tief über das Hemd und näht und näht. Doch Leibel ist böse und schwingt seinen Stock – was tust du da, Leibel? Was stehst du? Was sitzt du? Wie heißt du? – – und Leibel ist erschrocken und kann nicht antworten, und Leibel befiehlt, man solle Leibel auf 24 Stunden einsperren bei Wasser und Brot. Leibel will sagen, daß er Leibel ist – und kann nicht reden. Und Leibel wundert sich, wie Leibel Leibel einsperren lassen kann. – „Leibel, Leibel, es hat schon 7 Uhr geschlagen“, weckt ihn jemand. „Leibel, du hörst nicht – Leibel!“ Leibel reißt die Augen auf und blickt sich verwundert um, wo er sich befinde, und er hört Chasches Stimme aus der anderen Stube.

„Nun, Leibel, willst du vielleicht, daß Moschele Fuhrmann dir wieder vom Lohn abzieht, willst du dich schon wieder verspäten?“

Die Mutter aber, die sich an den strengen Ton gegen Leibel immer noch nicht gewöhnen kann, weil seine Augen sie noch immer zu sehr an bessere Zeiten erinnern, steckt den Kopf durch den Vorhang, der die Küche vom Zimmer abschließt: „Leibel, es ist doch schon so spät, du wirst doch dann Verdruß haben.“

Und Leibel kommt es wieder zum Bewußtsein, daß es schon drei Jahre her ist, daß er aufgehört hat, Leibel zu sein und Zuschneider in Achlofs Werkstätte geworden ist. Schon drei Jahre, daß er sitzt und Hemden näht. Leibel näht Hemden. Er hatte gemeint, er werde nur ein paar Wochen nähen müssen, bis er im Lande ein bißchen bekannt geworden sein würde, in der Gasse, mit den Menschen; danach würde er sich schon heraushelfen, er würde es schon zu etwas bringen, er würde schon etwas werden, ein Handelsmann, und vielleicht selbst einmal so etwas wie ein Fabrikant, und so immer weiter. Was, er, Leibel, sollte sein Leben verbringen in Achlofs Werkstätte? – Aber Leibel hat sich nach und nach an die Werkstätte gewöhnen müssen, der Ehrgeiz hat nur noch geträumt, phantasiert – und Leibel hat schließlich Erbarmen gefühlt mit Weib und Mutter, die er allein in der Heimat gelassen hatte, Leibel hat die Familie herübergenommen, und Leibel näht noch immer Hemden und träumt bei Nacht von dem alten Leibel.

Aber der Traum ist bald ausgeträumt, denn Leibel sieht, daß der Tag schon dämmert. „O weh, so spät ist es schon,“ ruft Leibel aus und gießt flink Wasser über sein Gesicht, zieht sich an, hat keine Zeit mehr zu beten, die Frau läßt ihn kaum essen, die Mutter hat Mitleid: „Laß ihn das bissel Kaffee austrinken, er hat dann mehr Kraft zu arbeiten.“ Leibel ein Arbeiter, du lieber Gott!

„Schwiegermutter, es ist ihm niemand daran schuld, er hat sich das alles allein eingebrockt, alles allein,“ antwortet die Frau.

„Natürlich, der Tunichtgut, der gottverlassene Tunichtgut. Hätte man den Tunichtgut nicht in die Stube hereingestellt, wäre er doch zu gar nichts gekommen.“

„Schon wieder mit dem „Tunichtgut,“ schon wieder. Ich habs schon gehört – was willst du? Du hast dich über nichts zu beklagen, dächte ich, also was willst du?“

Die Mutter sieht Leibels flammende Augen und aus Gewohnheit erschrickt sie und möchte die Worte gern ungesagt machen; aber die Schwiegertochter kommt ihr zu Hilfe:

„Ganz recht, Schwiegermutter, ihr mögt ihn ruhig Tunichtgut nennen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Aus ists mit dem Telephon, aus mit Leibele. – Leibel ist jetzt ein gewöhnlicher Arbeiter in Achlofs Werkstätte und Mosche Fuhrmann ist ein Herr, – da ist nichts weiter zu erschrecken.“

