➥ Zur Biographie: Karl Wiesenthal

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 30. Jahrgang, Ausgabe 39 vom 26.09.1890, S. 385

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Im Januar-Heft des in Weimar erschienen Blattes „Minerva“ 1802, steht ein Aufsatz: „Das Em- porkommen der Völker in der Welt“ mit der Unterschrift: W. G. Der Herausgeber der „Minerva“ erklärt wenige Wochen früher, also zu Beginn des Jahres 1802, dass Göthe für sein Buch einige interessante Arbeiten zu liefern versprochen habe. Endlich wird auch der mit W. G. unterschriebene Aufsatz von Dr. Felix Martens in einer späteren Nummer eingehend besprochen – und hier erfährt der Leser, dass der Verfasser des Aufsatzes: „Das Emporkommen der Völker in der Welt“ kein geringerer als Göthe war.

An einer Stelle heißt es:

„Es gibt kein Volk in der Welt, welches nicht von dem Wunsche, empor zu kommen, beseelt wäre. Selbst die zerstreuten Juden, die noch manche schwere und empfindliche Bedrückung zu erdulden haben, bekunden eine staunenswerte Strebsamkeit. Man behauptet zwar, der Jude fange es schlau an, emporzukommen ein einziges Hauptprincip sei nur die Geldmacht zu gewinnen Wie thöricht! Auch andere machen sich groß und auch andern wird die Größe zugeworfen! Jedoch die meisten von denen, die zu Reichthum gelangen in der Welt, werden es mehr oder minder durch Geschicklichkeit und Schlauheit. Jeder, der in der Welt emporkommt, muß ein Talent besitzen, mag es nun ein Talent zu literarischer Auszeichnung, politischer Wichtigkeit, oder zum Aufhäufen von Schätzen oder zu anderen Sachen, die eine Größe bedingen, sein. Naturgaben sind das erste Erfordernis für einen ausgezeichneten Menschen. Einige werden von Freunden emporgezogen und gestützt, andere von Feinden emporgestoßen; diesen letzteren geht es am Ende besser, denn Feindschaft ist dauerhafter als Freundschaft! Die Freundschaft zieht oft ihre Hand zurück, wenn man ihrer gerade am meisten bedürftig ist, Feindschaft aber stößt immer vorwärts, so lang sie kann. So hat die allzugroße religiöse Feindschaft gegen die Juden nur dazu geführt, das Auftreten dieses Stammes entschlossener und energischer zu machen! Der Jude kennt seine Feinde bereits Jahrhunderte lang – und daher war es sein nicht zu verkennendes Streben, sich emporzuraffen und wenigstens mit der Macht des Geldes zu wirken! Das Geheimnis in der Welt emporzukommen, lehrt die Geschichte der Juden. Verfolgt, bedrückt, geschlagen und mißhandelt, sind die Juden mit ihren Freunden und Feinden fertig geworden! War hier ihr Verlust groß, so ersetzte dort reichlicher Gewinn jedwedes Leid. Wirklich, die Juden können sich auf ihre bewiesene Strebsamkeit, emporzukommen, etwas zu gute thun. Die Lastämter bilden in der Regel mehr als die Ehrenämter. Es ist der Mensch ein Wesen, das am besten gedeiht, wenn ihm so ein Druck von oben gegeben wird; nur darf derselbe nicht zu schwer sein. Siehe die Geschichte der Juden! Ehren recken den Menschen wunderlich in die Höhe, er wird dünn und bricht zusammen! – Wahr ist es, dass die Juden, um emporzukommen sich gern die Macht des Geldes erwerben wollen, aber wahr ist auch, dass Habgier und Eigennutz, Luxus und Verschwendung das Streben anderer Völker war um ihr Ansehen äußerlich emporzubringen. Dass die Juden die Ehre des Kriegers, des Edelmannes nicht kennen, hat auch seine Veranlassung. Machet die Menschen zu Menschen und die Charaktere werden sich zeigen. Ich bin des festen Glaubens, dass es keine Nation der Erde jemals gegeben hat, die nicht große uneigennützige, hervorragende Menschen geschaffen, die mehr waren als Gesetzgeber und Helden. Unvernünftig und schlecht ist es, gegen die ungebahnten größeren Rechte der Juden aufzutreten. Versuche es, Gesetzgeber, dieses Volk zu unterdrücken; es kann euch nur gehen, wie den Helden der Vorzeit, ihr geht zu Grunde! – und die Juden kommen empor! Der Jude, ja der Jude er will auch Antheil nehmen an den Bestrebungen der Völker – und warum wollt ihr es nicht leiden, ihr, des Juden Nächsten, ihr Christen? He, warum? Nun ereifert euch, nun streitet euch! ich lache euch aus! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – „

1 Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet.

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➥ Zur Biographie: Felix Weltsch

In: Selbstwehr, 25. Jahrgang, Ausgabe 2 vom 09.01.1931, S. 3f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

In der letzten Zeit sind zwei Publikationen der Wizo erschienen, welche es durchaus verdienen, aus dem besonderen Kreise der Wizo-Interessierten herausgehoben und der allgemeinen zionistischen Welt bekannt gemacht zu werden, so daß wir diese Frauenpublikationen mit Absicht diesmal hier in der Männerabteilung besprechen. Es ist dies die von Martha Hofmann herausgegebene Festschrift anläßlich des zehnjährigen Bestandes der Wizo (Titel: Zehn Jahre Wizo“) und die Broschüre „Bemerkungen zur Organisation und Propaganda“ von Mirjam Scheuer (herausgegeben von der tschechoslowakischen Wizo.*

Die Festschrift gibt ein äußerst lebendiges Bild dessen, was die Wizo bisher geleistet hat, aber auch ein Bild dessen, was dies für unsere zionistische Frauen bedeutet; diese beiden Funktionen stehen miteinander in engster Beziehung. Denn eine Arbeit bedeutet einem nicht nur mehr, je mehr man leistet, sondern man leistet auch mehr, je mehr sie einem bedeutet. Diese beiden Elemente des Schöpferischen, das äußere Werk und die innere Wandlung, kann man gerade hier in den einzelnen Aufsätzen dieser Festschrift unschwer finden. Auf Einzelheiten kann hier nicht ein- gegangen werden vom Reichtum dieses Werkchens gibt wohl am besten das Inhaltsverzeichnis eine Vorstellung, das wir hier folgen lassen:

1. Begrüßungen von Dr. Chaim Weizmann, „Hadassah“ (Zip. F. Szold), Lady Herbert Samuel, Lady John Simon, Blanche C. Dugdale, Karin Michaelis, Dr. Alice Masaryk. 2. Zum Geleit. Die Herausgeberin: „Das zehnte Jahr der Wizo“. 3. Werden und Werk der Weltorganisation. Rebekka Sieff: Die Wizo und ihre Gründerinnen; Romana Goodman: Die Entwicklung der Wizo bis zur Gegenwart; M. Marks und V. Weizmann: Die finanzielle Entwicklung der Wizo. 4. Das Wizo-Werk in Palästina. W. P. E.: Hauswirtschaftliche Erziehung; Chana Maisel-Schochat: Nahalal; Ada Fishman: Neß-Zionah; H. Ben-Barak: Akuleh; Henriette Irwell: Neun Jahre Säuglingspflege: Dr. Theodor Zlocisti: Das Jemenitencentre. 5. Frauenprobleme aus Palästina. Rose Ginzberg: Die rechtliche Stellung der Frau in Palästina; Helene Hanna Thon: Mutter und Kind in Palästina. 6. Die innere Entwicklung der Wizo. Nadja Stein: Aus unsern Anfängen; Hanna Steiner: Neue Solidarität; Mirjam Scheuer: Zukunft der Propaganda; Nanny Margulies: Harmonie in Werbung und Arbeit. 7. Die Frau und die jüdische Kultur. Elke Hofmann: Das jüdische Kunstgewerbe im Reiche der jüdischen Frau; Lotte Hanemann: Jüdisches Kunstgewerbe in Palästina; Alice Jacob-Löwenson: Die jüdische Mu- sik und die Rolle der Frau; Irma Singer: Märchen aus dem Galil; Martha Hofmann: Ziel.*

Wir haben in diesen Blättern stets die Ansicht vertreten, daß die weitere Entwicklung der zionistischen Bewegung – sowohl was ihre Leistung als auch ihren ideologischen Ausbau betrifft – nicht auf dem Wege der Inzucht, also eines konservativen Sichselbstgenügens und Abgeschlossenseins, erfolgen kann, sondern nur auf dem Wege der Synthese mit anderen Elementen der menschlichen Kultur, also auf dem Wege des Offenstehens und der Aufnahmesbereitschaft neuen Impulsen gegenüber. Es ist schon genug oft hervorgehoben worden, daß auf diese Weise die wichtigsten Entwicklungsschritte der zionistischen Bewegung gemacht worden sind, wie zum Beispiel die für den Aufbau von Erez Israel so bedeutsame zionistisch-sozialistische Bewegung (entstanden durch Synthese von Zionismus und Sozialismus), oder etwa der Makkabi und der jüdische Sport, entstanden aus der Verschmelzung von Zionismus und moderner Körperkultur, usw.: wenn man will, kann man sogar unschwer die zionistische Fraktionsbildung ähnlich erklären.

Nicht anders ist es mit der Wizo. Sie ist aus der Synthese von Zionismus und moderner Frauenbewegung entstanden; und auch hier ist, wie bei jeder schöpferischen Synthese, das Resultat nicht etwa bloß eine mechanische Summe dieser beiden Richtungen, sondern etwas Neues, eine Bewegung eigener Art.

Was ist das Besondere, das die Frauen als einheitliche, ihrer Eignung bewußte Arbeitsgruppe in das zionistische Werk gebracht haben?

Nur zwei Elemente will ich hier hervorheben: ein fachliches und ein methodisches. Das Sachliche liegt in der Bevorzugung ganz bestimmter Arbeitsgebiete, welche den Frauen zugänglicher und näher sind als den Männern: Mädchenerziehung, Mutterhilfe, Säuglingspflege, Kinderfürsorge, Pflegewesen überhaupt (es ist bezeichnend, daß das hochentwickelte Sanitätswesen Palästinas zum großen Teil auf weibliche Initiative zurückzuführen ist). Das Methodische liegt in der besonderen Art weiblicher Arbeit überhaupt, welche den Dingen unmittelbarer zugewendet, also konkreter ist als die männliche. Die Arbeit der Frauen ist vielleicht nicht so systematisch, wie die männliche, aber sie ist dafür wirklichkeitsnäher; sie ist nicht so weitblickend, aber sie ist oft tiefer blickend. So haben sich denn auch die zionistischen Frauen für ihre Arbeit den richtigen Weg gewählt; sie haben einzelne wichtige Institutionen geschaffen und in ihre Obsorge genommen, und haben sie tatsächlich zu Musterinstituten entwickelt.

Trotzdem scheint mir der wesentliche Beitrag der zionistischen Frauen zur zionistischen Arbeit nicht in dieser psychologischen Spezifität der Frauenarbeit zu liegen, sondern in einem weit formaleren Element; um es vorweg zu sagen: Durch die bewußte zionistische Frauenarbeit ist eine neue „Wir-Funktion“ mit besonders günstigen Voraussetzungen positiver Betätigung geschaffen worden.

Was bedeutet diese Formel?

Es ist leicht einzusehen, daß die wichtigsten Gemeinschaftsleistungen durch Bildung neuer „Wir-Funktionen“ hervorgebracht werden. Eine Anzahl von Menschen fühlt sich plötzlich, auf Grund gemeinsamer Ideen oder Ziele, oder auch nur auf Grund eines gemeinsamen Schlagwortes als ein neues „Wir“, mit neuen besonderen Aufgaben und neuen Kräften. Dieses „Wir“ erhält bald das Bewußtsein seines Wertes, seiner Unersetzlichkeit, seiner Auserwähltheit und strebt, diesen Wert zu bewähren und zu erhöhen. An diesem Wert des „Wir“ ist jedes einzelne „Ich“ dieses „Wir“ mit seinem Wesen beteiligt und empfindet jede Wertsteigerung des Wir als eigene Werterhöhung. Ein jedes Ich dieses Wir ist stolz auf das Wir, und aus diesem seinem Wir-Bewußtsein wächst seine Kraft zu arbeiten, zu leisten, ja selbst zu opfern. Aus der Fülle seines Wir-Wertgefühls lernt das „Ich“ individuelle Nachteile auf sich zu nehmen zugunsten von Vorteilen des „Wir“. Darauf aber kommt es an; von dieser Fähigkeit des Individuums hängt die Gemeinschaftsarbeit ab.

So entsteht jedes Gruppenbewußtsein, das Bewußtsein der Nation, der religiösen Gemeinschaft, der Partei, der Fraktion.

