LEOPOLD KOMPERT: DIE „SCHNORRER“. AUS DEM BÖHMISCH-JÜDISCHEN LEBEN

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In: Sonntagsblätter, 5. Jahrgang, Ausgabe 7 vom 15.02.1846, S. 149-154

Stichwörter: Sprachkultur, Okzident-Orient, böhmisch-jüdisch

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Umsonst versuchten wir es hier, die etimologische Abstammung des Wortes Schnorrer zu beweisen; es hat keine, oder es hat deren zu viele, wie der Jargon, dem es angehört, das vielfarbige Kind von tausend Eltern ist, ein Augiasstall aller Sprachen des Morgen- und Abendlandes, eine chirurgische Stube voll zerbrochener und verrenkter Gliedmaßen, worunter nur zuweilen eine gesunde Nase oder ein ganzes Schlüsselbein bunt abenteuerlich dazwischen läuft. Dieser Jargon, wir wollen es nicht verhehlen, es ist derselbe, den man nicht nur in den Ghettos, sondern überall in den deutschen Landen, wo man ihm nicht durch verbriefte Privilegien die Thüre vor der Nase zuschlägt, auf Straßen und Gassen zu hören bekommt. Dieser Jargon hat trotz aller Verrenktheit und Verzerrtheit, trotz aller mißtönenden Laute, so viel gesunde, kräftige, drastische und karakteristische Worte und Begriffe, er besitzt einen solchen Reichthum von Witz, enkaustischer Ironie, und jeder andern Sprache mangelnden Satirismen, daß sich vielleicht nur daraus die keineswegs erstorbene Vorliebe für ihn selbst bei dem Gebildeten herleiten läßt. Heine und Saphir haben hie und da gezeigt, wie man mehre solcher Worte sogar der deutschen Sprache einverleiben konnte, und in der That würde man ihr vielleicht nicht so bedeutend Gewalt anthun, wollte man die mit einigen Bedeutungen versuchen, die den Begriff viel straffer, drastischer und wirksamer bezeichnen, als in der eigenen Sprache. Fürwahr ein impium desiderium! Man betrachte z. B. dieses Wort: „Schnorrer“ – wie leicht und treffend hätte man damit das ganze Proletarienthum und den Pauperismus bezeichnen können, dem sie in neuerer Zeit so gewaltige Bissen in den Mund schieben. Was wissen die, die es angeht, von Pauperismus und Proletarienthum? Aber Schnorrer würden sie sehr gut verstehen, das Wort sagt Alles und noch mehr, als in dem ganzen Pauperismus liegt; es hat sogar die deutschen Endlaute für sich und ließe sich bei den Zeitumständen vortrefflich einbürgern.

Diese Art Leute mußten sich durch ihre Schnurren und Witze auf Hochzeiten, Beschneidungen und andern Festlichkeiten ihre Nahrung suchen. Anfangs bildeten sie wohl ein eigenes Handwerk, wie die Meistersänger im Mittelalter; später nahmen jedoch Bettler jeden Geschlechtes die Weise an, womit diese jüdischen Schalksnarren so trefflich bestanden. Sie schnorrten – obwohl ich recht gut weiß, was im Adelung über diesen Punkt steht: schnurren gehen ist so viel als betteln; in der rothwälschen Diebessprache schnorren. Wahrscheinlicher aber ist die Herleitung von Schnurre.