Leibel fühlt sich der Mutter gegenüber noch stark genug, aber gegen die Frau hat er hier in Amerika seine ganze Ueberlegenheit eingebüßt. Teils fühlt er sich schuldig ihr gegenüber, weil er sie um ihr Geld gebracht hat, und teils ist es noch etwas anderes. Seine Chasche ist herübergekommen nach Amerika und hat gesehen und gehört, wie ihre Nachbarin, eine fette, rumänische Jüdin, ihren Mann behandelt, wie alle Weiber in Amerika ihre Männer behandeln und sie hat bald gelernt, daß in Amerika »ladies first« sind und Leibel hat sein ganzes Ansehen bei ihr verloren. Leibel hat nicht mehr kommandiert, man hat ihn kommandiert und nicht Chasche mehr, sondern Leibel mußte nun wissen, wohin Chasche etwas abgeräumt hatte. „Leibel, wo steht der Besen?“ Leibel mußte Chasche Rechnung ablegen über jeden Groschen, den er ausgab, Leibel wußte selbst nicht, wie es gekommen war: auf einmal hatte er aufgehört, Leibel zu sein und Chasche war Leibel geworden. Und sowie Leibel einmal zu herrschen verstanden hatte, so hatte er nun bald gelernt, beherrscht zu werden – er traute sich kaum mehr, den Mund aufzumachen.

Er nimmt sein Butterbrot und seine Tasche, ruft ihnen ein Wort zu und geht.

 

Ausgabe 18 vom 04.05.1917, S. 2f

(Schluß folgt.)

 

(Schluß.)
Seit Leibel in Amerika ist und bei Achlof Hemden näht, hat er angefangen, nachzudenken. Er hat schon zuhause Neigung zum Nachdenken gehabt, aber hier in Amerika, wenn er den ganzen Tag bei der Maschine sitzt und Hemden näht, hat er Zeit, nachzusinnen und sein ganzes Leben zu überdenken. Er sitzt den ganzen Tag und denkt: eben noch Leibel gewesen, denkt er – und schon vorbei. Und warum ist es so? – sinnt und sinnt er und kommt zu keinem Ende. In Achlofs Werkstätte läßt es sich gut nachdenken, denn dort gibt es genug Material, nicht nur die Hände zu beschäftigen, sondern auch den Geist. In Achlofs Werkstätte hat sich ganz Kruschnewitz zusammengefunden. Immer wieder taucht ein neuer Hausvater aus Kruschnewitz dort auf, der zuhause Kaufmann gewesen war, Geschäftsmann, ein reicher Mann, ein Vorsteher, ein angesehener Mensch. Einer nach dem anderen sind sie hereingekommen in Achlofs Werkstätte, wie aufgestörte Geister, und haben Hemden genäht. Die ganze Misrach-Wand aus der Kruschnewitzer Schul hat sich schon in Achlofs Werkstätte zusammengefunden. Leibel schaut sich um: ihm gegenüber sitzt sein Nachbar, der Uhrmacher Weinstein, um dessentwillen das ganze Unglück geschehen ist – nun sitzen beide Nachbarn da und nähen Hemden. Ein bißchen weiter der Lederhändler, bei welchem er 1000 Rubel stehen gehabt hatte; Reb Jechiel, der Vorsteher, und Mosche Aron, der Zigarrenmacher, der Politiker des Städtchens. Alle sind sie da, und Aufseher über sie ist Mosche, der Fuhrmann. Dieselbe Hand, die in der Heimat die Pferde angetrieben hat, dieselbe Hand treibt jetzt die Hausväter von Kruschnewitz in Amerika an die Arbeit. Und so wie die Toten, die auf dem Friedhofe liegen, nichts anderes zu tun haben, als ihr früheres Leben zu überdenken, so denkt Kruschnewitz in der Werkstätte von Achlof an das vergangene Leben in Kruschnewitz zurück. An jeden elenden Stein am Kruschnewitzer Markte erinnert man sich da, jede Begebenheit aus vergangenen Zeiten wird durchgesprochen und hat man nichts Neues, erinnert man sich an Altes.

„Denkst du noch, Leibel, wie du mich einmal, als ich so dahinschlenderte, zu dir gerufen und mich gefragt hast, warum ich mich auf dem Markt herumtreibe? Als ob ich bei dir in Arbeit gewesen wäre?“ fragt Mordechai, der Schuster, welcher auch schon in Achlofs Werkstätte sitzt.

„Denkst du noch, Leibel, wie du mich einmal mit meiner Frau und dem Kinde vor der Tür meines Hauses sitzend angetroffen hast, und für nichts und wieder nichts bist du auf mich zugekommen und hast mich gefragt, ob ich dir die 1000 Rubel, die ich dir schuldig bin, vorbereitet habe, trotzdem ich dir Zinsen gezahlt habe und du das Geld nicht gebraucht hast, nur so, es hat dir nicht gepaßt, daß mein Kind ein Ei gegessen hat; siehst du, deinetwegen sitze ich heute in Amerika und nähe Hemden bei Achlof, denn hättest du mir dann nicht das Haus mit dem Ledergeschäft verkauft, so wäre ich noch bis zum heutigen Tage ein Kaufmann“ – sagt der Lederhändler.