So ist es auch mit den Frauen. Die Wizo hat ein neues zionistisches „Wir“ geschaffen, mit neuen Kräften, mit neuen Fähigkeiten der Selbsthingabe und des Opferns, der Kräftesteigerung und der schöpferischen Leistung.

Die „Wir-Funktion“ ist aber nicht nur der segensreiche Engel, als den wir sie bisher geschildert haben; sie ist auch nebenbei – ja mehr noch, man kann sagen, zumeist – ein wahrer Teufel. Denn aller Haß von Völkern und Gruppen, alles Parteihader, alle Gruppeneitelkeit, Rassenfanatismus, Antisemitismus, Krieg entstehen aus diesem „Wir“. Arnold Zweig hat die bösen Funktionen des Wir-Bewußtseins in seinem „Caliban“ eindringlich dargestellt.

Die Gefahr der Wir-Funktion liegt darin, daß das Wir die Erhöhung des eigenen Wertes auf einen Irrweg zu verwirklichen sucht; durch negative und nicht durch positive Anstrengung. Das „Wir“ entdeckt nämlich sehr rasch, daß es leichter ist, zu zerstören, statt zu bauen; und daß auf dem Wege der Zerstörung auch der Schein und die Beruhigung einer Wertsteigerung zu haben ist. Es ergibt sich nämlich, daß es der einfachste Weg ist, den Wert des „Wir“ zu erhöhen, wenn man den Wert des „Ihr“ herabsetzt. So entstehen Gruppenhaß und Gruppenfeindschaft; und das ist auch leider zu einem großen Teil die psychologische Basis der meisten Oppositionen. Es wird ein neues „Wir“ geschaffen, das vor allem erst mal sich selbst zu beweisen sucht, indem es die „Herrschenden“ herabsetzt. Das ist eine Gefahr, in welche die Technik der Demokratie verlockt, indem sie für alle Unzufriedenen die Möglichkeit schafft, durch Zusammenschluß ein neues „Wir“ zu konstituieren und sich durch Herabsetzung der andern zu einem Geltungsgefühl hinaufzuschrauben. Selbstverständlich gibt es für diese Herabsetzungen und Kämpfe genug plausible Gründe; es hat noch keine Triebhandlung gegeben, die sich nicht eine rationelle Begründung zu schaffen gewußt hätte. Man kann eben, so heißt es, erst bauen, wenn man die Hindernisse und den Schutt hinweggeräumt hat, wenn man zur Macht gekommen ist. Also, zuerst müsset „Ihr“ gestürzt sein, dann werden „Wir“ zeigen, was wir können . . .

Es scheint wirklich nicht nötig zu sein, noch mehr über die Schattenseiten der Wir-Funktion zu sagen. Dagegen ist es nun nötig, den Schluß zu ziehen: Es kommt alles darauf an, die Wir-Funktion vor dieser Verirrung ins Negative zu bewahren und sie positiv leistungsfähig zu erhalten. Und: Ein neues „Wir“ ist um so bedeutsamer und segensreicher, je weniger Anlaß und Verlockung zu bloß negativer Betätigung, zu Eifersucht, Neid und Prestigekämpfen es bietet.

Und nun sind wir wieder bei der Wizo angelangt. Hier ist ein solch glücklicher Fall gegeben. Das neue „Wir“ der zionistischen Frauen ist tatsächlich zum größten Teile positiv aufbauend; es hat sich durchaus noch in kein „Ihr“ festgebissen. Es mag vielleicht auch hier – wir sind nicht so genau orientiert – im Inneren manche kleine Kämpfe geben; aber so viel ist sicher: das neue zionistische „Frauen-Wir“ steht mit dem alten zionistischen „Männer-Wir“ durchaus in keinem Zustande der Eifersucht oder eines gehässigen Kampfes. Die zionistischen Frauen beschäftigen sich durchaus nicht damit, die Arbeit der andern zu kritisieren oder herabzusetzen; sie schaffen einfach positiv an ihrem Werk.

Diese günstigen Umstände haben ihren guten psychologischen Grund. Es gibt zwischen den Geschlechtern gewiß genug Spannungen des Hasses, der Eifersucht und der Bosheit; aber sie werden mehr im Einzelkampf abgeführt und entladen sich auf ganz andern Gebieten des Lebens als auf dem des Geltungskampfes oder des Wertwillens in der zionistischen Arbeit. So ist hier also der äußerst erfreuliche Fall eingetreten, daß ein neues Wir entstanden ist, welches ohne Haß und ohne böse Nörgelei gegen die andern arbeitenden „Ihr“ zu wirken vermag. Es ist ein gesunder Wettbewerb. Und die Früchte sind nicht nur in Palästina zu sehen, wo die von den Frauen begründeten und betreuten Anstalten zu den besten Leistungen unseres Aufbauwerkes gehören, sondern auch bei den zionistischen Frauen selbst, die durch ihre Arbeit ihre Eigenart als Frauen und Gatten zur schönsten Entfaltung zu bringen vermögen.

* Wir kommen auf diese Schrift in einer der nächsten Nummern zurück.

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➥ Zur Biographie: Felix Weltsch

In: Selbstwehr, 14. Jahrgang, Ausgabe 24 vom 11.06.1920, S. 2f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Es ist für Juden, denen das Judentum freudig ergriffenes Schicksal ist, schwer, diesem Drama Arnold Zweigs gegenüber objektiv zu bleiben. Denn wir sind mit unserem ganzen Sein daran beteiligt, mit den Wunden und Qualen unseres Lebens in der Galuth, und mit den Gedanken und Gefühlen unserer höchsten Erhebung.

Das Drama hat einen großen Vorwurf; den größten beinahe, den wir uns denken können. Es ist die dramatisierte jüdische Theodicee; die jüdische Rechtfertigung Gottes für alles Böse, das mit seinem Willen in der Welt ist. Ja, es geht über diese Theodicee noch hinaus; es wagt sich an die letzte und anmaßendste Frage aller Religionen: Warum hat Gott – nicht nur das Böse, sondern überhaupt das Mangelhafte, Nichtvollendete, kurz, das „Werden“, das dem absoluten göttlichen Sein gegenüber ja immer unfertig, irdisch, mangelhaft ist, geschaffen? Wozu hat es Gott notwendig, aus den unausdenkbar glücklichen Höhen seines unendlichen vollkommenen Seins sich in das fragwürdige Abenteuer des Werdens zu stürzen, die Welt voller Materie und den Menschen voller Zweifel und Sünden zu schaffen?

Die „Stimme des Herrn“ gibt Antwort auf diese Fragen: „Welt ist mein Weg zu mir, und der Mensch ist der Weg der Welt zu mir.“ „Die Zeit erfüllen kann nur der Mensch. Die Seelen der Menschen tragen meine Einung in sich, die Seele meines Volkes bringt meinen Gesalbten herauf, meinen Erlöser. Maschiach kommt. Die Schechina kehrt heim, ich werde eins sein mit meiner Glorie.“

Darum also das „Werden“. Der ganze unselige Prozeß der Zeit ist notwendig, damit Gott erhöht werde, die herumirrende Herrlichkeit Gottes sich mit Gott wieder eine. Darum das Unvollendete, der Kampf und alles Wagnis der Neuschöpfung; darum das Böse: damit die Wahl sei; damit, wie Baalschem am Schlusse sagt, „die Seelen entbrennen, die Herzen erschüttert und die Funken gehoben werden.“

Und darum auch das Böseste des Bösen: Die Ritualmordlüge, das Blutmärchen, das über die Häupter Israels gebracht wird, und das hier – das ist die irdische Handlung des Stückes – in seiner ganzen Kraßheit sich abspielt, angelehnt an die historischen Vorgänge des Prozesses von Tisza-Eszlár, die Ritualmordaffäre von Ungarn.

Der Gutsbesitzer Onody vergewaltigt ein Landmädchen und tötet es dabei unversehens. Als das Mädchen vermißt wird, kommt unter der Bevölkerung das Ritualmordmärchen auf. Es wird von der antisemitischen Partei unterstützt, welche in dem Untersuchungsrichter Bary ein ehrgeiziges und hinlänglich beschränktes Werkzeug findet. Um einen Beweis zu haben, läßt Bary den Sohn des Schames, Moritz Scharf, so lange abwechselnd foltern und mästen, bis seine sittliche Kraft zerbricht und er aus der Phantasie den Ritualmord schildert. Prozeß; Gerichtsverhandlung.

Alles wütet gegen die Juden. Nur drei Personen nicht; der Gendarm, ein Deutscher, ein redlicher und fortschrittlicher Mann, der korrekte Richter und der gerechte und menschliche Staatsanwalt. Der findet auch die salomonische Lösung. Ein Lokalaugenschein lehrt, daß durch das Schlüsselloch, durch welches Moritz Scharf alles gesehen haben will, nichts gesehen werden kann. Freispruch. Bary erschießt sich. Moritz Scharf sieht, wohin er geraten ist, bereut und tötet sich. Semael, der Teufel, ist wieder einmal unterlegen. Ein Schritt weiter zum Maschiach ist getan.

Es wird, wie gesagt, schwer, an dieses Stück den kritischen Maßstab anzulegen. Und es ist wahrscheinlich auch Arnold Zweig, als er es schuf, schwer gewesen, sich in künstlerischer Zucht zu halten. So muß man denn sagen, daß das Drama in seiner Gestaltung hinter der Größe seines Vorwurfs zurückbleibt.

Sein Fehler ist – ganz kraß ausgedrückt: Er hat zu viel von einem Rechenexempel in sich. Es geht durchaus auf. Die Stimme Gottes offenbart in wundervollen, an den Quellen unserer jüdischen Mystik geschöpften Worten ein – Programm, das im Stück restlos durchgeführt wird. Die- ses göttliche Programm – irgendwo von der Gallerie her von Bogyausky gesprochen, blieb – so sehr es auch unsere tiefsten religiösen Gedanken verkündete – als „Theater“ wirkungslos.

Klar gefügt – beinahe geometrisch – ist das irdische Geschehen: Das dumme Volk; der unwahrscheinlich beschränkte oder unwahrscheinlich böse Untersuchungsrichter; die ganz schwarzen Onody und Istoczy; der biedere deutsche Gendarm; der gute Staatsanwalt; in der Mitte des Stückes Moritz Scharf, von dessen moralischer Elastizität alles abhängt; schließlich die vollkommene Lösung durch die Schlüssellochgeschichte. Die Bösewichter gehen zugrunde. – Das Exempel geht auf; es bleibt kein Rest; nicht auf Erden, nicht im Himmel und nicht in der Hölle.

Ist diese geometrische Deutlichkeit ein Fehler?

Kunst ist Schöpfung neuen Lebens. Das Geschehen im Drama muß die Zeichen wahren Lebens tragen. Kristallklarheit des Geschehens gehört aber nicht zu diesen Zeichen. Im Leben bleiben Reste. Sie sind sogar Antrieb zu weiterem Leben. Im Leben schillert alles ein wenig; es ist alles ein bißchen verwirrt.

Das alles wußte Arnold Zweig natürlich auch. Er hat sich nur nicht darum gekümmert; vielleicht hat er diese scharfe Deutlichkeit sogar gewollt, – als Kunstmittel gleichsam: Expressionismus der Charaktere und der Handlung. Dann kann nur die dramatische Wirkung Kriterium des Gelingens sein. Und diese war nicht ganz überzeugend. Man war tief erschüttert und ergriffen; aber man fühlte sich doch nicht inmitten des Geschehens, blieb irgendwie draußen. Trotz aller Leidenschaft, trotz vieler wunderbarer dichterischer Stellen blieb ein kaltes Medium zwischen Stück und Zuschauer. Diese eigenartige Wirkung wurde noch durch die Ausstattung betont, die gerade diese Seite des Stückes allzugut verstand und die Geometrie der Handlung durch die Geometrie der Häuser und Synagogen unterstrich. Mit dieser Stilisierung stand freilich das naturalistische Gehaben der Personen in einem gewissen Widerspruch. Vielen in der Ausstattung schien überflüssig spielerisch. Der Gedanke an die Wichtigkeit des Schlüsselloches war bei den Säge- oder Korkziehertüren etwas peinlich.

Die Aufführung selbst gehörte zu den besten Leistungen unseres Ensembles. Es war ein gelungenes Werk des Regisseurs Pabst. Am Zusammenspiel, an der Disziplin der Schauspieler merkte man die künstlerische, zielbewußte Führung und gute Probenarbeit – eine wesentliche Besserung in der letzthin in der „Selbstwehr“ von Max Brod bemängelten Vorbereitung literarischer Stücke. Die Schauspieler boten beinahe durchwegs Zufriedenstellendes. Hervorzuheben ist in erster Reihe Soltau, der einen sehr glücklichen Abend hatte; ebenso Hölzlin, Raabe und Schütz, der schön sprach und auch gut aussah, wenn er auch mit seinem Krummstab mehr an den heiligen Nikolo als an den Propheten Elijahu gemahnte.