Schnorrer bedeutet so viel als armer Mann, im weitern Sinne herumziehender Bettler, einer, der auf die Wohlthaten Anderer angewiesen ist. Wir wollen sie hier nur im weiteren Sinne vorführen, das heißt als vagirende Bettler, wie sie einen der Grundtöne in dem vielfarbigen Gemälde des jüdischen Volkes bilden. Für das jüdische Leben sind die Schnorrer das, was die Geusen im 16. Jahrhundert für die Niederlande waren, jedoch ohne politischen Hintergrund. Jahr aus, Jahr ein sieht man Tausende von diesen wandernden Bettlern das ganze Ländergebiet der österreichischen Monarchie durcheilen, überall einkehrend, wo sie eine verwandte Seele herauswittern, Zugvögel, die bald hier, bald dort erscheinen, sich niederlassend, wo ihnen etwas winkt, und fortziehend, nachdem man sie befriedigt. Diese Bettler sind von jenem Gesetze selbst begünstigt, das da vor Jahrtausenden schon sagte: Sei wohlthätig gegen die Armen. Nie ist aber auch ein Gesetz vollkommener und buchstäblicher verstanden worden, denn diese „Schnorrer“ sind ganz auf die Unterstützung ihrer jüdischen Mitbrüder angewiesen. Sie sind eine Art Brandschatzer, die die Geldbeutel ihrer Stammgenossen in Kontribuzion versetzen. Man wird es auch aus Nachstehendem ersehen, mit welch lebendiger Liebe und unvergleichlicher Mildthätigkeit man diesen fahren- den Bettlern entgegenkommt, wie nach so vielen Stürmen und Wehen der alte, nie gebrochene Baum dieses Volkes sproßt und Keime treibt.

Diese herumziehenden jüdischen Bettler bilden eine der interessantesten Menschenklassen – voll Kekheit, Anmaßung, Witz, Humor, Schlauheit, Verstellung und allen jenen Eigenschaften, wie sie die Natur dem Bittenden gegenüber dem Gebenden zu verleihen schien. Das Vaterland dieser Schnorrer anzugeben wäre vergebene Mühe, sie komme aus allen Ländern und Gebieten hergeweht, ein ächtes Vagabundenvolk. Das größte Kontingent zu dieser Schnorrerarmee liefern Ungarn und Gallizien; man kann die Anzahl derer, die jährlich aus diesen beiden Ländern auswandern, um das edle Waidwerk des Bettelns zu betreiben, auf einige Tausende anschlagen; weniger ist Mähren, am wenigsten Böhmen selbst vertheilt. Vielleicht eben darum bietet dieses Land ein so gefälliges Stelldichein für die Alle; wie eine Heuschrekenwolke lagern sie darauf, nicht zu bestimmten Zeiten, sondern Jahr aus, Jahr ein in unabsehbaren Haufen. Karawanenweise durchziehen sie dieses Land nach allen Richtungen und Krümmungen, in Begleitung von Weib und Kindern; da wird keine Gemeinde, kein Dorf, selbst der entfernteste Pachthof nicht verschont. Es ist nicht eine Straße in Böhmen, worauf man nicht mehre dieser Wandervögel im vollsten Zuge erblikte, es ist, als wäre dieses Land nur für Marodeurs, worin jeder nach Lust und Belieben pfänden und brandschatzen kann.

