LEOPOLD KOMPERT: AUF, NACH AMERIKA

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In: Oesterreichisches Central-Organ für Glaubensfreiheit, Kultur, Geschichte und Literatur der Juden, 24.03.1848, S. 77f & 89f

 

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

 

Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist dahin;

und uns ist keine Hilfe gekommen.

Jeremias VIII. 20.

 

Uns ist keine Hilfe gekommen! Die Sonne der Freiheit ist für das Vaterland aufgegangen, für uns nur als blutiges Nordlicht; die Lerchen der Erlösung schmettern in freier Luft; für uns sind es nur kreischende Möven des Sturmes. Schamröthe und bebender Zorn überwältigen uns, denken wir an das Fürchterliche, an das Haarsträubende, was uns die letzten Wochen angethan! Weil knechtische Horden und krämerische Häringsseelen den Geist der Freiheit nicht verstanden und verstehen, müssen wir es büßen. Da sei Gott dafür, daß wir unser Haupt für jeden Keulschlag bereit halten, daß unser Auge vor jedem Blitze unserer großen und kleinen Tyrannen erzittere! Dahin ist es gekommen, daß in der Stunde, die uns die Freiheit ins Land gebracht, kein anderer Wunsch in uns ist, als: dieser – Freiheit aus dem Wege zu gehen!

Sie wollen es nicht anders und so sei es! Nicht das erste Mal ist es, daß wir ihrem Willen nachgeben. Seit Jahrhunderten ist unsere Geschichte nichts Anderes, als ein stummes Bejahen auf jede uns aufgelegte Qual, auf jede Folter und Beschränkung! Aber immer bejahen, immer den Kopf neigen? Den Nacken krumm behalten und die Hände wie zum Gebete gefaltet? Wir wollen einmal mit Erlaubnis des »souveränen Volkes« die Geduld verlieren, wir wollen einmal verneinen – und dann aus dem Wege gehen!

Nach Amerika nämlich! Erkennet, die ihr das Wesen der Geschichte nicht verstehet, darin ihren Fingerzeig, daß vor vier Jahrhunderten eben als man die Juden am heftigsten verfolgte, ein Ge- nuese in seinem heißen Gehirne den Schöpfergedanken einer neuen Welt aushecken mußte, daß es ihm nicht Ruhe gönnte, bis eine spanische Königin, deren Gemal die finstere Gestalt eines Torquemada und seiner mit dem Blute tausender unserer Brüder befleckten Dominikaner heraufbeschworen, bis, sagen wir, Isabella von Spanien ihrem Admiral erlaubte, Amerika zu entdecken. Nach demselben Amerika geht nun unsere Sehnsucht, dahin sollet ihr ziehen! »Auf, nach Amerika!«

Wir kennen alle eure Einwände, alle eure Erwiederungen! Aber nur der Kleingläubige und Schwachmüthige werden sie thun, der Muthige, der Gefaßte nicht! Und keinen anderen Rath könnt ihr uns geben, fragen jene, als den Wanderstab zu ergreifen und mit Weib und Kind das ferne, fremde Land aufsuchen? Die Scholle, die uns geboren, genährt, darin wir unsere Todten begraben, sollen wir verlassen? Mich dünkt, schon etwas von den Fleischtöpfen Ägyptens zu hören, von den Goldbrühen und Saftbraten den Brodem einzuathmen – aber ich sehe auch die Leute, die das Feuer schüren, und aus den Flammen des Hasses, des Vorurtheils und der Beschränktheit sein tägliches Gericht holen, bei Gott, wem darnach der Gaumen steht, der bleibe und füttere sich!« –

Zwei Sätze sind es, die in dieser Zeit uns als Ausgangspuncte dienen können. Den einen sagt Moses: »Stehet fest und still;« den andern Jeremias: »Die Ernte ist vergangen und der Sommer ist dahin und für uns ist keine Hilfe gekommen.« Welchem Satz gebt ihr dem Vorzug? Stillstehen und harren, geduldig harren, bis alle uns widerstehenden Interessen versöhnt und gesühnt, bis der Geist der Humanität Sieger geworden? oder, da »uns keine Hilfe gekommen« sie uns aufsuchen – und nach Amerika ziehen?