Das Publikum war sehr bei der Sache und dankte am Schluß begeistert allen Mitwirkenden, insbesondere dem Regisseur Pabst.

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➥ Zur Biographie: Felix Weltsch

In: Selbstwehr, 19. Jahrgang, Ausgabe 21 vom 22.05.1925, S. 2

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Kunst ist Gefühlsgestaltung; im weitesten Sinne stets Expressionismus; Gestaltung der tiefsten Schicht der menschlichen Seele in einem bestimmten Material, in Worten, Tönen, Geschehnissen, Farben, Bewegungen. In dieses Material werden die Gefühle transponiert, sie werden gleichsam abgebildet, in Wahrheit neu gebildet, denn durch die Gestalt werden sie erst eine Einheit, ein Ganzes, unteilbar, gemeinsame, soziale Wirklichkeit.

Zwei Urkräfte sind am Werk: die primäre Kraft des Erlebens, die Intensität des Gefühls, die zum Ausdruck drängt, ins Weite geht, auseinanderzuströmen droht, und die Gegenkraft des Einheitsstrebens, welche formt, Ganzheit schafft und so den Ausdruck erst ermöglicht. Aus dem Kampfe der beiden Gegenkräfte, der Ausdrucksbegierde, dem Ausdruckstaumel und dem formenden, hemmenden, herrschsüchtigen Einheitswillen entsteht erst die Kunstgestalt.

Es sind Gegenkräfte; aber die eine kann ohne die andere nicht leben. Sie bekämpfen einander und sie brauchen einander. Ja schließlich ist jede eigentliches Betätigungsmaterial der anderen. Die Formtendenz ist die Gegenkraft, in welcher der Ausdruckswille seine Kraft erprobt, sie ist der Widerstand, den er bracht, wenn er Wirklichkeit werden will. Die Intensität des Erlebnisses müßte verpuffen, wenn sie sich nicht die Gegenkraft des Form- und Einheitswillens willig-unwillig schüfe; und der Einheitswille wäre eine starre, leere und schwächliche Tendenz, wenn er nicht vom Ausdruckswillen stets bedroht und gespannt würde.

Diese beiden Urkräfte befinden sich nicht in stetem Gleichgewicht. Es gibt Menschen, Völker und Kunstperioden, wo die Ausdruckstendenz stärker ist und solche, wo der Formwille mächtiger ist. Keine der beiden Kräfte darf fehlen, wenn Kunst werden soll, aber ein kleines Mehr oder Minder kann es geben. Und so entsteht, wo der Formwille überwiegt, die klassische, die naive, die objektive Kunst, die Kunst des edlen Maßes und der beherrschenden Form, und auf der anderen Seite die sentimentale, romantische, expressionistische, aber auch impressionistische Kunst, wo die Ausdrucksbegierde den Formwillen überwältigt.

*

Es ist gewiß keine leichte Aufgabe, zu entscheiden, ob man überhaupt von einer spezifisch jüdischen Kunst reden darf und zu erfassen, was das Spezifische an ihr ist. Wollte man aber bloß eine beiläufige Einreihung in die beiden Grundkategorien versuchen, so liegt es so ziemlich auf der Hand, die Juden zu den Expressionisten im weitesten Sinne zu rechnen – etwa im Gegensatze zu den Griechen, welche die Formkünstler par excellence waren. Nicht maßvoll, nicht edel, nicht zierlich ist die jüdische Kunst, wo man ihr spezifisch begegnet, sondern bewegt, gewagt, stark, zum Aeußersten strebend, exzentrisch, phantastisch.

*

Es ist hier nicht der Ort, die Gedanken gründlicher und weiter auszuführen. Sie sollten nur eine allgemeine Einleitung zu folgenden zwei Notizen sein. Wenn wir hier zwei Künstler aus ganz verschiednen Gebieten und von verschiedenem Niveau nacheinander besprechen, so ist es gerade jenes Gemeinsame, zu dessen Erfassung wir vorstehende Zeilen schrieben.

*

In der Kunstausstellung im Parlamentsgebäude stellt der jüdische palästinensische Maler Abel Pann seine Werke aus. Wir haben bereits zweimal über dieses Ereignis, das immerhin in der Prager jüdischen Welt weit mehr Interesse finden sollte, als dies der Fall ist, berichtet. Betrachtet man die große Reihe der Pannschen Pastelle zur Bibel, so merkt man gleich: das ist nicht die Malerei, die heute Mode ist; aber es ist auch nicht die Malerei, die an der Stelle steht, wo heute in der Malkunst um neue Wege des Ausdrucks gerungen wird. Sie schließt offenbar an eine Zeit und an eine Praxis an, die heute als längst überwunden gilt. Und doch sieht man in diesen Bildern eine ungeheuere Kraft des Ausdrucks. Man kann die Bilder als literarische Malerei klassifizieren. Ihr Ausdrucksmittel ist nicht so sehr der Raum und die Raumform als Handlung und Geschehen. Für die heutige Malerei ist das Sujet ein bloß neutraler Vermittler zwischen Gefühl und Raumgestaltung; hier nimmt es eine beherrschende Stellung ein; hier ist es Hauptmittel der Gestaltung. Vielleicht fühlt dies mancher heute als eine Mischkategorie, als eine Zwischenstufe zwischen Literatur und Malerei; ein Einwand gegen Panns Kunst scheint mir das nicht zu sein. Sein Hauptausdrucksmittel ist die Farbe; und ist dies hemmungslos, wahrhaftig nicht maßvoll, überströmend und unbedenklich. Es ist ungeheuer viel Leben in diesen Farbensymphonien um Bibelzitate herum; die Bilder machen irgendwie nicht ganz den Eindruck des Bleibenden, Festen, sondern des Hinübergehenden, Weiterdrängenden. Rudolf Fuchs hat in einer kritischen Betrachtung den Vorwurf gemacht, daß diese Bilder nicht für sich allein bestehen könnten, daß sie nicht Bilder, sondern Illustrationen seien. Vielleicht: doch sag’ ich nicht, daß dies ein Fehler sei. Ich möchte noch weitergehen: Nicht nur, daß die Bilder zu ihrer vollen Existenz die Bibel brauchen; sie brauchen auch einander selbst. Sie werden durch ihre Geschwister erhöht und vervollständigt. Große Kunst im besten Sinne ist nicht so sehr das einzelne Bild, als das ganze Malunternehmen, wie es uns die Ausstellung – imponierend und doch noch lange nicht vollendet – zeigt: ein Gesamtillustrationswerk der Bibel, ein farbiger Phantasietraum von der Bibel.

*

Zwei jüdische Tänzerinnen, Grtrud Kraus und Guilp. Delp, veranstalteten in der vorigen Woche einen eigenen Tanzabend, in dem sie ihre Kunst zu zeigen versuchten. Tanz – als Kunst – ist Aus- druckskunst im stärksten Sinn. Seine Ausdrucksmittel sind die Bewegungen des eigenen Körpers.– Und auch hier gilt von Form und Ausdruck, und von jüdischer Kunst das, was einleitend gesagt worden ist

Gertrud Kraus ist eine jüdische Tänzerin. Sie ist aus dem Wiener Makkabi hervorgegangen. Was sie – und ihre Partnerin leistet – ist wahre Kunst und man kann es vielleicht trotz aller Bedenken sagen, – jüdische Kunst. Denn auch hier ist eine heftige Begierde des Ausdrucks zu verspüren, welche die in der Tanzkunst vielleicht allzu starren Formen sprengt und neue phantastische Wege sucht. Die Tanzkunst ist heute noch keine selbständige Kunst; sie ist verschwistert mit der Musik, lehnt sich an die Musik an und wagt nur Gefühle auszudrücken, welche bereits durch die Musik eine Form gewonnen haben. Die Intimität, mit der sich die Tänzerinnen an die musikalische Form anschmiegten, sowie der Versuch, durch diesen engsten Anschluß an die Musik neue Formen der Tanzexpression zu finden, boten einen wahren Kunstgenuß; – der freilich nur einer kleinen Schar von Anwesenden zugute kam. Eine Tanzvorführung jüdischer Tänzerinnen um 6 Uhr in der Alhambra ist für das Prager Publikum eine ungewohnte Sache. Und zu ungewohnten Darbietungen hat das Prager Publikum kein Vertrauen. Hier war’s mit Unrecht.

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➥ Zur Biographie: Oskar Waldeck

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 22. Jahrgang, Ausgabe 8 vom 24.02.1882, S. 66f / Ausgabe 10 vom 10.03.1882, S. 82f

 

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

 

Ausgabe 8 vom 24.02.1882, S. 66f

Die alten jüdischen Weisen lieben es in einem einzigen Satze ein ganzes Gedankensystem zu bieten, in gedrängter Kürze, mit wenigen, inhaltsschweren Worten große Gedankenkreise zu umschlingen. Wie der ruhige Wasserspiegel oft eine bodenlose Tiefe birgt, so liegt hinter den meisten ihrer Aussprüche ein endloses geistiges Gebiet. In der Seele dieser Männer mußte alles reifen. Ihre Sätze sind die Früchte eines ausgebildeten Gedankenganges. Die schwierigsten Denkoperationen überwältigt ihr geübter Geist. Mit einer seltenen Präcision analysirt ihr Denkproceß die verwandten Begriffe und Ideen, faßt im richtigen Schwerpunkt die verschiedenen Elemente eines geistigen Gebildes. Wie gut haben sie es verstanden, wo stille Ahnungen ein Erkenntnißgebiet voraussetzen, ihre Beobachtungsgabe zu verwerthen, in den Erfahrungen nach den Prämissen für einen Schlußsatz zu suchen. Ihnen war die rein objective Erkenntniß, die jetzt den Inhalt unserer Wissenschaften ausfüllt, noch zu sehr entlegen und die wenigen Grundzüge boten ihrem Verstande ungenügendes Materiale für eine kosmologische Idee. Da mußte noch die Phantasie forthelfen und wie dies regelmäßig in solchen Fällen eintritt, die subjektive Ueberzeugung die objective ersetzen. Sie glaubten, die sie nicht wußten. – Und ihr Glaube war unerschütterlich, weil ihre stillen Ahnungen sie erhaben stimmten, ihr Wesen in eine ideale und schöne Welt versetzten. Und wie tief drangen sie ein in das geheimnißvolle Wesen ihrer eigenen Natur! In jedem Pulsschlag ihres eigenen Herzens spähten sie nach den wunderbaren Schätzen der kleinen Welt, um sie der großen Welt zu überliefern. Ist etwa jeder einzelne Mensch nicht eine ganze Schatzkammer merkwürdiger Anlagen und Fähigkeiten? Wer nur den Schlüssel fände, die verschlossenen Pforten, die zum einzelnen Herzen führen, zu öffnen: „Wer nicht sündenscheu geworden – sagt Rabbi Chanina Ben Dosan – bevor er in der Weisheit Tiefe eingedrungen, dem frommt die Weisheit nicht.“ So sprach bereits vor fast zwei Jahrtausenden ein Mann, der von Wort- und Gedankencultur noch nichts wußte, der bloß im Stillen den ruhigen Gang seines Gefühlsstroms überwachte. Wer zuerst denken gelernt hat, bevor in ihm das Gefühl erwacht ist, – würde ein moderner Pädagoge sagen –, der hat gelernt auf das Gefühl vergessen.

So einfach dieser Satz dieses alten Weisen zu sein scheint, so könnte doch mancher unserer Schriftsteller umfangreiche Werke darüber schreiben und hätte uns am Ende nicht so viel gesagt, als in diesem Aussprache enthalten ist. Was Rabbi Chanina ben Dosa geahnt, das sollten unsere Pädagogen bereits wissen. Und wie Wenige wissen es noch!*

Da derartige Aussprüche das Endresultat einer langen Reihe von Betrachtungen sind, so bieten sie uns nur die Schlußsätze, zu welchen wir uns die Prämissen selbst suchen müssen, wenn wir den Gedanken erfassen, ihn seinem Inhalte nach recht verstehen wollen. Die subjective Erkenntniß war das fruchtbare Gebiet, auf dem die größten Geister der talmudischen Schule thätig waren. Und wer wird wohl bestreiten wollen, daß diese Männer in der Ethik Großes geleistet haben? Der Kirchenlehrer Clemens der Alexandriner (Protrept VI. §. 70) sagt bereits von Plato, daß er die Mathematik von den Egyptern, von den Babyloniern die Astronomie, von den Juden das Gesetz sich geholt habe. Die wissenschaftliche Pädagogik beschäftigt sich gerade in unsern Tagen vorzüglich mit der Erkenntniß der Individualität des Kindes. Um so wichtiger dürfte es sein, die alte Lebensweisheit ein wenig zu Tage zu fördern, da wir hier so manchen schönen Gedanken vorfinden, der uns auf neue Bahnen leiten kann.

