SIMON SZÁNTÓ: DIE „JÜDIN VON TOLEDO“

Zur Biographie: Simon Szántó

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 12. Jahrgang, Ausgabe 45 vom 08.11.1872, S. 495f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Die „Jüdin von Grillparzer“ sollte eigentlich unsere Uiberschrift lauten. Denn einerseits ist es der Titel eines im literarischen Nachlasse vorgefundenen Drama’s den wir für unsern heutigen Leader entlehnen; anderseits darf man die Heldin der verunglückten Tragödie füglich immer als eine Jüdin Grillparzerischer Mache ansehen, für welche die Wirklichkeit niemals ein Urbild geliefert noch inmitten unseres Stammes hätte liefern können. Es verstehet sich von selbst, daß es uns mindestens an dieser Stelle nicht um eine Kritik vom Standpunkte der Dramaturgie zu thun ist, daß vielmehr eine Frage von prinzipieller Bedeutung unsere Erörterung herausgefordert. Die Leser werden sich erinnern, daß wir dem Genius Grillparzer’s stets Gerechtigkeit widerfahren ließen, so oft uns die spezielle Aufgabe dieses Journals Gelegenheit bot, zu der allgemeinen Huldigung, die diesem großen vaterländischen Dichter zu theil geworden war, auch unser Schärflein beizutagen. Wir würdigten im Sinne des geläuterten Judenthum’s, das „Reich von Priestern“, die Gemeinschaft aller edlen Geister, in deren Mitte ein Sänger wie Grillparzer unstreitig einen hervorragenden Platz einnimmt. Wir erzählten es mit wärmster Anerkennung, wie er im Jahre 1867, als die Gesetze der Religionsfreiheit im österreichischen Herrenhause beschlossen werden sollten, obgleich schwer erkrankt, sich in einer Sänfte in den Beratungssaal tragen ließ, um sein Votum für die Emanzipirung der Gewissen abzugeben. Wir sprachen ihm Dank für die Liebe aus, mit welcher er das jüdische Thema Esther, behandelte das freilich schon vor ihm von großen Meistern in seiner dramatischen Bedeutung erkannt und für die Bühne bearbeitet wurde, und schrieben es rein ästhetischen Motiven zu, daß Grillparzer über das Fragment nicht hinausgehen wollte, obgleich Racine schon vor nahezu zweihundert Jahren bewiesen hat, daß man bei einigem guten Willen der Handlung einen würdigen, bühnengerechten Abschluß zu geben vermag. Der Tragödie „Jüdin von Toledo“, von welcher damals eine voreilige Fama das Lob im Wege einer Antizipandozahlung ent- lockte, trugen, auch wir, wie fast die gesammte Kritik Wien’s. den Zoll auf bloßen Kredit entgegen – und theilen nun das Schicksal einer unangenehmen Enttäuschung mit allen anderen Gläubigern die einen ähnlichen Vorschuß an Lorbeerblättern im Vorhinein bezahlt haben. „Jüdin von Toledo“ ist ein misratener Schwächling Grillparzer’scher Muse, davon wir nicht weiter zu sprechen hätten. Was läge auch daran, daß unter den vielen holden, kräftigen und gesunden Kindern einer fruchtbaren Mutter das Eine fast bis zur Misgeburt verwachsen ist. Allein hier liegt mehr als momentane Ungunst der Muse vor, hier läßt sich eine gewisse Absichtlichkeit in der Karrikatur nicht verkennen, hier tönt – um es kurz wenn auch etwas derb zu sagen – ein dramatisirter Hep-Hep, ruf entgegen, der uns um so auffälliger ist, als er im schneidenden Kontraste stehet zu jener Gerechtigkeit, die man gerade in des Poeten Seele voraussetzt. Grillparzer hat den Stoff Lope de Vega entnommen, der, man beachte dies wohl, zur Zeit Philipp’s des Zweiten im katholischen Spanien lebte, katholischer Geistlicher und Sekretair der Inquisition war. Und dennoch hat Lope de Vega seine Jüdin edler gehalten, seinen Juden, die er doch kaum anders als aus den Darstellungen der Torquemaden kannte weit menschlicher gezeichnet, als der deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, der die Kinderpossen, welche den Juden hart neben den Teufel stellen überwunden haben sollte, und der von konffessioneller Exklusivität und Intoleranz niemals auch nur angewehet war. Das ganze Stück zeugt dafür, daß ihm der Dichter keine Liebe zugewendet, daß er in den Stoff sich nicht versenken wollte, und selbst bis in die Diktion der letzten drei Akte hinein spricht sich die Gleichgiltigkeit, die Kälte, ja der Unmut des Autor’s gegen dieses sein Geisteskind aus.