Mich dünkt, die beiden Sätze lassen sich gar wohl vereinigen! Mögen diejenigen in unserem Vaterlande, die »fest, still stehen« wollen, diesen Standpunct in den Sand der Zukunft gründen! Wir wollen sie daran nicht hindern, wir wollen ihnen selbst Bausteine dazu liefern. Aber den Andern, den Bedrückten und Bedrängten, den Verjagten und Verarmten und Geplünderten in den bekannten Gemeinden, allen, denen die »Freiheit« Unheil gebracht, allen, denen das Herz sagt: noch lange nicht werden wir Ruhe genießen im Vaterlande, wir können uns sobald nicht ändern, sie auch nicht, Jahrzehende sind nothwendig, um die ersten Vorbereitungen des Friedens zu treffen, allen diesen sagen wir: für uns ist keine Hilfe gekommen. Suchet sie im fernen Amerika auf!

Der Gedanke ist nicht neu. Wir wissen es; aber er ist dafür praktisch. Schon vor längerer Zeit hat man Rothschild die Ehre erweisen wollen, als Gevatter diesem Gedanken zu stehen. Er hat die Ehre nicht angenommen – aber wozu Rothschild? Warum nicht auswandern ohne Rothschild? Dem Bedürfnis auszuwandern, der Nothwendigkeit fortzuziehen, kann Rothschild keinen Vorschub thun; er kann unterstützen, forthelfen, Mittel sein. Aber den Zweck, den müßt ihr ohne Rothschild suchen. Ihr werdet unterstützt werden, die ihr bedürftig seid – aber dies ist Mittel und nicht Zweck. Die Auswanderung, die Gründung eines neuen Vaterlandes, die augenblickliche Er- ringung der Freiheit ist Zweck!

Was ihr in Amerika thun werdet, das gehört nicht in die Zeilen dieses Aufrufs. Es soll nur ein Nothsignal, eine Lärmkanone oder wenn ihr wollt ein Musikton in dieser wildgestörten Zeit sein. Werdet Ackerbauer, Handelsleute oder Handwerker, Hausierer oder Mitglieder des Waschingtoner Kongresses, Wechselagenten oder Vicepräsidenten des nordamerikanischen Freistaates, werdet Baumwollpflanzer oder Zuckerraffineurs, das geht Euch, aber nicht uns an. Auch in dem Euch zugewiesenen Vaterlande wird Euch Niemand darum befragen; denn dort gilt der Mensch was er ist, und er ist, was er vorstellt. Vor Allem aber werdet frei und geht nach Amerika!

Tausende haben diesen Schritt vor Euch gethan und thun ihn noch! Verhältnismäßig haben ihn noch Wenige bereut. Über Euch wird der Gott Eurer Väter wachen. Er wird Euch sicher über die Fluten des Meeres, über die ersten Drangsale eines neuen Lebens geleiten! Mir ist nicht bange um Euch! Gerade ihr besitzet die Eigenschaften und Tugenden: Umsicht, Nüchternheit, Sparsamkeit, Zucht und Anhänglichkeit, die dort Euer Gedeihen und Euren Wohlstand aufbauen werden. Andere sind dort verfallen und verkommen, aber ihr werdet blühen und wachsen; mit Euch wird der Gott der Freiheit sein!

Im Geiste grüße ich schon Eure Kinder, die Kinder der Freigewordenen. Salem Alechem!

Aber helle Glut durchströmt mich, denke ich an die frei gebornen Kinder, denke ich an die Mütter, die sie Euch darbieten.

Darum, mitten durch die Gräuel der letzten Wochen, durch die Reihen der Euch Auflauernden, Verjagenden und Bedrängenden der »Freiheit eine Gasse« und auf, nach Amerika! *)

L. Kompert.

*) Eben während dieser Aufsatz zur Presse kömmt, lesen wir aus Pesth: Es hat sich in Folge der neuesten Zeitwirren ein Verein zur Auswanderung nach den vereinigten Staaten Nordamerikas gebildet, welcher zwar größtentheils Bekenner des mosaischen Glaubens, aber auch sehr viele christliche Professionisten und Techniker als Mitglieder zählt.

Auf, nach Amerika.

II.