Die Sophisten und an ihrer Spitze Protagoras, der Individualist, haben sich bereits von der kosmologischen Idee, für deren Erkenntniß ihnen die nöthige Grundlage fehlte, loszusagen begonnen, um sich um so eingehender mit dem Individuum, mit dem denkenden und wollenden Subjecte zu beschäftigen. Diese Geister verrannten sich jedoch so sehr in ihre eigene Subjectivität, daß sie dadurch das Ideal des einzelnen Menschen, die wahre Individualität, verloren. Selbst die folgen den großen Philosophe konnten nicht die allgemeine Auffassung der Individualität aufgeben und dem einzelnen Menschen seine vollen Rechte zugestehen. Selbst Aristoteles räumt dem Hausherrn das Recht ein, über die Sclaven despotisch, über das Weib nach Art der Archon- ten, über die Kinder in der Weise eines wohlwollenden Regenten zu herrschen. Polit. I. c. 4).

Frei von Vorurtheilen ist das wahre, unangekränkelte Judenthum. Grenzenlos ist das Maß von Liebe, das in der heiligen Schrift jedem Menschen ohne Ausnahme vorgeschrieben wird. Da wird das Naturrecht geheiligt, da gilt das Individuum ohne Unterschied. Auf dieser edlen Grundlage sehen wir in der ganzen jüdischen Literatur die Geister der idealen inneren Vollendung zustreben. In der ausgebildeten Individualität sucht das Judenthum die Größe und die Macht der Gesammtheit, in der Freiheit des Einzelnen die der Gesellschaft, in dem Willen des Einzelnen den des Menschen überhaupt. Wie im Brennpunkte alle Strahlen sich vereinigen und im reellen Bilde die lautere Wahrheit sich bespiegelt, so sammelt sich im jüdischen Ideale das Einzelne zur Gesammtheit, da findet sich in der Einheit das Mannigfaltige das Verschiedene, die Individualitäten. „Mache deinen Willen zu seinem Willen (des Ideales) damit er seinen Willen zu dem deinen mache; zerstöre deinen Willen seinem Willen gegenüber damit es den Willen Anderer dem deinen unterordne“ – sagt ein weiser jüdischer Lehrer. Welche Riesenfortschritte müßte das Erziehungswesen machen, welche gewaltige Umwälzungen müßte das geistige Leben unserer Völker hinter sich haben, ehe dieser großartige Gedanke des alten jüdischen Weisen das Gleichgewicht unter den Culturgeschichten herstellen könnte! Nur ein wahrhaft gebildeter Mensch, nur ein freies Gemüth, nur hochsinnige Seelen nur können ihre Lebensgeister, ihre Gedanken so meistern, daß sie ihre Ueberzeugung jeder besseren und edleren unterordnen. Wo der Weg vom Guten zum Besseren, vom Schönen zum Erhabenen führt, da wetteifern die menschlichen Kräfte, da wird um das höhere Ziel gerungen, da greift alles harmonisch in einander, da ist das Saitenspiel der verschiedenen Herzen richtig gestimmt. Wie verschieden auch der Pulsschlag des Einzelnen tönen mag, im großen Ganzen stimmen sie zusammen. Nur gut und frei erzogene Individualitäten kennen keine Gegensätze, keine Widersprüche. Da ist jeder groß und mächtig für sich, ein Mikrokosmos, eine Nachbarwelt in der großen Welt; „Du nennst dich einen Theil und stehst doch ganz vor mir“, wie Faust sagt.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

Ausgabe 10 vom 10.03.1882, S. 82f 

II.

Xenophanes aus Kolophon, das Haupt der Eleatischen Schule (569 v. Chr.) soll bereits – wie der Sillograph Timon (bei Sext. Empir. hypotyp. Pyrrh. I. 224) behauptet – gesagt haben: „Wohin ich meinen Blick richte, löst sich mir Alles in eine Einheit auf.“ Welche Bedeutung wird nicht diesem einfachen Ausspruche beigelegt! Xenophanes ist der erste Metaphysiker geworden. Trotzdem läßt sich aus diesem Ausspruche nicht ersehen, wie er die Einheit aufgefaßt habe. Immerhin war dieser Gedanke in der Geschichte der griechischen Philosophie neu und hat auch derselben eine andere Richtung gegeben. Parmenides aus Elea, sein Nachfolger, hat diesen Gedanken von Neuem aufgenommen und begrifflich aufgefaßt: „Was gedacht wird ist, alles Andere ist nicht“; (Plot. Enn. V. 1, 8.) „und dieses Seiende ist ein einheitliches Ganzes“. (Simpl. zur Phys. Fol. 31 a, b). Somit war die ideale Auffassung der Wirklichkeit in die Geschichte der Philosophie eingeführt, und Plato hat durch seine Ideenlehre dieser Richtung einen sicheren Platz angewiesen.

Sowie wir das Gedachte als das Seiende hinstellen, als Einheit fixiren, erhält der Gedanke eine freie selbstständige Existenz; er wird ein Objekt. Eine solche Selbständigkeit hat Parmenides dem Weltgedanken eingeräumt und Plato hat diesen Gedanken seinem Inhalte nach gegliedert und die geistige Welt mit Ideen bevölkert, an deren Spitze seine oberste Idee, die des Guten steht. Jeder selbständige Gedanke ignorirt die Selbstständigkeit des denkenden Subjektes. Wenn das Subjekt, der Mensch, das denkt, was er selbst fühlt und empfindet, dann ist der Gedanke der Ausdruck seines inneren Wesens und besitzt keine selbständige Existenz. Nur solche Menschen denken frei, und sind frei. Jene oben genannten großen Philosophen und Denker haben sich auch in der That um so mehr von der lautern Sprache des Herzens, der reinsten Lebensquelle, aus der der Gedankenstrom fließt, entfernt, je mehr sie sich vom selbständigen Gedanken leiten ließen. Selbst die Neuplatoniker bemühen sich vergebens um die oberste Idee, die Einheit (hèn) in den Geist des alten Testaments hinein zu tragen, deren Echod, dieses Eine, in jedem einzelnen Wesen ein ideales Leben repräsentirt. Dieses Echod ist der subjective Weltgedanke, die Idee der Ideen, die unsichtbare Welt der passiven Natur, die werden will, um zu sein; es ist ein Gemeinsames der verschiedenen Individualitäten, das gemeinsame Ich der Menschheit, ein Begriff, in dessen Umfange die anderen Begriffe liegen.

Das alttestamentliche Echod hat nichts mit dem „Sein“, „Schein“ und „Nichtsein“, auch nicht mit dem „Nichts“ und dem „Ichts“ – wie Hegel das „Eine“ (hèn) und das „Nichts“ (medèn) übersetzt – gemein und läßt sich auch nicht mit dem „Einen“ (hèn) und dem „Vielen“ (panta) vereinigen. Das Echod des alten Testamentes leibt und lebt in jedem Herzen, es versinnlicht uns eine Stimme in unserem Innern, einen Ton, der jede Seele erhebt, der in jedem natürlichen Gefühlsstrome sich offenbart; dies Echod ist das ideale Ich der Menschheit. Im brennenden Dornbusch hat es sich in einer Feuersäule, die nicht versengt und verzehrt, sondern weckt und belebt, die erhaben stimmt, dem Moses als das gemeinsame Ich der Menschheit gezeigt (B. II. C. 3 V. 6) 

„Ich bin der Gott deines Vaters Abraham, der Gott Isaks und der Gott Jakobs, (daselbst V. 14). „Ich bin, der Ich war, der Ich sein werde“. Lesen wir das erste Gebot, so finden wir auch gleich an der Spitze dieses Ich. „Ich bin der Ewige dein Gott, der dich aus Egypten herausgeführt hat, aus dem Hause der Sklaven“. Regt sich nicht in jedem Herzen ein wunderbares Gefühl, eine Stimme unseres eigenen Ich’s, so oft das biblische Ich zu uns spricht? Das sind menschliche Gefühle, die erwachen, die wir denken und vergeistigen. Vergleichen wir solche Gefühle mit denen des Freundes, des Nebenmenschen und wir finden, daß sie sich ähnlich sind. Sind derartige Gefühle nicht Lebenserscheinungen, die in der menschlichen Brust verschlossen liegen, die mit jedem neuen Geschlechte neugeboren werden, die sich immer wieder verjüngen? Dieses Echod ist das wahre Ich, das ideale Ich der Menschheit, für das noch nicht alle unsere Völker reif sind. Noch liegt ein eisiger Panzer um die menschliche Brust, noch nicht hat die wahre Bildung den innern Kern der menschlichen bessern Natur befreit, noch sperren uralte Traditionen, die als Gedanke mit selbstständiger Existenz die freie innere Ueberzeugung tyrannisiren, den Gefühlsstrom des freien Lebens ab, noch dressirt der Gedankenmechanismus den freigeborenen Menschen. Die Individualität liegt verschlossen, und wo sich die Herzen nicht verstehen, da können die Geister sich nicht vereinigen. So muß das ideale Ich, dieses uralte Echod, das noch ist, was es war und was es sein wird, in die menschliche Natur sich zurückziehen und warten, bis die bessere Erziehung das verborgene, unsichtbare, ideale Wesen befreien wird.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

* Herr Waldeck hat sich durch seine in Leipzig erschienenen Schriften: „Grundzüge der wissenschaftlichen Pädagogik“ „Dynamik des Geistes“, „Gedanken über den Idealismus der Arbeit“und andere Arbeiten einen sehr geach- teten Namen gemacht und wir hoffen in der Folge mehrere Aufsätze aus seiner Feder in unseren Blättern bringen zu können. – Die Redaction. 

 

Originaltext
Transkription

➥ Zur Biographie: M. Teller

In: Oesterreichisches Central-Organ für Glaubensfreiheit, Kultur, Geschichte und Literatur der Juden, Ausgabe vom 24.03.1848, 173ff

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

»Auf nach Amerika!« tönt es von allen Seiten, »auf nach Amerika!« hieß es in dieser, hieß es auch in andern Zeitschriften. Ich will nicht die Herloßson’sche Tirade: »Nur nicht zur See!« mit allen ihren fantasiereichen Konsequenzen diesem Aufrufe entgegen stellen, weil vielleicht doch eine Zeit kommen könnte (was aber Gott verhüten möge), wo ich selbst in diesen Aufruf einstimmen werde, für heute frage ich nur: warum nach Amerika? Warum? – um dort frei zu sein! – Erlauben Sie mir, verehrte Leser! die Sie schon mehr als einmal mit mir Geduld hatten, der vorerwähnten Frage eine andere entgegen zu stellen. Sollen wir denn die Scholle verlassen, wo unsere Wiege gestanden, sollen wir die Heimat verlassen, wo wir einst an der Seite unserer Theuren auf immer von des Lebens Mühen auszuruhen hofften – sollen wir sie verlassen ohne etwas gethan zu haben um frei zu werden? Soll das stumme und gebrochene Herz des greisen Vaters, soll das von Thränen geröthete Auge der Mutter, der scheue Blick der Gattin auf alle die Ihren, die sie nun verlassen muß – soll uns dies und noch manches andere wehmüthige Bild nicht dazu bestimmen alles anzuwenden, um frei zu werden? – Diese Frage richte ich an Euch, meine treuen Glaubensbrüder! die Ihr Geist und Herz und Kraft habt ein ernstes Wort zu sprechen, und mit Eurem Geiste und Eurem Herzen zu rathen, und mit Eurer Kraft zu helfen. »Keine Bitte, wo das Recht auf unserer Seite,« so, irre ich nicht, sprach unser würdige Mannheimer, wohl! – aber auf alle Hindernisse zeigen, die unserem Rechte entgegen stehen; die unlautern trüben Quellen zeigen, aus welchen man das Recht unserer Zurückstellung schöpft; die Verkehrtheit der Ansichten darstellen, die man in Bezug auf unsere jetzige und unsere künftige Stellung hat; den Flor vom Ange ziehen, den Schleier zerreißen, welchen der Wahn vor das Auge derjenigen gespannt, die uns verkennen – dies glaube ich ist’s was wir noch zu thun haben, bevor wir allgemein in den Ausruf stimmen: Auf nach Amerika! – dies, glaube ich, hat noch zu geschehen, wenn wir nicht die Sünde auf uns laden wollen, dem Vaterlande, das uns freilich verkennt, so viele physische, materielle und intellektuelle Kräfte zu entziehen; Kräfte, die ihm zur Zeit der politischen und socialen Wirren ihren Verlust nur um so deutlicher fühlen ließen.

Nach dieser kurzen Einleitung sei es mir nun vergönnt zur Lösung der von mir aufgeworfenen Fragen einen kleinen Beitrag zu geben, und auf eines der wichtigsten Hindernisse hinzuweisen, das unserer Freiheit entgegen steht.