Und Leibel erinnert sich an alles. Er weiß auch, daß es so gewesen ist und kann nicht verstehen, warum es so gewesen ist; so schlecht ist er gewesen. Wie hat er, Leibel, so schlecht sein können und warum hat er damals nicht gewußt, was er heute weiß?

Seit der Uhrmacher Weinstein herübergekommen und auch in Achlofs Werkstätte hereingeraten ist, haben sich die Landsleute bemüht, zwischen ihnen Frieden zu stiften. Aber bis jetzt ist ihnen dies nicht gelungen. Wie hat man sie nicht in der Versammlung der Kruschnewitzer Männer am Jom Kippur bearbeitet, sie sollen sich versöhnen. Es hat nichts geholfen. Der Uhrmacher Weinstein, der ein Starrkopf ist, hat geschrieen: ich soll mich versöhnen mit dem Kerl, der mich um mein Erbe gebracht und mich und meinen Sohn unglücklich gemacht hat? – Und Leibel hat geschrieen: Seinetwegen habe ich doch mein ganzes Vermögen verloren. Er hat mich angezeigt, und seinetwegen habe ich nach Amerika müssen.

Nur Moschele, der Fuhrmann, macht Frieden zwischen den beiden. Wenn sich die Landsleute zuviel von daheim unterhalten, kommt Moschele herein und schlägt mit der Hand auf: „Was Kruschnewitz, hier ist kein Kruschnewitz; werdet ihr arbeiten, so ists „allright“, wenn nicht, nehmt die Beine in die Hand und schaut, daß ihr herauskommt“, und er nähert sich Leibel, und wirft einen Blick auf den Stoß Hemden, der neben ihm liegt. „Das ist alles, was du heute gemacht hast? Was meinst du da, bist du Leibel? Da ist nicht Kruschnewitz.“ Und er zieht ihm von seinem Taglohn ab, und das gleiche Stückel spielt er dem Uhrmacher. So büßen sie beide.

Die Landsleute haben dem Fuhrmann einen Namen gegeben: „Leibel“. Und wenn Mosche, der Fuhrmann, seine Stimme erhebt und schreit: „Was Kruschnewitz! Vorwärts, vorwärts!“, sagen die Landsleute: „Leibel leibelt schon“.

Leibel hört das und erinnert sich an den Traum, den er gehabt hat, wie Leibel zu Leibel gekommen ist und Leibel Leibel gejagt und kommandiert hat, und er fängt an, den Traum zu verstehn. Und oftmals, wenn Leibel so bei der Arbeit sitzt und an die alte Heimat denkt, was er in der alten Heimat gewesen und was nun aus ihm geworden ist, ruft er den Bruder Henoch, mit dem er schon daheim gern philosophiert hat:

„Weißt du, Henoch, mir kommt es vor, als sei ich gestorben und wieder von neuem geboren worden. Das Leben dort in Kruschnewitz war das Leben eines andern Leibel, und jener Leibel ist gestorben und nun bin ich wieder geboren worden und bin ein Schneider, Arbeiter bei Achlof; ich bin nur falsch geboren worden. Und ihr alle hier, ganz Kruschnewitz ist gestorben und wieder geboren worden in Amerika als Schneider in Achlofs Werkstätte und Mosche, der Fuhrmann, treibt sie an.“

„Nein, Leibel, du bist nicht gestorben“, widerspricht der Bruder mit philosophischer Ueberlegung. „Und ich bin nicht gestorben, und ganz Kruschnewitz ist nicht gestorben. Der Leibel hat sich nur verändert. Dort in der Heimat warst du Leibel und hier ist Mosche Leibel. Was ist der Unterschied? Dort war es schlecht und hier ist es schlecht. Wo „Leibel“ ist, da ist es nicht gut.“

„Wird denn Leibel niemals sterben? ich bin doch schon gestorben.“

„Du ja, aber Leibel nicht; Leibel lebt ewig. In jedem Geschlecht, in jedem Leben lebt Leibel. Weil Leibel in uns lebt. In einem jeden von uns gibt es ein Stück Leibel, er wird stark nud [sic.] sättigt sich von unserem Blut. Und meinst du, bei dir, Leibel, ist Leibel schon tot?“ – fährt der Bruder fort. „Warte nur ein bißchen. Jetzt bist du geschlagen und gedrückt. Aber stehe du nur ein bißchen fester auf den Füßen hier in Amerika, laß es dir nur ein bißchen besser gehen; wenn du Mosche zu befehlen haben wirst und nicht Mosche dir, dann wirst du sehen, wie der alte „Leibel“ auf einmal wieder zum Vorschein kommen wird und mit noch größerer Stärke, noch größerer Frechheit, sodaß dich alle fürchten werden.“

Leibel denkt nach und schweigt, weil er einsieht, daß der Bruder die Wahrheit gesprochen hat.

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