Sobald sich Jemand zum „Schnorrer“ berufen fühlt, geht er auf das Amt seines Vaterortes und holt sich von dort einen Paß. In diesem Passe wird dem Vorzeiger dieses gerichtlich bestätigt, daß er berechtigt sei, als fahrender Bettler herumzuziehen. Hat der Schnorrer einen solchen Freibrief an die Geldbeutel seiner Stammgenossen erlangt, so bricht er aus seiner Heimat auf, läßt entweder sein Weib in treuer Freunde Obhut zurük, oder heißt es und die Kinder mitziehen, damit sie ihm in seinem trefflichen Vorhaben hülfreiche Hand böten. Da wird keine Rüksicht darauf genommen, ob die Kinder die Strapazen einer so weiten Reise werden ertragen können, ob sie krumm, blind oder taub sind – je mehr, desto besser, desto stärker kann er an das allgemeine Mitleid appelliren. Mit den wenigen Habseligkeiten auf dem Rüken, an der einen Hand ein Kind, in der andern einen Wanderstab haltend, schreitet der Mann einher, während das Weib einige Schritte hinter ihm hergeht, ein Säugekind an die Brust gelehnt oder ein Wägelchen rollend, woraus, in schmutzige Kissen gebettet, ein gar verkrüppeltes Geschöpf miserabel hervorlugt. Eine solche Familie hat, bei ihrem Herausgehen aus dem Vaterorte, oft nicht mehr, als womit sie ein dürftiges Nachtlager in der nächsten Herberge bezahlen kann; aber Muth und Vertrauen belebt sie und die erste, die beste Gemeinde, die sie berührt, bringt ihr Ueberfluß und Nahrung. Der Schnorrer verzweifelt nie – er kennt sein Volk. Ein Maler könnte sich oft keine lebendigeren Genrebilder wünschen, als sie diese wandernden Schnorrer bieten. Namentlich unter den polnischen Männern findet er eine Masse der schönsten und ausdruksvollsten Köpfe, weniger schön sind die Weiber. Hier hat Elend, Wettersturm und Mühsal die vielleicht einst schönen Züge vor der Zeit verwelken gemacht; aber blikt man auf diese von Lumpen umhüllten Glieder und in dieses zu früh zerstörte Antlitz, so wird man oft von dem unnennbar eigenthümlichen Ausdruke betroffen, der darüber lagert. Das Auge vorzüglich gemahnt oft an den funkelnden Edelstein, der in einer Kothlake liegt. Die Beschäftigung eines Schnorrers ist sehr einfach. Die Wochentage benützt er dazu, um Almosen einzusammeln; da sind es die kleineren Gemeinden und einzelnen Höfe, denen er seinen Besuch abstattet; aber neigt sich die Woche zu ihrem Ende, so sucht er es stets so einzurichten, daß er in eine größere Gemeinde einmündet, um in ihrem Schooße den Sabbath zuzubringen. An diesem Tage verbietet ihm das Gesetz zu wandern – man wird sogleich sehen, wie trefflich dieser Tag dem Schnorrer zu Statten kommt.

Sobald der Schnorrer in einer Gemeinde anlangt, begibt er sich sogleich in die sogenannte „Schlafstube,“ die zum Behufe dieser fahrenden Gäste eigens unterhalten wird, ein Etablissement, wo er für einige Kreutzer ein Nachtlager haben kann. Hier legitimirt er sich vor dem Herbergsvater, der gewöhnlich der Sinagogenküster ist, durch Paß und andere Papiere, und wird von ihm mit dem schönen Gruße, der auch den Arabern eigenthümlich ist, bewillkommt: Salem alekem (Friede sei mit euch.) Nachdem er da sein Gepäke abgelegt, begibt er sich zu dem Gemeindekassier, um sich bei ihm die Anweisung auf seine Sabbathkost abzuholen. Es besteht nämlich in jeder etwas größeren Gemeinde die Einrichtung, daß jedes verheiratete Mitglied, sobald es in den Verband der Steuer- und Abgabenpflichtigen aufgenommen ist, sich zu einer gewissen Anzahl von Sabbathen verpflichtet, d. h. zu einer gewissen Anzahl von diesen Schnorrern, die er über den Sabbath mit Kost versorgen will. Natürlich richtet sich dies immer nach den Vermögensumständen des Individuums; aber selbst der weniger Bemittelte übernimmt einige solcher Tage, um sich im Weigerungsfalle nicht selbst ein testimonium paupertatis auszustellen. Zu diesem Behufe schreibt man nun seinen Namen auf so viel Zetteln auf, als man sich zu Sabbathen verpflichtet; diese Zettel werden zusammengerollt, und mit denen der andern Gemeindeglieder in eine verschlossene Schachtel gethan. Sobald nun der Schnorrer zu dem Kassier kommt, wird die Schachtel geöffnet, damit er nach Belieben wähle. Der Zettel wird nun aufgerollt und der Kassier deutet dem Schnorrer an, wohin er zu gehen habe, um seine Sabbathkost zu empfangen. Mit dieser Anweisung macht sich der Schnorrer auf den Weg und erkundigt sich auf der Gasse nach der Familie, die ihm bezeichnet ist. Dort übergibt er den Zettel der Hausfrau oder dem Hausherrn, und die laden ihn auf den Abend zum Tische ein. Karakteristisch genug heißt dann ein solcher Schnorrer „Gast.“ Die Hausfrau bedeutet dann ihrer Köchin, eine größere Quantität Fleisches zuzurichten und sonst zu den Speisen ein Erklekliches hinzu zu thun, denn man habe einen „Gast“ bekommen.