Die Staatsreligion, welche in unserem und in andern Ländern besteht, ist und war von jeher die Hauptursache aller uns so hart treffenden Zurücksetzungen. Glaubenshaß, der vom Volkswahne nur noch mehr genährt wird, ist stets die Folge einer bevorzugten Staatsreligion, und er wird so lange bestehen, als es eine bevorzugte Staatsreligion gibt. Eine bevorzugte Staatsreligion ist aber die größte Inkonsequenz, die es in einem konstitutionellen Staate gibt, wenn seine Konstitution eine dem Zeitgeiste entsprechende demokratische ist; denn sie gefährdet die Gleichstellung und gleiche Berechtigung seiner Einwohner. Wenn auch eine Staatsreligion in unserer Verfassungsurkunde vom 25. April nicht deutlich ausgesprochen, so ist ihr Bestehen doch nicht zu verkennen, wie wäre denn sonst der §. 27 entstanden, würde nicht eine bevorzugte Staatsreligion bestehen und vielleicht weiter bestehen sollen (?), wozu wäre es nöthig gewesen erst eine Berathung anzuordnen, um die Verschiedenheiten der bürgerlichen und politischen Rechte einzelner Religionskonfessionen u. s. w. zu beseitigen und aufzuheben. Steht diesem nicht der §. 24: »Jeder Staatsbürger kann Grundbesitzer sein, jeden erlaubten Erwerbszweig ergreifen, und zu allen Antern und Würden gelangen,« als eine Ironie gegenüber; und zeigt dies nicht auf das Bestehen einer Staatsreligion, wenn sie auch (vielleicht nach Einflüsterung der Reaktionären) in der Verfassungsurkunde nicht ausgesprochen ist. Gäbe es aber keine Staatsreligion, keine Bevorrechtung eines Dogma’s, keine Bevorzugung eines Kultus, so wären Haß und Neid, und Verfolgung in der letzten Zeit nicht mit so maßlosem Unheil aufgetreten. Nicht durch die Differenz der Dogmen und des Kultus einer Religion, sondern durch deren Zurücksetzung maßte sich die bevorzugte an sie zu bevormunden, ja sie zu knechten; und wie man auch theoretisch beweisen möge, daß die Konstitution gegen ein solches Verfahren, praktisch hat man sich nicht davon überzeugen können. Freilich wird mancher, der nicht mehr weit hat, um sich unter Eisenmengers Fahne zu scharen, ausrufen: Die christlichen Konfessionen sind gleich gestellt, die Juden können warten bis sie uns überzeugen, daß sie dessen reif und würdig sind.

Unwillkürlich erinnert mich dies an den Mann des »Systems,« der mir um seines Systems Willen stets verhaßt war, und Niemand wird mich für seinen Panegyriker halten, wenn ich erzähle, was mir von ihm – der nun in der Eanton-Street zu London eine Ruhe genießt, um die er uns gebracht – in Betreff meiner Glaubensbrüder schon vor längerer Zeit mitgetheilt wurde. Als man ihm die Emanzipation der Juden in Vorschlag brachte, habe er geäußert: Die Juden sind ihrer reif, aber das Volk ist es nicht. Hat er mit diesem Ausspruch gelogen, so zeigt es, Ihr Männer des Staates, die Ihr Euch versammeln werdet, um über den §. 27 der Verfassungsurkunde zu berathen, sprecht es aus das Wort: Gleichstellung, gleiche Berechtigung aller Konfessionen. Zeigt ihm, daß auch dieser Ausspruch wie sein ganzes System auf falscher Ansicht beruhte, und das seine Bornirtheit so viele tausend und tausend treue, an Oesterreich mit heißer Liebe hängende Unterthanen Jahre lang geknechtet, und gräßlich darnieder gedrückt. Wäre sein Ausspruch aber vielleicht die einzige Wahrheit seines Lebens gewesen, dann ist die Unreife des Volkes für die Emanzipation der Juden nur eine traurige Folge der bevorzugten Staatsreligion, in welcher trotz ihrem (?) Prinzipe der Nächstenliebe ihren Bekennern schon in der frühesten Jugend gezeigt wird, daß der Nichtbekenner ihres Dogma’s darum zurück gesetzt werde, weil er nicht »nach ihrer Façon« selig werden will, und dann – dann ist es an Euch, die Ihr Euch beim Reichstage versammeln werdet, seine einzige Wahrheit zur Lüge zu machen, jeden Punkt, der irgend einen Schein von bevorzugter Staatsreligion an sich hätte, aus diesen und andern selbst für christliche Kirchen wichtigen Gründen bei der neuen Gesetzgebung auszuscheiden, damit die Worte unseres gütigsten Kaisers wahr werden mögen. Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder, sprach unser alle seine Unterthanen väterlich liebende Ferdinand; aber die durch die Staatskirche Bevorzugten können und werden dies nicht glauben wollen; darum Gleichstellung aller Konfessionen, Abschaffung jedes Scheines einer Staatskirche, einer bevorzugten Staatsreligion.

Originaltext
Transkription

Zur Biographie: Camilla Tauber

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 38. Jahrgang, Ausgabe 5 vom 04.02.1898 S. 51f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Um vollständig die heutige Stellung der amerikanischen Jüdin zu verstehen, ist es nöthig, daß wir uns auch ein wenig mit ihren Müttern und Großmüttern befassen. Noch vor dreißig Jahren wäre der Titel „amerikanische Jüdin“ ein ganz falsch gebrauchter gewesen. Einige isolirte dastehende Fälle ausgenommen, stand die Masse der in Amerika lebenden Jüdinnen durch ihre Denkweise, Gewohnheiten, Erziehung ganz unter dem Einfluß der Sitten ihres Geburtslandes. Als die ersten jüdischen Emigranten aus verschiedenen Ländern Europas sich in Amerika ansiedelten, fanden sie sich nach ihren Nationen zusammen. Die deutschen Juden bildeten ihre Gemeinden und bauten sich Tempel. Ebenso that der ungarische, böhmische, polnische und russische Jude; sie alle übertraf aber noch an Exclusivität der portugiesische. Daraus ist ersichtlich, daß diese Mischung amerikanischer und europäischer Juden sich nicht gleich weder in socialer, noch in religiöser Beziehung in Amerika assimiliren konnte.

Der Handel und das practische Leben brachte die Männer in engere Beziehung; nicht so aber die Frauen, deren religiöse und sociale Entwickelung sich nicht so schnell von den früheren Ein- drücken emancipirte. Hier half die Synagoge in gesellschaftlicher Beziehung stark nach, denn die Stellung der Jüdin richtete sich nach dem Reichthume und der Position der Gemeinde, zu welcher ihr Gatte gehörte. Die Jüdin aus dem Westen paßte gewöhnlich ihren Haushalt und ihre Lebensweise viel schneller der amerikanischen an, als ihre Schwester im Osten. Der Fortschritt der letzteren war ein äußerst langsamer. Da sich der größte Theil der jüdischen Emigranten dem Osten zuwandte, große Körperschaften sich aber nur langsam bewegen, verändern, machten sich die Spuren ihrer Exclusivität im Osten weit mehr bemerkbar. Englisch ist vielen älteren Jüdinnen noch eine ganz fremde Sprache – die amerikanischen Moden finden sie den ihrigen etweder unter- oder übergeordnet.

Wenn wir die socialen Beweggründe betrachten, welche die meisten jüdisch-amerikanischen Pionniere leiteten, muß es uns nicht überraschen, daß sie vornherein nicht gleiches Ansehen wie ihre christlichen Nachbaren erwarben. Denn sie machten es sich zur Aufgabe viel Reichthum zu erwerben, um dadurch ihren in Amerika geborenen Kindern die Vorzüge der Erziehung und Vered- lung zu bieten, die sie zu gleichem Range mit der besseren Classe der amerikanischen Bürger erheben sollte. Zwar konnte der elterliche Einfluß, trotz seines Mangels an Cultur und Bildung, in der ersten amerikanischen Generation, die ererbten Tendenzen nicht ganz verwischen. Dennoch erfüllte die Schule der neuen Welt die Jüdin mit ganz neuer Denkweise. Wenn sie vor der Kanzel den Worten des Redners lauschte, bleib sie unberührt von den Erzählungen von Israels Wohl und Weh, waren ihr gleichgiltig des Predigers Beschreibungen und Traditionen, die ihrem Geiste der Freiheit und Gleichheit so antagonistisch, Erzählungen aus dunkler Vergangenheit, schienen nicht am Platze inmitten des hellen Lichtes, das ihr leuchtete. Ihre Seele war den Lehren abgeneigt, die aus ihr ein anders geartetes Ding, als die andern machen wollten.

Nun kam für Amerika die Zeit religiöser Reform, in welcher fast jeder Rabbiner sein eigener und seiner Gemeinde Gesetzgeber wurde. Der Glaube an viele religiöse Ceremonien wurde zerstört, die Speisegesetze waren bald ein überwundener Standpunkt; mit ihnen schwand noch die Beobachtung anderer religiöser Vorschriften im Hause, deren strenge Hüterin und Bewahrern die Jüdin seit undenklichen Zeiten war. Die Kanzel bezeichnete der Jüdin fast Alles als sinnlos, worauf ihre Mutter mit Werthschätzung blickte. Doch trotz all dieser neuen Lehren konnte sich die schon in Amerika geborene Jüdin nicht ganz von dem elterlichen, religiösen Einflusse frei machen und wurde so eine Art Bindeglied zwischen der Jüdin des Ghettos und dem Gegenstand unseres Artikels, der jetzigen freiheitsliebenden amerikanischen Jüdin.

Von der Wiege bis zur Reise konnte sie sich unbehindert dem Muster amerikanischer Weiblichkeit nachbilden. Nichts in ihrer Umgebung erinnerte sie an die unglückliche Vergangenheit ihres Volkes, kein einziges Gesetz ihres Landes konnte in ihr die Vorurtheile und Verfolgungen, durch welche ihre Vorfahren litten, zurückrufen. Sie hat auch keine alten Großeltern, um derentwillen die alten Formen gehalten werden müssen; anstatt daß sie eine religiöse Anleitung von ihrer Mutter erhielte, wird die junge amerikanische Jüdin die Lehrerin ihrer Eltern. Sie brachte das Licht einer neuen Erkenntnis ins Haus, sie ignorirte die Muttersprache ihrer Eltern und hing der Landessprache an. Nach und nach übertrug sie auch ihren Gedankengang auf ihre Mutter und überzeugte dieselbe, daß man den neuen Lebensbedingungen durch moderne Maßregeln Rechnung tragen muß.

Eine wunderbare Combination der Umstände, und das unaufhörliche Vorwärtsschreiten der Frauen hat die amerikanische Jüdin auf eine gleiche Stufe mit den anderen Amerikanerinnen gestellt. Sie kam aus dem Widerspruch der Vergangenheit und Gegenwart hervor, freilich auf Kosten der religiösen Ceremonien. Trotzdem ist sie ihrem Glauben und Race treu und der Mischehe nicht geneigt. Ihre religiöse Mission im Hause aber hat sie vollständig vergessen; der Sabbat hat viel von seiner Heiligkeit eingebüßt. Die fortschrittliche amerikanische Jüdin sieht nichts Böses darin, daß die Lehren Moses am Sonntage erklärt werden, und das Gute, was Mohamed oder Martin Luther gesprochen, hört sie gerne, wenn es auch ein Rabbiner von der jüdischen Kanzel wiederholt.

Die amerikanische Jüdin ist ein actives Mitglied ihrer Gemeinde. Verhältnismäßig ist zwar ihr Besuch der Gotteshäuser gering, aber die geräumigen, luxuriösen Tempel blieben fort leer ohne sie. Sie fördert in Wort und That das materielle und geistige Wohl ihrer Synagoge. Wahrhaft anerkennenswerth ist der Eifer, mit dem sie sich in der Sphäre der Wohlthätigkeit bewegt. Diese ist ihr Reich; alle ihre Sympathien gehören den Armen; sie excellirt in Mildthätigkeit. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie ein Beispiel für edle Nächstenliebe des Gemüthes ist, denn darin ist die Amerikanerin im Allgemeinen weit zurück. Ihr Feld ist das praktische, materielle. Sie gibt in Wirklichkeit und erleichtert die Bürdern der Armen und Bedürftigen und widmet sich mit Leib und Seele diesem Werke. Unsere Jüdin strebt allerorten Hilfe an, näht den Armen Kleider, arrangirt Bälle und Bazars um die Hilfsfonde zu bereichern, fördert die Erziehungsanstalten und hat Schwesterschaften ins Leben gerufen, die unermeßlich viel Gutes thun. Wenn man die Jahresberichte dieser Vereine liest, hat man das Gefühl, daß gute Feen sich ins Mittel gelegt haben, um das menschliche Elend zu erleichtern.