Im Drange des Augenblickes, wohl auch unter dem Einfluss der von allen Seiten wie Keulschläge aufeinander schmetternden Ereignisse haben wir unsern Aufruf, das Land der Unfreiheit und der Sorge zu verlassen und die transatlantische Heimat aufzusuchen, an alle Verjagten und Bekümmerten in Israel erlassen. Es war vielleicht, indem wir dieses thaten, nur ein instinktmäßiges Antwortgeben auf die Fragen so mancher gedrückten Seele, in der das: »Fort, fort!« wie ein unge- duldiger Gläubiger pocht. War die Antwort aber eine richtige? Zeugt es überhaupt von einem rich- tigen Erkennen der Zeit, wenn wir zur Auswanderung rathen? Die Bewegungen und Stürme dieses Jahres gehen so ins Maaß- und Endlose, daß selbst die weit sehende Berechnung eines trefflichen Verstandes verwirrt und unklar wird. Für nichts läßt sich einstehen; selbst der Haß, selbst das Vorurtheil und die Beschränktheit können es sich nicht verbürgen, ob nicht die Judenfrage trotz ihrer Opposition heute oder morgen eine unerwartet günstige Wendung nimmt. Ja wir, die den Aufruf: »Nach Amerika!« gethan, wir leben der sichersten Überzeugung, daß die kürzeste Zeit über unsere Emanzipation den entscheidend höchsten Wurf gethan haben wird!

Dennoch stehen wir keinen Augenblick an, den Ruf: »Auf, nach Amerika!« dringender als je zu wiederholen. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eben die Lösung der Judenfrage eine so ungewisse ist. Zehn tausend Menschen, die durch ihren Auszug nach Amerika alsogleich sich die Freiheit erringen, sind für uns ein größerer Gewinn, als wenn Hunderttausende noch Jahre lang ohnmächtig oder zähneknirschend sich in Sehnsucht und Drang verzehren. In Büchern, in Romanzen und Legenden nimmt sich das gar schön aus, wenn Einer dem Andern zu Gefallen seine Freiheit ausschlägt, sich, ihm zu Gefallen, einsperren und abhungern läßt, mit ihm seufzet und klagt. In der Wirklichkeit erscheint so etwas als krankhafte Empfindelei, wenn nicht als Verbrechen. Ein Mensch, der frei werden kann, begeht das größte Unrecht, wenn er es nicht wird; ein frei gewordener Mensch ist ein Gewinn, der sich auf hundert, ja auf tausend Menschen vertheilt; die Ausrede, mit leiden zu wollen, wo andere leiden, hat keine Geltung und verräth Feigheit. Wer die Initiative der Freiheit ergreift, nützt mehr, ist zugleich Fahnenträger für tausend Andere! Und von diesem Gesichtspunkte aus wiederholten wir, nach reiflicher Überlegung, unsern Ruf: »Auf, nach Amerika!«

Das ist aber nur die eine, und gewiß nicht. die bedeutungsloseste Seite der Auswanderung Die nämlich: Den Muth der Zurückbleibenden zu stärken, ihnen mit dem Beispiele voranzugehen nicht etwa ebenfalls auszuwandern, aber die Freiheit zu erringen. So furchtbar haben sich unsere Verhältnisse gestaltet, so wenig hat sich noch die Lage geändert, daß wir die Verlierenden und Verlusttragenden, selbst da, wo wir Tausende unserer Brüder in ungewisse Weiten, zum Kampfe mit den Entbehrungen und Drangsalen eines neuen Lebens müssen ziehen lassen, daß wir selbst da auf Gewinn hoffen – den Gewinn unserer Freiheit. Oder ist dem nicht so?

Diese Seite der Auswanderungsfrage schrumpft aber beinahe zu einer unwesentlichen zusammen, im Hinblicke auf die wirklich Freiwerdenden. Ohne alles Zuthun, bloß durch die Gewalt des selbsteigenen Willens erhält hier unsere Emancipationssache eine Lösung, wie sie unter den gegenwärtigen Zuständen sie nicht zu hoffen hat. Mit einem Male frei werden, ohne alles Hinhalten, ohne parlamentarisches Für und Wider, ohne Sympathien und Antipathien, gleich und auf der Stelle, sobald das Schiff seine Anker wirft und der Ocean seine Scheidungsmauer abgrenzt. Sagt das doch diesen Leuten, sagt das alle den Verkümmerten und Trauernden, daß sie mit Vertretung des transatlantischen Bodens alsogleich freie Menschen, Bürger eines freien Staates sind, erhebt ihre Seelen mit diesem Klang, erwärmt damit namentlich unsere armen, unmenschlich geplagten armen Juden, bietet, denen die Sache heiliger Ernst ist, alle Schätze eurer Rede, alle Pfeile eurer Überredungskunst auf, um sie zu versichern, zu bestärken und hinzulenken auf den Ruf, den ihr ihnen wiederholen sollt: »Auf, nach Amerika!«

Kann man von der Freiheit leben? werden sie euch fragen. Antwortet ihnen: ja, ja, man kann leben. Bisher habt ihr in der Unfreiheit mehr vegetirt, als gelebt und selbst diesen Zustand, entwürdigend, aufreibend und gräßlich wie er war, schwankend zwischen Demuth und Beschränkung, zwischen Sonnenblicken und Finsterniß hat man euch vergällt und verbittert. In diesem Vegetiren seid ihr ihnen noch zu viel gediehen. Erst in der Freiheit werdet ihr leben. Ja, man kann von der Freiheit leben, besonders der Jude kann es. Wie werdet ihr gedeihen, wachsen und blühen! Ob man von der Freiheit leben kann? Nur von ihr – sie ist das eigentliche Lebenselement!