Nachdem dieses wichtigste aller Geschäfte glüklich vorüber, geht der Schnorrer wieder in seine Schlafstube zurük. Hier findet er bereits mehre Kollegen, theils angekommene, theils anlangende, alle mit dem nämlichen Zweke, den Sabbath in der Gemeinde zu feiern. Da sitzen einige, die bereits versorgt, auf Tischen und Bänken umher, und erzählen und befragen sich gegenseitig um Vaterland, Verhältnisse und Schiksale; andere sind bereit, sich zum Kassier zu begeben, besorgt, wie es scheint, ob ihnen noch ein guter Hausherr zu Theil würde; andere neue Gäste langen erst an. An einem solchen Freitage steht die Schlafstube nie leer. Da noch einige Stunden bis zum Abendgottesdienste fehlen, der zur Vorfeier des Sabbaths an jedem Abende des Freitags gehalten wird, so sucht diese der Schnorrer so gut als möglich zu benutzen, um sich nach Kräften herauszuputzen, damit er im Hause des Herrn gereinigt erscheine. Er nimmt den Bart durch die gründliche Salbe hinweg, ein Gemische aus gelöschtem Kalk und Aurum, glänzt seine Schuhe und bürstet den Staub von seinen Kleidern. Ist die Zeit des Gottesdienstes endlich gekommen, so begibt er sich in die Sinagoge, wie er einen der untern Plätze, gewöhnlich gleich an dem Einfange einnimmt. Während des Gottesdienstes benimmt sich der Schnorrer mit aller Frömmigkeit und Devozion; er bükt und beugt sich nach allen Seiten, sagt seine Gebete laut her, damit Aller Augen auf ihm ruhen. Nach geendigtem Gottesdienste bleibt er in tiefster Demuth an der Schwelle des Gotteshauses stehen, und wartet, bis die Anderen hinausgegangen. Nun ereignet sich eine Szene, die wir nicht weglassen dürfen, weil sie einen bedeutenden Pendant zum Karakter eines Volkes bildet, das von jeher im regen Zusammenhalten sein politisches Dasein fristet. Ein jeder der Vorübergehenden strekt seine Hand dem Bettler entgegen und drükt die seine, und bewillkommt ihn mit dem trefflichsten aller Grüße: Salem alekem. Selbst der Reichste in der Gemeinde hält sich nicht für hoch genug, diese Bewillkommung einem Stammgenossen zu verweigern, dem er aus Gnade morgen die Mittagskost reicht. Wir wissen nicht, ob diese Sitte noch überall in gleicher Kraft ist – schwerlich dürfte aber der Schnorrer von der Hand eines jener papierenen Könige, die über Koupons und Akzien gebieten, einen Gegendruk zu erwarten haben. Das ist aber modern!