Die amerikanische Jüdin hat jetzt ihren Stadt-, Staat und National-Rath, der aus mehreren Tausend Jüdinnen, aus allen Theilen der Vereinigten Staaten besteht. Doch außer seiner Organisation hat derselbe noch wenig oder nichts von Bedeutung errungen. In seiner ersten Sitzung im November 1896 erklärte sich der Bund für die Reinstallation des siebenten Tages, des Sabbates, doch wurde bis jetzt kein einziger Schritt dazu officiell eingeleitet. Die localen Sectionen sind in Classen getheilt, deren Aufgabe Humanität ist. Durch die Vereinigung sind viele jüdische Frauen in den Vordergrund gestellt worden, von denen man früher weder in literarischer, noch in socialer Beziehung gehört hatte, die sich aber mit dem Anpassungsvermögen der Amerikanerin rasch in die Situation einlebten und vom Beginne das jüdisch-amerikanische Weib gut repräsentirten.

Das Familienleben der amerikanischen Jüdin gestaltete sich nach der allgemeinen Sitte des Landes. Sie genießt dieselbe Freiheit wie ihre andersgläubige Schwester. In ihrem Heim mag sie den Platz einnehmen, der ihr im „Lied vom Biederweibe“ angewiesen ist, als weise, wachsame Leiterin; doch geht sie keineswegs ganz in ihrer Häuslichkeit auf. Sie ist überall zu sehen, in den Straßen, in Geschäften, Restaurants und Parkanlagen. Während sie ihre Töchter mit wachsamen Auge hütet, genießen diese gleich den anderen amerikanischen Mädchen vollständige Freiheit in gesellschaftlicher Beziehung. Heirat ist das Ziel der amerikanischen Jüdin, wie es das ihrer Großmütter war, doch wird sie in Erlangung desselben nicht von einem „Schadchen“ oder ihren Eltern unterstützt, und es ist in der That nicht ungewöhnlich, daß ein jüdisches Mädchen diese mit der Anzeige ihrer Verlobung überrascht. Sie mag ihre Eltern ebenso lieben, wie die Jüdin längsvergangener Zeiten, doch fehlt es ihr an Hochachtung. Kinder betrachten ihre Eltern als theure, gute Freunde, aber nicht mit Ehrfurcht als Respectspersonen. Dieser Zustand – glaublich oder nicht, ist einfach „amerikanisch“.

Ich glaube nicht, daß die amerikanische Jüdin mehr auf schöne Kleidung und äußeren Schmuck hält, als z. B. die Jüdin zur Zeit Jesaias oder die Frauen anderer civilisirter Nationen. Doch da die reiche Jüdin nicht immer die bessere Jüdin ist, so ist es oft der Fall, daß die Frauen, die die luxuriösesten Wohnungen in den aristokratischen Vierteln großer Städte haben, sich nicht immer bemühen, die ruhig edle Art ihrer Nebenschwestern anzunehmen. Dies kann oft Vorurtheil gegen die Race in noch eingenommenen Gemüthern erwecken.

In der thätigen amerikanischen Frauenwelt ist sie noch eine Null. Von den männlichen Mitgliedern der Familie unterstützt, arbeitet sie nicht, insolange sie nicht dazu gezwungen ist. Doch beginnt sie einige Zeichen intelectueller Regsamkeit zu zeigen, und wir hören hie und da von einer Jüdin die Arzt, Advocat, Schriftstellerin, Künstlerin etc. ist. Die amerikanische Gesellschaft hat bislang der Jüdin wenig Gelegenheit geboten, ihre Fähigkeiten als Führerin zu entfalten, wenn sie solche hat. Durch ein ungeschriebenes Gesetz scheint sie von jeder officiellen Thätigkeit für Gemeinde-, Staat- und National-Wohl ausgeschlossen zu sein. Die Städte des Westens haben einige Ausnahmen in dieser Beziehung gemacht.

Durchschnittlich beginnt die amerikanische Jüdin in ihrem Aeußeren fast vollständig den anderen Frauen zu gleichen, und nur ein scharfer Beobachter bemerkt den jüdischen Typus. Unter dem Sternenbanner, dem stolzen Emblem der Freiheit haben sich die phisischen Eigenthümlichkeiten der Jüdin merklich gehoben. Mit der Zeit wird sich zu ihrem jetzigen strengen, energischen Aeußern die verfeinerte, gesetzte Schönheit der gebildeten europäischen Jüdin gesellen.

Zum Lobe der amerikanischen Jüdin sei es gesagt, daß sie ihr Vaterland unaussprechlich liebt; ihr Patriotismus ist angeboren und unauslöschlich und für ihre Heimat wird sie ihr Gold und ihre Juwelen ebenso bereitwillig opfern, wie ihre Urahne es für ihre Religion that.

Die auf den alten, idealen Gesetzen begründeten moralischen und bürgerlichen Tugenden der Jüdin werden immer dieselben bleiben. Ihr Einfluß übersteigt alle Grenzen des Klimas und Landes. Rachel, die Stammmutter Israels, muß über ihre amerikanischen Töchter nicht weinen. Trotzdem eine neue Aera mit veränderten Bedingungen heraufdämmerte, sie an allen Leiden und Freuden ihrer Nation Antheil nimmt, giftig Alles was neu und schön ist zu erreichen strebt, bleibt sie doch Jüdin in Geist, Gefühl und Glauben.

Nach Jew. World.

Camilla Tauber, Prerau.

Originaltext
Transkription

Zur Biographie: Simon Szántó

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 12. Jahrgang, Ausgabe 45 vom 08.11.1872, S. 495f

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Die „Jüdin von Grillparzer“ sollte eigentlich unsere Uiberschrift lauten. Denn einerseits ist es der Titel eines im literarischen Nachlasse vorgefundenen Drama’s den wir für unsern heutigen Leader entlehnen; anderseits darf man die Heldin der verunglückten Tragödie füglich immer als eine Jüdin Grillparzerischer Mache ansehen, für welche die Wirklichkeit niemals ein Urbild geliefert noch inmitten unseres Stammes hätte liefern können. Es verstehet sich von selbst, daß es uns mindestens an dieser Stelle nicht um eine Kritik vom Standpunkte der Dramaturgie zu thun ist, daß vielmehr eine Frage von prinzipieller Bedeutung unsere Erörterung herausgefordert. Die Leser werden sich erinnern, daß wir dem Genius Grillparzer’s stets Gerechtigkeit widerfahren ließen, so oft uns die spezielle Aufgabe dieses Journals Gelegenheit bot, zu der allgemeinen Huldigung, die diesem großen vaterländischen Dichter zu theil geworden war, auch unser Schärflein beizutagen. Wir würdigten im Sinne des geläuterten Judenthum’s, das „Reich von Priestern“, die Gemeinschaft aller edlen Geister, in deren Mitte ein Sänger wie Grillparzer unstreitig einen hervorragenden Platz einnimmt. Wir erzählten es mit wärmster Anerkennung, wie er im Jahre 1867, als die Gesetze der Religionsfreiheit im österreichischen Herrenhause beschlossen werden sollten, obgleich schwer erkrankt, sich in einer Sänfte in den Beratungssaal tragen ließ, um sein Votum für die Emanzipirung der Gewissen abzugeben. Wir sprachen ihm Dank für die Liebe aus, mit welcher er das jüdische Thema Esther, behandelte das freilich schon vor ihm von großen Meistern in seiner dramatischen Bedeutung erkannt und für die Bühne bearbeitet wurde, und schrieben es rein ästhetischen Motiven zu, daß Grillparzer über das Fragment nicht hinausgehen wollte, obgleich Racine schon vor nahezu zweihundert Jahren bewiesen hat, daß man bei einigem guten Willen der Handlung einen würdigen, bühnengerechten Abschluß zu geben vermag. Der Tragödie „Jüdin von Toledo“, von welcher damals eine voreilige Fama das Lob im Wege einer Antizipandozahlung ent- lockte, trugen, auch wir, wie fast die gesammte Kritik Wien’s. den Zoll auf bloßen Kredit entgegen – und theilen nun das Schicksal einer unangenehmen Enttäuschung mit allen anderen Gläubigern die einen ähnlichen Vorschuß an Lorbeerblättern im Vorhinein bezahlt haben. „Jüdin von Toledo“ ist ein misratener Schwächling Grillparzer’scher Muse, davon wir nicht weiter zu sprechen hätten. Was läge auch daran, daß unter den vielen holden, kräftigen und gesunden Kindern einer fruchtbaren Mutter das Eine fast bis zur Misgeburt verwachsen ist. Allein hier liegt mehr als momentane Ungunst der Muse vor, hier läßt sich eine gewisse Absichtlichkeit in der Karrikatur nicht verkennen, hier tönt – um es kurz wenn auch etwas derb zu sagen – ein dramatisirter Hep-Hep, ruf entgegen, der uns um so auffälliger ist, als er im schneidenden Kontraste stehet zu jener Gerechtigkeit, die man gerade in des Poeten Seele voraussetzt. Grillparzer hat den Stoff Lope de Vega entnommen, der, man beachte dies wohl, zur Zeit Philipp’s des Zweiten im katholischen Spanien lebte, katholischer Geistlicher und Sekretair der Inquisition war. Und dennoch hat Lope de Vega seine Jüdin edler gehalten, seinen Juden, die er doch kaum anders als aus den Darstellungen der Torquemaden kannte weit menschlicher gezeichnet, als der deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, der die Kinderpossen, welche den Juden hart neben den Teufel stellen überwunden haben sollte, und der von konffessioneller Exklusivität und Intoleranz niemals auch nur angewehet war. Das ganze Stück zeugt dafür, daß ihm der Dichter keine Liebe zugewendet, daß er in den Stoff sich nicht versenken wollte, und selbst bis in die Diktion der letzten drei Akte hinein spricht sich die Gleichgiltigkeit, die Kälte, ja der Unmut des Autor’s gegen dieses sein Geisteskind aus.

Der Jude Isak ist ein Scheusal, an Häßlichkeit noch den Shylock überbietend, die Jüdin von Toledo eine gemeine Phryne, der Schluß wird durch einen physischen Eckel, der den lüstelnden König beim Anblicke der entstellten Leiche von dem Opfer seiner gemeinen Sinnlichkeit überkommt, vermittelt. Das Ganze ist offenbar unschön um nur nicht gerecht gegen die Juden zu sein. Doch überlassen wir die literarische Kritik den dafür berufenen Organen, und beschäftigen wir uns mit der Frage, woher es denn komme, daß selbst die besten und edelsten Geister den alten Sauerteig angebornen Judenhasses nicht überwinden können? Wie Grillparzer, als Dichter, so hat gerade in jüngster Zeit ein David Strauß sich nicht enthalten können in seinem neuesten Buche „der alte und der neue Glaube“ dem Judenthume einen Fußtritt zu versetzen, oder doch dessen Mission und welthistorisches Verdienst zu schmälern und todtzuschweigen. Von Palaczyk’s wunderlichen Judenkrawalle wollen wir hier absehen, da die Leidenschaft des Parteiführer’s hinreichend das psychische Motiv solcher Hetzereien erklärt – fast entschuldigt.