Wir haben es schon in einem frühern Aufsatze nachgewiesen, wie der Organismus des Judenthums, dem wir krankhafte Auswüchse und Gebreste keineswegs absprechen wollen, zu seiner Heilung und Förderung der nach allen Seiten unbeschränkten Thätigkeit, mit der vollsten Freiheit bedürfe. Sagt das allen, an die ihr euch wendet, daß sie diese in Amerika finden in einem Maße, das seit beinahe einem Jahrhundert der Sehnsuchtausdruck aller Europäer ist. Aus Deutschland z. B. ziehen jährlich tausende von Bauern über den Ocean fort nach der neuen Welt; Bauern, die Haus, Hof, Acker besitzen; die sie veräußern und verwerthen; ganze Dörfer entleeren sich oft. Diese beschränkten Naturen in ihrem überseeischen Drange waren sich ihres Strebens gar wohl bewußt, bewußter wohl, als manche auf allen Instrumenten der Zeitideen es versuchenden Freiheitshelden. Sie wollten frei sein, und tausende von ihnen, hätten sie ihren »Herrschaften« und Beamten, ihren Frohnvögten und Steuereintreibern nicht den Rücken gewandt, stünden jetzt in Waffen gegen sie und der Struve-Hecker’sche Anschlag hätte wahrscheinlich einen Ausgang genommen, der den Entwurf des Reichsgrundgesetzes, wie ihn der Siebzehnerausschuß in Frankfurt jetzt vorgelegt, wesentlich verändert hätte.

Führt doch unseren Leuten das Beispiel dieser deutschen Bauern vor! Unterrichtet sie doch in dem, was Freiheit ist. Sagt ihnen, daß keine Thätigkeit, vorausgesetzt, sie sei eine ehrenhafte, in Amerika eine Grenze findet, sagt ihnen, daß jüdische Betriebsamkeit, Vorsicht, Nüchternheit und Sparsamkeit in Amerika kein blutgieriges, plünderlustiges Auflauern hervorruft, sagt ihnen, daß Amerika groß genug ist, um nach keinem Glaubensbekenntnisse, keiner Zunft, keiner bestimmten und abgegrenzten Thätigkeit zu fragen; erklärt dem »gemeinen Manne« daß er die Religion seiner Väter mit hinübernehmen kann, wo er Tausende findet, mit denen er sie ausübt, daß das Juden- thum dort nicht wurzellos und entzweigt dasteht und endlich, daß doch früher der Mensch kommt, dann Religion, Staat u.s.w.

L. Kompert.

 

 

Indem wir die hochwichtige Angelegenheit, welche diese Zeilen besprechen, Allen empfehlen, die ein warmes Herz für die trostarme Lage der Juden haben und die Auswanderung, im Großen oder in kleinern Gruppen mit uns als das wünschenswertheste nachhaltigste Mittel anerkennen unseren bedrängten, verfolgten, erwerbslosen Brüdern beizustehen und eine besser Zukunft vorzubereiten, indem wir sie Allen ans Herz legen, welche selbst auf die Auswanderung, als ihren Erlöser harren, und nur jetzt noch durch Verhältnisse an das Land gefesselt sind – das sie ausstoßt und ihnen jedes Recht des Bürgers versagt, Allen endlich, welche diese Sache mit Rath, mit Wort und That unterstützen können und wollen, sprechen wir die Bitte aus: Es möge jeder dafür Stimmende sich mit den in einigen größern Gemeinden bildenden Comités für Auswanderung in Verbindung setzen, und selben ihre Spende, die gewiß die reichsten Früchte tragen wird, recht bald zukommen lassen. Auch das Comptoir dieses Blattes ist zur Annahme solcher Beiträge bereit, wird selbe ungesäumt dem sich hier bildenden Comité zustellen und durch einige der verbreitetsten Journale zur allgemeinen Kenntniß bringen.

Die Redaktion.

 

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