Nun begibt sich der Schnorrer zum Abendessen. Ein interessanter Augenblik in seinem Leben! In der Wohnung seines Hausherrn, der ihn zum Tische geladen, steht der Tisch, mit weißen Linnen bedekt, bereits gedekt; die Speisen des Sabbaths strömen aus der benachbarten Küche ihren Duft in die Stube, die vom Scheine der siebenzinkigen Lampe, oder flammenden Kerzen heimlich schön beleuchtet ist. Wie wohl mag es ihm da um’s Herz werden! Die ganze Woche dem Unbill des Wetters mit den Mühen einer Fußreise preisgegeben, und nun auf einmal in einer warmen, sabbathduftenden Stube, an einer wohl besetzten Tafel; mitten unter einer Familie; Wir erlassen den Kommentar zu einem solchen Verfahren! Nachdem man sich gewaschen und den Segen gesprochen, setzt man sich, wobei dem „Gaste“ einer der untern Plätze an dem Tische eingeräumt wird. Die Hausfrau übernimmt nun die edle Sorge für seinen Magen; es wird ihm von den reichlich aufgetragenen Speisen so viel aufgenöthigt, als sich ohne Gefahr thun läßt. Während des Essens hat der Schnorrer ein strenges Verhör, um Namen, Vaterort, Weib und Kinder u. s. w. zu bestehen, wobei denn der Schalk oft Dinge vorbringt, die der edlen Wahrheit eben nicht genügen mögen. Zuweilen ergötzt er auch den Hausherrn durch allerlei Witze, Anekdoten, talmudische Spitzfindigkeit und Schnurren allerhand von so drastischen, zwerchfellerschütterndem Inhalte, daß den Leuten darüber Essen und Trinken vergeht. Man muß diese köstlichen, witzsprühenden Anekdoten, namentlich die auf polnischem Gebiete spielen, verstehen und in ihre Feinheiten eingehen, um zu gestehen, daß hier nichts Gewöhnliches geleistet wird. Von diesen Schnurren mag auch der Name Schnorrer nicht herleiten, da diesen Leuten in frühern Tagen die Rolle der Hofnarren zugekommen sein mochte. Die köstliche Unterhaltung, die er aber dadurch der Familie verschafft, kommt dem „Gaste“ sehr gut zu Statten.

Beim Weggehen werden ihm noch die Ueberbleibsel der Speisen in die Tasche gestekt, und die Hausfrau schneidet noch ein großes Stük vom dem weißen Brode ab, das für den Sabbath eigens gebaken wird. Auf dieselbe Weise geht auch der folgende Tag, der Sabbath vorüber. Wie am vorhergehenden Abend besucht er wieder die Sinagoge, mit derselben Frömmigkeit und Devozion, wo möglich in noch verstärkterem Maße. An diesem Tage ereignet sich oft eine Szene ganz eigenthümlicher Art. Man weiß vielleicht, daß, nachdem die Stämme Israels in alle Enden und Eken der Welt zerstäubt und verweht wurden, so daß selbst ihre Namen untergingen, ein Stamm sich erhalten haben wollte, der der Priester und Leviten. Noch heut zu Tage führen diese den alten Namen, ob mit historischem Recht oder Unrechte, wissen wir nicht. Als die ehemalige Leiterin der Theokratie genießt diese Kaste noch jetzt einige, freilich sehr unwesentliche Vorrechte; so wird zum Beispiel beim Verlesen der Gesetzesrolle der Priester zuerst aufgerufen, hernach kommt der Levite und nach ihnen erst das gemeine Volke der Israeliten. Nun trifft es sich zuweilen, daß in manch kleinerer Gemeinde kein Priester sich vorfindet. Da kommt aber der „Schnorrer“, gibt sich als solchen zu erkennen und sogleich wird sein Name verlesen und der Vorzug des ersten Vortretens kommt ihm zu. Man erinnert sich, daß in den Büchern Moses ein Kapitel vorkommt, worin der Profet unter den schreklichsten Strafen, Plagen und Drohungen den Fall Israels voraussagt, wenn es je von seinen Geboten abweichen würde. Aus Vorurtheil oder Aberglauben will nun Niemand zu diesem Kapitel vorgerufen werde, weil sich vielleicht ein Theil des Gelesenen an seinem Theile erfüllen könnte. In solchen Fällen übernimmt der „Schnorrer“ die ganze Verantwortlichkeit auf sich – er tritt vor, wenn kein Anderer will, und auf sein Haupt ladet er die ganze Masse von Flüchen und Drohungen, von denen jenes Kapitel überfließt! Man sieht also, daß er trotz seines vagen Lebens dennoch eine Stellung einnimmt. Wenn so ein Sabbath heilbringend für den Magen des „Schnorrers“ gewesen, so ist es der nächstfolgende Sonntag noch mehr für seine Tasche. An diesem Tage bricht er wieder auf, bevor dies aber geschieht, stattet er allen Gemeindegliedern seinen Besuch ab, um Almosen für seine Wegzehrung zu empfangen. Oft aber befriedigt ihn das Geschenk mancher sparsamen Hausfrau nicht – da ergrimmt sein Zorn und mit den Geberden eines dazu Berechtigten wirft er ihr das Geldstük zurük und schleudert ihr eine Fluth von Flüchen zu. Vergrößert sie nicht das Geschenk, so vermehrt sich seine Insolenz; bis zum Zweke gelangt. Denn die Hausfrau fürchtet, die Flüche des Bettlers könnten wahr werden, und Gott erhört zumeist seine Worte!