Wie aber kommen die Helden des Liberalismus dazu, dem Juden die gebürende Würdigung zu verweigern? Allerdings ist es wahr, daß man, um mit Heine zu reden, blos ihre Bärte kennt und die Juden selber zu kennen vermeint. Den Einen stößt die unästhetische Außenseite ab, den Andern die dialektische Spitzfindigkeit, die so viel Geisteskraft um die unwürdigsten Kleinlichkeiten verspritzt. Aber das Grundübel sitzt denn doch darin, daß die Juden selber zu wenig thun, um ihr Sein und Wesen der kultivirten Welt mundgerecht und verständlich zu machen. Die kleinen Zänkereien innerhalb der Synagoge nehmen sich gegenüber den mächtigen welthistorischen Bewegungen der Kirchen wie kindische Marionettenspiele aus, deren Drathpuppen lebende Personen nachäffen. Um was balgt bei uns die Orthodoxie, welche die Rolle des Ultramontanismus spielen, mit der Reform, die eine liberale Opposition vorstellen soll? Dort der Streit um eine Weltherrschaft, hier der Hader um den Lappen einer Mumienbandage. Woher soll da den Fernestehenden das Verständniß für das Judenthum sich erschließen, wenn es unter Juden selber noch so wenig gekannt ist? Es ist notorisch das während des eben niedergehenden Jahres mehr Judentaufen in Wien stattgefunden haben, als in drei Jahren der vormaligen Aera der „blauen Zettel“ und des polizeilichen Judenamtes. Die widerwärtigen Streitigkeiten der hiesigen Preßburger Klique haben eine Religionsmüdigkeit hervorgebracht, die dem Indifferentismus immer weitern Verbreitungsbezirk gestattet, und unter solchen Umständen begehrt man Achtung in fremden Kreisen, wo in dem heimischen Kreise die Selbstaufgebung und Zersetzung um sich greift! Die Leiter der Reformpartei sind in gleicher Weise von einer Thatenblässe angekränkelt, daß sich selbst ein Dr. Geiger in Berlin nicht dazu aufraffen kann, ein gegebenes Wort einzulösen und auf widerholte Ermahnungen die isr. Synode nicht länger durch gewaltsame Unterdrückung ihrer Protokolle in so schmählichem Verdachte ihrer Selbstaufgebung zu erhalten nicht als ein vornehm sein sollendes Schweigen hat, und sich in einer seine Partei und das Publikum beleidigenden Reserve hält. Woher soll denn dann der Adel des Judenthum’s sich den christlichen Kreisen offenbaren? Etwa aus der gedankenlosen Almosenspenderei der Reichen? Aus dem Heroismus der Bankengründer? Da liegt die kostbare Perle inmitten eines Gerümpels kleiner Persönlichkeiten, thatenarmer Sylbenstecher, fanatischer Poltrone, bramarbasirender Grillenfänger, klappernder Geldbarone, und greift dann jemand in diesen Wust hinein – was Wunder, wenn ihm gerade die Perle nicht in die Hand gerät, und er dann einen Milionenprotzen zum Vorscheine bringt, oder – eine Jüdin von Toledo

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Zur Biographie: Simon Szántó

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 12. Jahrgang, Ausgabe 13 vom 29.03.1872, S. 145f

 

 

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

Getreu unserm ursprünglichen Programme, welches die Geammtheit der Juden nur als Religionsgenossenschaft, aber nicht als Nationalität im politischen Sinne des Wortes bezeichnet haben will – vermieden wir es stets ein solidarisches Vorgehen in großen Staats- und Verfassungsfragen zu befürworten. Wir verlangen keine Parteidisciplin, welche die freie Meinung des Bürgers den Tendenzen der Klique zum Opfer bringt, wir wollen nicht, daß der Jude, als Jude seinen Bürgersinn bethätige. Möge jeder aus unbeschränkter Selbstentschließung sich jener politischen Fraktion zugesellen, deren Streben seinen Neigungen und Anschauungen entspricht – denn die Einheit des Judenthumes besteht nur in der Gemeinschaft des religiösen Glaubens. Wenn aber, wie dieß heutzutage deutlicher als je hervortritt, die Politik auch keine Sphären des moralischen Lebens ergreift, wo Kirche und Staat ihre unaufhebbaren Berührungspunkte haben – dann ist es des Juden Pflicht, auch die Stellung seines Bürgerthumes zu den Prinzipien seines religiösen Bekenntnisses in Erwägung zu ziehen. Uns ist es Bedürfniß die freie Kirche im freien Staate zu fördern, unsere vitalsten Interessen hängen von der Selbstständigkeit dieser beiden Faktoren ab, und um den Staat und die Kirche von einander zu emanzipiren, fangen wir zuerst mit uns selber an, tren- nen in uns selber den Juden von dem Bürger und verhüten es, daß nicht der eine in dem andern aufgeht. Um unser Bürgerthum frei vom Judenthume zu erhalten weisen wir den Gedanken einer jüdischen Politik zurück und lehnen auf das Entschiedenste jede Zumuthung ab, unsere konfessionellen Interessen mit einer politischen Meinung zu identifiziren. Aber einen ebenso unerbitterlichen Widerstand müssen wir einer Politik bieten, welche durch ihre Zwecke oder durch ihre Mittel die sie erwählt, den Menschen oder den Juden in uns bedroht – und in dieser sehr peinlichen Lage befinden wir uns gegenüber der poln. Resolution und den Tendenzen nach Erweiterung der galizischen Autonomie. Denn die Art wie bisher in Galizien gegen die Juden verfahren wurde, ist einmal nicht geeignet, uns außer Sorge um die Erhaltung der durch die Verfassung gewährten Errungenschaften zu setzen, wenn einmal den Polen ein Selfgouvernement verliehen würde. Die Gleichberechtigung, die Gewissenhfreiheit sind uns nicht blos materielle Güter – sondern Gegenstände religiöser Verehrung, Correlate unserer moralischen Weltanschauung. Der Jude sieht sich nicht nur in seinen Menschenrechten, in seiner irdischen Existenz bedroht, wenn ihm diese Güter gefährdert werden, sondern in seinem religiösen Bewußtsein, in seinen ethischen Prinzipien gekränkt. Wer uns diese Parität streitig macht, der vergreift sich an unseren Heiligthümern selbst. Ist aber in Galizien, wenn es einmal seine Resolution verwirklichen sollte, auch nur die geringste Aussicht vorhanden, daß die Juden nicht die ersten Opfer sein würden, welche der Autonomie zum Raube sein würden? Haben etwa die galizischen Gemeinden, die sich doch bereits der freiesten Communalverfasung erfreuen nicht genug Gelegenheit geboten, die Tendenzen dieser Race näher kennen zu lernen? Oder sollen die Juden aus der Neigung der Polen für den Ultramontanismus

Hoffnung auf bessere Zeiten schöpfen? Oder gewährt uns etwa der Kultur-Zustand Galiziens irgend eine Garantie gegen Rechtsbedrückungen? Haben die galizischen Behörden nicht gerade auf diesem Gebiete ihrer Willfährigkeit, dem Obskurantismus Vorschub zu leisten, am eifrigsten kundgegeben? In welchem Kronlande Oesterreichs wird der Fanatismus der Chassidäer, die Renitenz gegen Schulbildung, das Gelüste des wildesten Vandalismus in so ostensibler Art von Oben herab begünstigt wie in Galizien? Und stimmen die Vertreter Galiziens im Abgeordnetenhause nichts stets mit der Reaktion, ja mit jenem Systeme, das Niemand so schwer wie die Juden bedrückt? Man wende uns nicht ein, daß die Reaktion nur ein Mittel sei, welches vom nationalen Zwecke geheiligt werde. Als Juden bekennen wir uns einmal nicht zu der Moral, daß irgend ein Zweck heilig genug sei, ein verwerfliches Mittel zu heiligen, abgesehen davon, daß wir kein Kriterium besitzen, zwischen Zweck und und Mittel, Ursache und Wirkung zu unterschreiben. Benehmen sich etwa die Herren so, daß man ihre Reaktion und ihren Ultramontanismus als bloßes Mittel und nicht vielmehr als Selbstzweck erkennen kann? Wir glauben darum nicht, daß die Juden in dieser Frage sich passiv verhalten und wie bisher eine Reserve auferlegen dürfen. Es ist an der Zeit, daß sie ihre Treue an der Verfassung offen bekennen und im gesetzlichen Wege, sei es durch Petitionen in Verbindung mit den Ruthenen und der ländlichen Bevöllkerung, die den Schlachzitzen auch kaum geneigt sein dürfte, sei es durch irgend eine andere erlaubte Massenkundgebung für die Dezember-Charte zu demonstriren. Die Abgeordneten Grocholski und Zyblikiewicz haben im Verfassungsausschusse die Erklärung abgegeben, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens mit der Resolution einverstanden sei. Woraus die beiden Herren ihre Kenntniß von der Gesinnung der Juden schöpfen, wissen wir natürlich nicht. So weit uns ein Einblick in die dortigen Verhältnisse gestattet ist, haben sich die Juden noch gar nicht über diesen Punkt geäußert. Nehmen sie nun die Erklärung der beiden Abgeordneten, die ihnen doch aus der Tagespresse bekannt sein muß, stillschweigend hin, so wird man ohne Zweifel dieses Schweigen für Zugeständniß nehmen und daraus Konsequenzen ziehen, die gewiß nicht in den Intentionen derer lagen, die bisher aus ihrer Reserve nicht herausgetreten sind. Wir glauben daher, daß die Lemberger Judenschaft als die Vorortsgemeinde sich aufgefordert fühlen müsse, zuerst mittelst Rundschreiben an die Vorstände der Provinzialgemeinden Erkundigungen über die wahre politische Gesinnung ihrer Glaubens- und Vaterlandsgenossen einzuholen und das Ergebniß ihrer Erhebungen, falls es dahin ausschlägt, wie wir es vermuthen, im geeigneten Wege zur Kenntniß des Abgeordnetenhauses und des Ministeriums zu bringen. Die gegenwärtigen Parlamentsferien können dazu leicht benützt werden, ein sehr erschöpfendes und eingehendes Memorandum vorzubereiten und es endlich klar zu machen, ob die Herren Zyblikiewicz und Grocholski wirklich gut über die Meinung der dortigen Juden unterrichtet waren oder ob sie – was wir noch immer annehmen wollen – in einem Irrthum sich befanden. Es steht viel, sehr viel auf dem Spiele; die Passivität in dem gegenwärtigen Momente ist nichts weniger als berechtigt – sie wäre eine schwere Sünde, die nicht nur an Kindern und Kindeskindern, sondern an noch späteren Geschlechtern geahndet werden könnte.

 

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Zur Biographie: Simon Szántó

In: Die Neuzeit. Wochenschrift für politische, religiöse und Cultur-Interessen, 10. Jahrgang, Ausgabe 17 vom 29.04.1870, S. 192f / Ausgabe 20 vom 20.05.1870, S. 230

 

[Orthographie und Zeichensetzung des Originals wurden bei dieser Transkription übernommen.]

 

Ausgabe 17 vom 29.04.1870, S. 192f
Die gegenwärtige Studie erschien vor mehr als zehn Jahren unter dem Titel „Fahrende Juden“ im Wiener Jahrbuch von Wertheimer, und dürfte somit nur wenigen Lesern noch gegenwärtig sein. Zur folgenden Umarbeitung sah sich aber der Verfasser durch Umstände veranlaßt, die in dem 3. ganz neu hinzugekommenen Abschnitte klar gemacht werden sollen. Das vormals erste Capitel, welches die mosaische Armenverfassung behandelte, schien mir mit dem hier beabsichtigten nicht zusammenzuhängen und ich beginne darum sofort mit der rabbinischen Vorschrift über die Verwaltung des Armenwesens.

I.
Die jüdische Armenverfassung.

Es scheint, daß die biblischen Urkunden, die jeden Bettler als einen lebendigen Vorwurf der bürgerlichen Gesellschaft betrachteten, nicht im Stande war, eine vollkommene Gleichheit aller Mitglieder herzustellen.

Indessen verhehlte die biblische Gesetzgebung nicht, daß die Welt der Wirklichkeit mit ihrem Ideale in Widerspruch treten könne, und wenn sie auch die Möglichkeit, daß bei genauer Befolgung ihrer Verordnungen jede Armuth schwinden könne, annimmt, setzt sie rasch hinzu: „Und doch wird es nie an Dürftigen in deinem Lande fehlen.“ – Zunächst waren diese Dürftigen jene, die vom Rechte des Grundbesitzes gesetzlich ausgeschlossen wurden. Das sind nicht etwa Andersgläubige, sondern im Gegentheile die strenggläubigen Priester und Leviten, deren Antheil nach jüdischer Anschauung nicht die Scholle, deren Herrschaft nie eine weltliche sein sollte. „Gott sei ihr Erbgut, und ihr irdisch Dasein haben sie von Zehenten und Gaben zu fristen.“ Einer andern Classe Schutzbedürftiger, als Waisen, Witwen, Heimatloser, ward von Seiten des Judenthums mit solcher Freigebigkeit ein Asyl erschlossen, daß wir demselben eine zeitgemäße Nachahmung auch in unseren Tagen wünschen möchten. Aber noch eine dritte Gruppe der Unbemittelten, die durch Mißwachs, Ungemach aller Art von Vermögen herabgekommen waren, nimmt die Aufmerksamkeit des Gesetzes in Anspruch. Es sind dies die Armen im heutigen Sinne des Wortes, oder wie ihre spätere juridische Definition lautet, die keine 50 Sous besitzen, um ein Gewerbe zu betreiben, oder kein Gewerbe verstehen, und nicht über 200 Sous gebieten können, und somit auf Unterstützung der Mitmenschen angewiesen sind.