Der Jude Isak ist ein Scheusal, an Häßlichkeit noch den Shylock überbietend, die Jüdin von Toledo eine gemeine Phryne, der Schluß wird durch einen physischen Eckel, der den lüstelnden König beim Anblicke der entstellten Leiche von dem Opfer seiner gemeinen Sinnlichkeit überkommt, vermittelt. Das Ganze ist offenbar unschön um nur nicht gerecht gegen die Juden zu sein. Doch überlassen wir die literarische Kritik den dafür berufenen Organen, und beschäftigen wir uns mit der Frage, woher es denn komme, daß selbst die besten und edelsten Geister den alten Sauerteig angebornen Judenhasses nicht überwinden können? Wie Grillparzer, als Dichter, so hat gerade in jüngster Zeit ein David Strauß sich nicht enthalten können in seinem neuesten Buche „der alte und der neue Glaube“ dem Judenthume einen Fußtritt zu versetzen, oder doch dessen Mission und welthistorisches Verdienst zu schmälern und todtzuschweigen. Von Palaczyk’s wunderlichen Judenkrawalle wollen wir hier absehen, da die Leidenschaft des Parteiführer’s hinreichend das psychische Motiv solcher Hetzereien erklärt – fast entschuldigt.

Wie aber kommen die Helden des Liberalismus dazu, dem Juden die gebürende Würdigung zu verweigern? Allerdings ist es wahr, daß man, um mit Heine zu reden, blos ihre Bärte kennt und die Juden selber zu kennen vermeint. Den Einen stößt die unästhetische Außenseite ab, den Andern die dialektische Spitzfindigkeit, die so viel Geisteskraft um die unwürdigsten Kleinlichkeiten verspritzt. Aber das Grundübel sitzt denn doch darin, daß die Juden selber zu wenig thun, um ihr Sein und Wesen der kultivirten Welt mundgerecht und verständlich zu machen. Die kleinen Zänkereien innerhalb der Synagoge nehmen sich gegenüber den mächtigen welthistorischen Bewegungen der Kirchen wie kindische Marionettenspiele aus, deren Drathpuppen lebende Personen nachäffen. Um was balgt bei uns die Orthodoxie, welche die Rolle des Ultramontanismus spielen, mit der Reform, die eine liberale Opposition vorstellen soll? Dort der Streit um eine Weltherrschaft, hier der Hader um den Lappen einer Mumienbandage. Woher soll da den Fernestehenden das Verständniß für das Judenthum sich erschließen, wenn es unter Juden selber noch so wenig gekannt ist? Es ist notorisch das während des eben niedergehenden Jahres mehr Judentaufen in Wien stattgefunden haben, als in drei Jahren der vormaligen Aera der „blauen Zettel“ und des polizeilichen Judenamtes. Die widerwärtigen Streitigkeiten der hiesigen Preßburger Klique haben eine Religionsmüdigkeit hervorgebracht, die dem Indifferentismus immer weitern Verbreitungsbezirk gestattet, und unter solchen Umständen begehrt man Achtung in fremden Kreisen, wo in dem heimischen Kreise die Selbstaufgebung und Zersetzung um sich greift! Die Leiter der Reformpartei sind in gleicher Weise von einer Thatenblässe angekränkelt, daß sich selbst ein Dr. Geiger in Berlin nicht dazu aufraffen kann, ein gegebenes Wort einzulösen und auf widerholte Ermahnungen die isr. Synode nicht länger durch gewaltsame Unterdrückung ihrer Protokolle in so schmählichem Verdachte ihrer Selbstaufgebung zu erhalten nicht als ein vornehm sein sollendes Schweigen hat, und sich in einer seine Partei und das Publikum beleidigenden Reserve hält. Woher soll denn dann der Adel des Judenthum’s sich den christlichen Kreisen offenbaren? Etwa aus der gedankenlosen Almosenspenderei der Reichen? Aus dem Heroismus der Bankengründer? Da liegt die kostbare Perle inmitten eines Gerümpels kleiner Persönlichkeiten, thatenarmer Sylbenstecher, fanatischer Poltrone, bramarbasirender Grillenfänger, klappernder Geldbarone, und greift dann jemand in diesen Wust hinein – was Wunder, wenn ihm gerade die Perle nicht in die Hand gerät, und er dann einen Milionenprotzen zum Vorscheine bringt, oder – eine Jüdin von Toledo

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