Wohin aber der Schnorrer am liebsten seine Schritte richtet, das sind die Wohnungen der „Randars“. Dieses Wort ist der verdorbene Ausdruk für Arendator, einer jenen Besitzer oder Pächter von herrschaftlichen Branntweinhäusern, wie man sie in Böhmen überall findet. Diese Randars sind gewöhnlich über Maß mit zeitlichen Gütern beschenkt; „er ist ein Randar“ reicht hin, um ei- nen Begriff von Wohlhabenheit und Reichthum zu erweken. Die Wohnungen dieser Krösusse hegen aber eine Fülle von landschaftlicher Poesie in sich, wie sie ihr erster Anblik vielleicht nicht glauben läßt. Sie sind in gewisser Hinsicht jüdischer Klöster;* wie der Arme und Hungrige von jeher in der stillen Vorhalle der Mönche seine Suppe erhielt, so empfängt hier jeder Vorüberreisende, der einspricht, mehr als dies. Der „Randar“ ist gewöhnlich ein wohl gemästeter, jovialer Mann, der gerne lacht und lustige Geschichtchen hört. Diese Eigenheit des Randars kennt nun der Schnorrer sehr gut und weiß sie auch trefflich zu benützen. Bei ihm spricht er am liebsten ein; mit Hülfe einiger witzigen Anekdoten und Bonmots weiß er ihn in eine so glükliche Laune zu bringen, daß er dann Alles von ihm erlangen kann. Hier verlebt er denn auch seine glüklichsten Tage; er ißt und trinkt vortrefflich, wozu noch zuweilen ein Glas vom stärksten Branntwein kommt, gegen den namentlich der Pole eine etwas zu ausgesprochene Vorliebe zeigen soll. Man denke sich das köstliche Genrebild: Die Branntweinschenke eines böhmischen „Randars“, der Schnorrer am Tische vor der dampfenden Schüssel, und ihm gegenüber das feiste, mondglänzende Antlitz des Randars, der sich vor Lachen den Bauch hält, während er die Anekdoten des Schnorrers hört.

So gestaltet sich das Leben des jüdischen Bettlers – wenigstens nicht uninteressant, wie man doch eingestehen wird. Noch gibt es unter diesen Schnorrern eine vornehme Aristokratie – die der armen reisenden Gelehrten. Da wir aber in Zweifel befangen sind, ob wir denn diese Gelehrten überhaupt in die Kategorie der Schnorrer werfen sollen, so erlasse man uns ihre Schilderungen auf eine andere Gelegenheit. Wahr bleibt es aber: ohne diese Schnorrer gäbe es im jüdischen Volke eine Nazionaltugend weniger und ein Zug fiele aus ihrem Karakter weg, der am glänzendsten den Vorurtheilen und Gehässigkeiten entgegen steht. Der heißt: Mildthätigkeit gegen den Mitbruder.

* Vor einigen Jahren gab J. Kaufmann in Leipzig eine wunderschöne Schilderung dieser poetischen Wohnungen im Taschenbuche „Jeschurnu!“ Man lese sie dort.

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