Für diese Classe nimmt das Gesetz eine eigenthümliche Armensteuer in Anspruch, wornach jeder Grundbesitzer mindestens ein Sechzigstel vom Ertrage seiner Feldfrüchte, Nuß-, Mandel-, Granat-, Oliver- und Dattelbäume, bei Vermeidung der Geiselstrafe und zwangsweisen Erhebung den Armen zu überlassen habe. Damit die Behörden die Erfüllung dieser Pflichten überwachen können, ist dieser Armenantheil am äußeren Umfange der Felder ersichtlich zu machen, indem die Ecken derselben nicht abgeerntet werden. So wenig als ein Grundbesitzer bissige Raubthiere zur Verscheuchung der Armen halten darf, so wenig ist ihm gestattet, den einen Leidenden zurückzuweisen, um den andern zu bevorzugen. Die Armen dagegen haben, ehe sie das Feld betreten, die Aufforderung des Eigenthümers erst abzuwarten, dürfen des Andranges wegen keine Sicheln mitbringen, und erscheinen nur dreimal des Tages. Am Morgen wird nämlich für säugende Frauen, zu Mittag für junge Kinder, die spät in den Tag hineinschlafen, und Abends für Greise, die weder sehr früh, noch zur Mittagsgluth erscheinen können, eine Stunde anberaumt. Von der Sichel abgefallene Aehren, auf dem Felde vergessene Garben, Weinbeeren nicht dichter Trauben, die Nachlese zwischen den Zweigen der Olivenbäume, wie der ganze freiwillige Feldwuchs des siebenten, also des Sabbatjahres, ist aber anderseits ebenfalls den Armen zu überlassen. Schließlich hat noch jeder, gleichviel arme oder reiche Grundbesitzer, am je dritten Jahre, das Jahr der Zehenten genannt, den zehnten Theil des Feldertrages den Zwecken der Wohlthätigkeit zu widmen, und beim Mittagsgottesdienste des letzten Osterfeiertages nach vorgeschriebener Formel das feierliche Gelöbniß abzulegen, daß er in dieser Rücksicht den ihm zustehenden Pflichten nachgekommen sei.

Und bei all dem weiß die Religion, die man die Religion des Rachegottes zu nennen beliebt hat, nichts davon, daß man mit Liebeswerken prunken könne, auf deren Unterlassung sie die Geiselstrafe setzt. Fremd ist ihrer Sprache jede verächtliche Bezeichnung für die Armen. Diese sind ihr Anijim, Leidende, Dallim, Wankende, Ebjonim, Wünschende, Muskanim (Mesquin) Gefährdete, die vom Geschicke bedroht sind. Der Bettler in seinem entehrenden Stande ist so wenig gekannt, daß die Sprache keine Bezeichnung für ihn hat, und selbst die sogenannten „Strafreden“, die mit einem ganzen Heere von Gebrechen, Gebresten, Pestilenzen und Plagen dem Gesetzübertreter drohen, kennen wohl die Verarmung aber das Betteln nicht. Ein späterer Psalm (109) weiß erst von dem Fluche, daß „die Söhne herumstreifen, heischen und verlangen“, doch kann er dies nur umschreibend bezeichnen. Dem Volke aber war ebenfalls nur ein Mann der Gerechtigkeit Derjenige, der sagen kann: „Ich bin des Blinden Auge, des Lahmen Fuß, des Dürftigen Vater, des Fremdlings Anwalt; ich weine mit dem Bedrängten und traure mit dem Jammernden“, und dieses Volkes Spruchweisheit stellt Verspottung der Armen der Gotteslästerung gleich.

Indessen waren die ursprünglichen und einfachen Verhältnisse nicht von langer Dauer. Immer mannigfaltiger verschlangen sich die Interessen, immer bunter gestalteten sich die gesellschaftlichen Beziehungen; reger war die Luft am Geldbesitze, trüber das Loos der Armen, reicher der Geist an Anschauungen, ärmer das Herz an Empfindungen. Schon die Propheten klagten, daß das Recht der Armen gebeugt werde, und der Verlust der Unabhängigkeit des jüdischen Staates, die Berührung, in die man mit andern Pracht und Macht liebenden Nationen kam, waren nicht ge- eignet, die Rückkehr zur alten Einfachheit zu erleichtern. Esra und Nehemias machten noch die letzten vergeblichen Anstrengungen, die alte biblische Gleichberechtigung aller Insassen wieder herzustellen, und bald nach ihnen mußte ein neues Armengesetz auf erweiterte Grundlagen erbaut werden – eine Armenverfassung, die an Tiefe der Empfindung, an Welt- und Menschenkenntniß, an Reichthum der Anschauungen und zarter Auffassung der Verhältnisse Alles weit hinter sich läßt, was die damalige Mitwelt und die ein Jahrtausend spätere Nachwelt in dieser Rücksicht gedacht und gewirkt hat. Wir werden bei deren Darstellung die Quellen meist mit eigenen Worten sprechen lassen, doch muß manche kostbare Perle aus Mangel an Raum zurückbleiben.

Die Herbeiführung einer vollständigen Gleichheit der Geschicke wird zu einer und derselben Zeit vergeblich angestrebt, sie muß dem Großen und Ganzen der Weltgeschichte überlassen werden; denn die Schicksale sind Eimer am rollende Rade, von denen sich einer leert, wenn der andere sich füllt. Es deckt sich aber auch der Mangel hüben nicht durch den Ueberfluß drüben; denn keine Grube wird vom eignen Schutte wieder voll. Darum hat das Armengesetz auf Weckung und Verwerthung der vorhandenen Kräfte zu sehen. Armuth ist Tod, der Arme ein todtes Glied im Organismus der Menschheit, das wiederbelebt sein will. Die Quellen der Armuth aber sind theils Stillstand, theils Mißbrauch der Kräfte. Lieber mache Du der den Sabbat Dir zum Werketag, oder ziehe auf offener Straße das Fell dem Aase ab, nur mache Dich von fremder Unterstützung unabhängig. Wild und Vogel verstehen ihr Gewerbe, darum ernähren sie sich sorglos, und wenn ein Vater seinen Sohn kein Gewerbe lernen läßt, so erzieht er ihn zum Gauner. „Der Mann von Bildung kann verarmen, dulden, leiden, – aber betteln wird er nie, niemals an die Thüren pochen,“ gilt dem Talmud als Erfahrungssatz. Aber auch Geiz wie Verschwendung, Unreinlichkeit wie Aufwand, Leichtsinn wie Ungenügsamkeit und noch andere Gegensätze, die aus dem Mißbrauche der Kräfte hervorgehen, eröffnen der Armuth eine Gasse. Darum sind Arbeit, Liebe und Zufriedenheit das Salz des Vermögens, die es vor Verwesung schützen.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

Ausgabe 20 vom 20.05.1870, S. 230

II.
Fahrende Juden. 

Tief in der Menschennatur ist der Wandertrieb begründet, denn er wurzelt in jener Wechselbedürftigkeit der unstäten Seele, woraus jedes Streben, über das Gegebene und Herkömmliche hinaus, von einer Stufe des Fortschritts zur stets höheren emporzukommen, seinen Ursprung nimmt. Der ruhelose Drang, der den Abenteurer in die Ferne treibt, ist Eins mit jenem Behagen, das selbst der nüchternste Philister am Räthselhaften, Geheimnisvollen und dem Gegensatz zum Alltagsleben empfindet; denn in ihm wie in jedem Menschen steckt ein gutes Stück naturwüchsiger Landstreicherei. Ganz besonders aber gab es in unserer Mitte zu allen Zeiten einzelne Menschen wie ganze Familien, in denen eine erb- und eigenthümliche Unruhe und Wanderlust waltete, die an die nomadische Abkunft unseres Stammes erinnert. Allerdings befanden sich Jahrhunderte lang viele jüdische Familien, denen Aberglaube und Menschenhaß die Heimat versagten, sehr unfreiwillig auf ihrer Irr- und Wanderfahrt; aber schwerlich hätten sie ein so unseligunstätes Leben lange zu ertragen vermocht, wären sie im Punkte der Seßhaftigkeit verwöhnter gewesen, und hätten sie sich nicht einen Rest der uralten Nomadennatur für die späteren Zeiten aufbewahrt.

Damit hing aber auch jenes Mitgefühl für Elend und Heimatlosigkeit zusammen, auf das im jüdischen Gesetz mit Zuversicht gerechnet wird. „Ihr wißt es ja, wie einem Fremden zu Muthe ist“ heißt es, und in dieser Voraussetzung wird auch das Gastrecht durch gar keine Maßregel bestimmt, weil man einen Frevel gegen dasselbe nicht annehmen wollte. Die biblischen Scenen, wie der Wirth den Gast auf der Straße sucht, ihn ins Haus bringt, Wasser zur Waschung, Speise für Menschen, Futter für die Lastthiere herbeischafft, zum Abschiede jenen noch eine Strecke begleitet; wie für wiederkehrende Gäste eigene Gemächer eingerichtet werden – all das ist hinlänglich bekannt, und die jüdische Gastfreundschaft schon oft gepriesen und besungen worden. Die Beschreibung dieser Tugend bildet in dem Kranze, den Dichtung und Sage allen Helden der Vorzeit von den Patriarchen bis auf Ijob gewunden, immer die schönste und duftendste Blume, und uns bleibt nur zu erinnern übrig, daß auch die Reisenden oft reiche Gaben ihren Wirthen brachten. Viele hatten sich nämlich nur zu Zwecken der Volksbildung auf Wanderung begeben, wohin vornehmlich die Propheten zu zählen sind. So machte Samuel alljährlich seine Rundreisen durch Palästina, ordnend, richtend lehrend. So treffen wir Elija und Elisa von Stadt zu Stadt rastlos streifen, so gehören fast alle Propheten zu den fahrenden Personen – das lebendige Gewissen wandert mahnend durch des Volkes Stämme!

An sie schlossen sich zahlreiche Wallfahrer, zu dem anfänglich ebenfalls wandernden Heiligthume, die den frommen Sinn belebten. Minder bedeutsam waren die Streifzüge der im Nomadenstande verbliebenen Familien, wie die der Rechabiten, welche auf letztwillige Anordnung ihres Ahnherrn Jonadab dem Wein, dem Ackerbau und der Ansässigkeit entsagten, und von denen man schon in alter Zeit die Seele der Essäer ableiten wollte. Anderseits lockte die geographische Lage Palästina, an Asiens wie Afrikas Pforte, viele Fremde herbei und doch bestanden keine Gasthäuser und wurden erst später Herbergen, als fromme Stiftungen eingerichtet. Als solche wird die eines gewissen Kimhom in der Bibel genannt; Gegenstand eines Gewerbes wurden aber solche Gasthäuser unter der Verwaltung von Nichtjuden, wie die im Thalmud unter dem griechischen Namen Pandochien (Pundókioth) vorkommenden Einkehrhäuser.

Als das tragische Verhängniß, das die Glieder des Volkes weithin versprengte, sich erfüllt hatte, dauerte es eine lange Zeit, ehe man auf den Segen eines örtlichen Mittelpunktes, von dem aus Lehr und Leben wie Blut aus dem Herzen in die Adern strömen sollte, verzichten gelernt hatte. Da war nun bald die eine bald die andere Schule am Jordan oder am Euphrat, das neue geistige Jerusalem und das leuchtende Ziel fahrende Schüler. Dazu ziehen Volksredner tröstend, mahnend, lehrend, Emissäre der Schulen, die gesetzlichen Entscheidungen in die Ferne tragend, von Ort zu Ort; aber leider schließen sich ihnen an: Pilger, die zu Ruinen und Gräbern wallen, Krüppel die Gebrechen zur Schau tragen, Abenteurer aller Art, die alle die Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Schon geiselt der Volkswitz die Schattenseiten der fahrenden Leute und das herrschende Sprichwort „Bei Reisenden Zwischenträgerei, wie bei alten Lumpen Ungeziefer zeugt, daß man schon viel an Naivität in diesem Punkte verloren hatte. Man weist den Wandernden das Nachtlager auf dem Söller an, läßt aber zur Schlafenszeit die schwere Holztreppe, die hinaufführt, wegräumen; denn „der liebwerthe Gast könne doch ein Gauner sein“. [unleserlich] den Lehrhäusern predigt man: Traue jedem Fremden, wie einem Wegelagerer, aber pflege ihn, als wäre er Patriarch.

Unter solchen Verhältnissen wurden wieder Gesetze der Gastfreundschaft nothwendig, die man nur als Anstandsgesetze ausgab. Ihre wesentlichen Punkte sind in Folgendem enthalten: Pflege der Wanderer stehet höher als Besuch des Bethauses, und der Tisch, an dem Armen speisen, vertritt des Tempels Opferherd. Es werden eigene Predigten zur Verherrlichung der Xenia (so nannten sie die Fremdenliebe) an das Volk gehalten, doch führte man auch einige Erleichterungen ein. Hierher gehört die oben erwähnte Tamchuj, zu der [unleserlich] Speisen, die noch nicht verzehntet wurden, verwendet werden konnten. Unbekannte Durchreisende erhalten nur eine Mahlzeit täglich, übernachten sie, eine mit Polstern und Decken versehene Lagerstatt; kommen sie Feiertage an, so haben sie auf drei, in einem Locale neben der Synagoge zu verabreichende Mahlzeiten Anspruch. Von daher schr[unleserlich] sich der noch heute stattfindende Brauch, daß der Vorbeter in der Synagoge den Festgruß (Kidusch) über einen Weinpocal spricht, da ihm die Gemeinde als Wirth vertreten ist, welchem Letzteren die Pflicht obliegt, beim Eingange des Sabbats den Weihespruch vor der ersten Festmahlzeit vorzutragen. Am Sonntage erhalten die Bettler ihre [unleserlich]zehrung und werden entlassen.

(Fortsetzung folgt.)

 

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